Göttinger Migrationsforscherin fordert: Schluss mit Visumzwang

Migrationsforscherin der Uni Göttingen: Prof. Dr. Sabine Hess. Foto: nh

Göttingen. Die EU und ihre Grenzschutzagentur Frontex haben laut Prof. Dr. Sabine Hess das Sterben auf dem Mittelmeer einkalkuliert, sagt die Göttinger Migrationsforscherin der Uni Göttingen, Prof. Dr. Sabine Hess.

Sie wirft der Politik in der EU auch Zynismus im Umgang mit Flüchtlingen vor.

Sie fordert deshalb nach der Flüchtlingskatastrophe im Mittelmeer, bei der etwa 950 sterben mussten, Veränderungen: Zum einen die Neuauflage der Küstenrettungswache „Mare Nostrum“ und zum anderen eine Aufhebung des Visumzwangs für bestimmte Länder.

„Der überwiegende Anteil von Bürgerkriegsflüchtlingen stammt zurzeit aus Syrien, Eritrea und Somalia“, erläutert Hess, die als Direktorin das Göttinger Zentrum für Geschlechterforschung leitet. „Der Visumzwang nimmt diesen Menschen jede Möglichkeit, legal zu fliehen und in Europa einzuwandern. Dabei könnten Flüchtlinge aus Syrien in Europa mit Anerkennungsquoten von über 89 Prozent rechnen. Eine Aufhebung des Visumzwangs für diese Länder wäre demnach das Gebot der Stunde.“

Nach Ansicht von Sabine Hess, die seit 1996 zu den Bereichen Migration, Rassismus und Grenze forscht, und ihrem Verbund „Labor für kritische Migrations- und Grenzregimeforschung“ war die Katastrophe im Mittelmeer vorhersehbar.

Ende 2014 hatte die italienische Regierung die Seenotrettungsaktion „Mare Nostrum“ eingestellt, die sie als Reaktion auf das Schiffsunglück vor Lampedusa im Oktober 2014 als einziger Mittelmeerstaat gestartet hatte. Nachdem jedoch weder die Europäische Union noch andere Mitgliedsländer Italien finanziell unter die Arme greifen wollten, sah sich die italienische Regierung genötigt, ihre Rettungsschiffe wieder in die Häfen zurückzuholen.

Abgelöst wurde Mare Nostrum durch ein viel kleiner konzipiertes Programm der europäischen Grenzschutzagentur Frontex, die klargemacht hätte, nicht für Seenotrettung zuständig zu sein.

Damit sei laut Sabine Hess die Katastrophe vorprogrammiert gewesen, hätten nach ihrer Meinung die Europäische Union und ihre Grenzschutzagentur Frontex das Sterben auf dem Mittelmeer einkalkuliert.

Die Wissenschaftlerin Sabine Hess von der Universität Göttingen fordert deshalb eine Neuauflage von „Mare Nostrum“ sowie ein Ende der Kriminalisierung von privaten Booten und Frachtschiffen, die in Seenot geratenen Flüchtlingsschiffen ihre Unterstützung anbieten.

„Es ist zynisch, Bürgerkriegsflüchtlinge erst in die Hände von Schleppern zu treiben und sie damit auf unsichere Einwanderungswege zu leiten, und anschließend denen, die nicht ertrunken sind, Schutzwürdigkeit auszustellen“, sagt Hess.

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