Interview: „Verrückt danach, aufzutreten“

Göttinger Orchesterchef Nicholas Milton spricht über die Liebe zum Publikum

Mann mit Ausstrahlung: Nicholas Milton ist der musikalische Chef im Göttinger Symphonie Orchester (GSO). Der gebürtige Australier ist in Göttingen so glücklich, wie nie zuvor an einem Arbeitsort, sagt er im Interview.
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Mann mit Ausstrahlung: Nicholas Milton ist der musikalische Chef im Göttinger Symphonie Orchester (GSO). Der gebürtige Australier ist in Göttingen so glücklich, wie nie zuvor an einem Arbeitsort, sagt er im Interview.

Ein Australier in Göttingen: Nicholas Milton leitet seit Sommer 2018 das Göttinger Symphonie Orchester (GSO).

Göttingen – Er und die Musiker durchleben schwere Zeiten. Milton aber blickt nach vorne, bald soll wieder vor Publikum musiziert werden, wie er im Gespräch sagt.

Was lieben Sie in Göttingen besonders?
Was ich mit jedem Konzert merke und was mich im Herzen so begeistert, ist diese Liebe des Publikums für das GSO. Was mich hier sofort gefangen hat, ist auch, dass es eine Beziehung zwischen den Menschen und dem Orchester in der Stadt gibt. Das liegt sicher auch in der Tradition begründet. 1862, als das GSO von Bürgern gegründet wurde, gab es in Australien noch gar keine Orchester.
Ist diese Nähe zwischen Orchester und Publikum zu spüren?
Absolut. Das Orchester sucht die Verbindung mit dem Publikum. Wir sehnen uns förmlich danach. Und das Publikum reagiert darauf. Es gibt eine Symbiose zwischen Publikum und Orchester. Das passt wunderbar zu meiner Art. Wir wollen den Menschen, die kommen, etwas für deren Herzen zu geben. Wir arbeiten mit unseren Programmen dafür, unser großes Publikum zu erreichen - mit einem möglichst breit gefächerten Angebot.
Wie kreiert man dieses Miteinander? Sie sind als Dirigent dynamisch, das Orchester spielt unter Ihnen lauter, kraftvoller als zuvor.
Man kann diese Verbindung über die Musik, die Art und Weise und ohne Worte, ohne Moderation erzeugen. Die Musiker müssen etwas ausstrahlen, mit Begeisterung spielen - und das tun sie. Und ich muss aufmerksam dirigieren, mit offenen Augen und sichtbarer Begeisterung dafür, was wir gerade musikalisch kreieren. Wir sind als Musiker Gestalter der Zeit. Das hört auch wieder auf - und dann kommt es darauf an, was bleibt bei den Zuhörern, in deren Köpfen und Herzen.
Wie beeinflusst das Umfeld Sie als musikalischen Leiter?
Stadtverwaltung, Aufsichtsrat, Geschäftsführung - man muss auch den Willen all derer verstehen. Ich bin dabei, das zu tun, um das wertvolle Schiff GSO, das Visionen, Wünsche, Träume, Liebe und Hoffnung transportiert, zu lenken. Dabei liegen auch Steine im Wasser. Einen umfahren wir gerade, der heißt Corona. Aber das Schiff fährt weiter. Und so ist auch die Arbeit als Dirigent. Wir haben auf unserem Schiff alle möglichen Passagiere, ältere und erfahrene Musiker, die uns so viel geben und die wir schätzen, sowie Jüngere, die an Bord bleiben oder später auf anderen Schiffen eine andere Reise antreten werden. Manchmal ist es magisch: Das Orchester spielt und Du hast eine Idee. Das Orchester setzt sie um - und die Fahrt geht weiter - voran. Es ist manchmal der magische Moment, in dem man etwas bewegt, was man nicht vorbereiten kann.
Hatten sie 2019, als sie zunächst auf Probe dirigierten, dann im Sommer fest begannen, diesen warmen Empfang erwartet?
Ich wusste, dass Christoph Mathias Mueller hier ein wunderbares Orchester hatte und in seiner Amtszeit so viele tolle Dinge geschaffen hatte. Das habe ich bewundert. Natürlich ist es schwer, in solche Fußstapfen zu treten, aber trotzdem bin ich optimistisch an die Aufgabe herangegangen, weil ich zuvor schon mit dem Orchester gearbeitet hatte. Mit dem GSO hatte ich 2004 oder 2005 mein erstes Gastspiel in Deutschland überhaupt. Mein Gefühl war: das ist ein tolles Orchester, eines, das bereit war, schnell neue Ideen umzusetzen. So ist es auch heute. Kurzum: Ich bin so glücklich wie nie zuvor als Dirigent mit einem Orchester und dem Publikum dazu. Ich fühle mich zu Hause. Das ist das Schönste.
Langjährige Abonnenten sagen, das GSO ist mit Ihnen noch eine Stufe aufgestiegen, noch besser geworden..
