1. Startseite
  2. Lokales
  3. Göttingen
  4. Göttingen

Göttinger Frauenmord-Urteil: Verteidigung des 44-jährigen Täters geht in Revision

Erstellt:

Von: Heidi Niemann

Kommentare

Vorsitzender Richter Tobias Jakubetz im Landgericht Göttingen
Vorsitzender Richter Tobias Jakubetz in der Urteilsbegründung am Landgericht Göttingen: Der 44-Jährige hat die 51-jährige Göttingerin „aus kalter Wut erwürgt“. © Swen Pförtner/dpa

Der Mordprozess gegen einen 44-Jährigen aus Hannover hat ein Nachspiel, es geht in die Revision, am BGH. Das aber wurde kritisiert für den Umgang mit Beziehungsopfern.

Göttingen – Mord oder Totschlag? Selten ist eine Entscheidung des Landgerichts über die strafrechtliche Bewertung eines Tötungsdelikts mit so großer Spannung erwartet worden wie in dem Prozess gegen einen 44-jährigen IT-Spezialisten aus Hannover. Dass der Angeklagte im August 2021 seine 51-jährige Ex-Freundin in deren Wohnung umgebracht hat, daran gab es nach der Beweisaufnahme keine Zweifel, auch, weil er gestanden hatte. Das Urteil: Es war Mord – in zweifacher Hinsicht: Der Angeklagte habe heimtückisch und aus niedrigen Beweggründen gehandelt.

Mord-Prozess in Göttingen: Nachvollziehbar begründetes Urteil - Mord und lebenslang

Dass die Kammer eine lebenslange Freiheitsstrafe verhängen und voll dem Antrag der Staatsanwaltschaft folgen würde, hatten besonders die Angehörigen und Freundinnen des Opfers gehofft, aber nicht unbedingt erwartet. „Wir sind sehr froh darüber, dass es so ausgegangen ist“, sagte Rechtsanwalt Steffen Hörning, ein Nebenklagevertreter. Auch Staatsanwalt Andreas Buick war zufrieden: „Das war ein absolut sachgerechtes Urteil, das nachvollziehbar begründet wurde.“

Mord-Prozess in Göttingen: Staatsanwalt und Nebenklage-Anwalt kritisieren Bundesgerichtshof

Spannend war die Entscheidung auch, weil sowohl Staatsanwaltschaft als auch Nebenklage in ihren Plädoyers die Rechtsprechung des Bundesgerichtshofs (BGH) kritisiert hatten. Laut BGH muss die Tötung eines Intimpartners, der sich vom Täter abwenden will oder abgewendet hat, nicht zwangsläufig als durch niedrige Beweggründe motiviert bewertet werden. Gerade der Umstand, dass eine Trennung vom Tatopfer ausgegangen ist, dürfe „als gegen die Niedrigkeit des Beweggrundes sprechender Umstand“ beurteilt werden.

Mord-Prozess in Göttingen: Kritik von Opferanwalt - indirekte wird Opfern von Beziehungstaten Mitschuld gegeben

Steffen Hörning hält diese Rechtsprechung für dringend reformbedürftig. Mit der Argumentation werde den getöteten Frauen (bei Trennungstötungen gibt es fast nur weibliche Opfer) eine Mitschuld gegeben, kritisiert er. Implizit schwinge der Vorwurf mit: „Hätte sie sich nicht getrennt, würde sie noch leben.“ Wenn jemand die Lebensentscheidung eines anderen nicht akzeptiere und diesen deshalb töte, so stehe dies auf sittlich tiefster Stufe, sagte Hörning. Auch Staatsanwalt Buick forderte: „Es wird Zeit, dass der BGH seine Rechtsprechung überdenkt.“ Die Tat des Angeklagten sei besonders verwerflich und verachtenswert.

Mord-Prozess in Göttingen: Täter hatte keine Gefühle der Verzweiflung, sagt der Richter

Für das Schwurgericht war das Mordmerkmal der niedrigen Beweggründe erfüllt. Vorsitzender Richter Tobias Jakubetz begründete: Nach den Vorgaben des BGH sind niedrige Beweggründe bei Trennungstötungen dann fraglich, wenn „Gefühle der Verzweiflung und inneren Ausweglosigkeit tatauslösend und tatbestimmend“ seien. Gefühle der Verzweiflung seien beim Angeklagten nicht zu erkennen gewesen, er habe sie „aus kalter Wut erwürgt“, sagte Jakubetz.

Mord-Prozess in Göttingen: Täter lieferte selbst das entscheidende Beweismittel - eine heimliche Gesprächsaufzeichnung

Das entscheidende Beweismittel für diese Einschätzung hatte der Angeklagte geliefert: Er hatte am Vorabend der Tat die 51-Jährige besucht und das Gespräch heimlich aufgezeichnet. Die Aufnahme wurde im Prozess abgespielt und erwies sich als aufschlussreich: Nicht der Angeklagte sei verzweifelt gewesen, sondern seine Ex-Freundin, sagte der Richter.

Mord-Prozess in Göttingen: Der Richter sagt: „Es war eine abscheuliche Tat“

Sie habe geweint, weil er es kategorisch ablehnte, die Beziehung als Freundschaft weiterzuführen. Der Angeklagte sei wütend gewesen, dass sie sich seinen Bedingungen nicht gebeugt habe. Fazit des Richters: „Es war eine abscheuliche Tat.“

Mord-Prozess in Göttingen: Verteidigung des Täters sieht Tötung statt Mord

Die Verteidigung hat Revision gegen das Urteil eingelegt, geht von Totschlag statt Mord aus. Der Fall geht ans BGH.

Die Menschenrechtsorganisation „Terre des femmes“ teilte mit: Das Urteil sei „ein wichtiger Schritt, um Gewalt gegen Frauen systematisch zu bekämpfen und Täter härter zu bestrafen“.

(Heidi Niemann)

Auch interessant

Kommentare