Schön zu hören! Das Dankeschön gebe ich auch an meine Vorgänger weiter. Das GSO hat übrigens große Dirigenten erlebt wie Richard Strauß und Max Reger. Die Chefdirigenten vor mir - Volker Schmidt-Gertenbach, Christian Simonis und Christoph Mathias Mueller - haben es weiterentwickelt. Mit ihnen arbeite ich weiter eng zusammen. Christoph Mathias Mueller war 15 Jahre hier, er hat hier eine Kultur und Struktur im Orchester geschaffen und gefördert: Das Orchester will immer gut spielen. Sie haben einen Standard - und darunter spielen sie nicht. Das zeigt die Klasse, den Stolz und die Spielfreude der Musiker. Ich versuche, das alles zu unterstützen. Meine Arbeit ist es auch, eine Orchestertradition zu deuten: Was wollen sie spielen? Wie wollen sie es spielen? Es gilt, zu herauszufiltern, welchen speziellen Klang das Göttinger Symphonie Orchester hat. Das zu beantworten ist schwierig, aber ist der Schlüssel zur Verbesserung. Es gibt das Zitat eines Londoner Konzertmeisters, der sagte: Die besten Dirigenten sind die, die dirigieren, wie wir spielen wollen.“ Dieser mit englischem Humor gesagte Satz - beinhaltet aber den Kern.
Versuchen Sie einzelne Musiker besser zu machen?
Immer. Aber es geht darum, wie man das macht. Eine Kette ist immer nur so stark, wie das schwächste Glied. Im Orchester ist es genau umgekehrt. Du hast einen tollen Musiker, der großartig spielt, in einem Moment - und dann passiert das Wunder: Alle gehen mit - alle werden in diesem Moment besser. Das sind Gänsehautmomente. Und dann kommt der Charakter des Orchesters hinzu: Beim GSO der Anspruch, immer starke Leistungen abzuliefern. Das ist für mich sehr inspirierend.
Spüren Sie diesen Willen, diese Kultur auch bei Politik und Verwaltung?
Ja, unbedingt. Bei uns wollen das alle, die Geschäftsführung, der Oberbürgermeister, die Politik, die Verwaltung und die Förderer. Vielleicht weil alle wissen, was sie haben: Das GSO ist ein Juwel der Stadt, ein Diamant. Unsere nächste Spielzeit wird den Titel „Brillant“ tragen.
Wie kam es dazu?
Ich suchte ein Wort, das diese Stadt, dieses Orchester beschreibt. Beweis der Brillanz war eines der letzten Konzerte, bevor uns Corona lahm gelegt hat - es war Barockmusik von Telemann. Das spielen normalerweise Spezialisten. Maurice Steger hat als Spezialist für diese Musik bestätigt, dass das Orchester auf einem fantastischen Niveau in diesem Repertoire gespielt hat. Als Kontrast: Ich arbeitete diese Spielzeit mit dem GSO an der Musik von James-Bond-Filmen, mit einer Sängerin, die schon für das Royal Philharmonic Orchestra in London gesungen hat - das RPO hat auch die James Bond Filmmusiken eingespielt. Die Sängerin sagte: Das GSO sei ein Traum! Wahnsinn! Kurzum: Egal ob Mozart, Bach, Barock, Brahms oder James Bond, Gershwin und Latino-Musik - so eine Offenheit ist außergewöhnlich. Deutsche Orchester haben oft Schwierigkeiten mit dem Jazz-Feeling wie bei Gershwin-Stücken, nicht so das GSO. Im Broadway-Konzert hat das Orchester wunderbar gegroovt.
Woher rührt diese Offenheit, diese Vielseitigkeit?
Vielleicht ist dafür die Tradition in der Stadt, die Offenheit für Neues - auch dank der Universität - ein Grund. Und: Das GSO spielt 140 Konzerte pro Jahr - das ist sehr viel und da muss man sehr schnell etwas Neues umsetzen, schnell denken können. Diese Geschwindigkeit und Flexibilität der Musiker des GSO bewundere ich immer wieder.
Schwierige Zeit Corona - es fehlen die geliebten Auftritte - wie gehen alle damit um?
Die Musiker des GSO haben eine Verantwortung, mit ihrer Musik Freude zu bereiten, Hoffnung in die Gesellschaft zu transportieren. Sobald das wieder in unserer gewohnten Besetzung möglich ist, werden wird das natürlich machen. Wir im GSO arbeiten und wollen liefern, aber das ist gerade nicht möglich. Wir sind bereit, denn es wird eine Nach-Corona-Zeit geben. Die Musiker arbeiten daraufhin, täglich, alleine, in Kleingruppen, mehrere Stunden. Das ist wichtig. Die Musiker sind verrückt darauf, wieder aufzutreten. Bis zu sechs haben in Altenheimen, auch in Northeim und Einbeck, gespielt. Sie tun das freiwillig, denn sie sind in Kurzarbeit. Ich war ein paar Mal dabei und habe bei Wind die Notenblätter gehalten. Im Publikum haben manche sogar geweint. Beeindruckend.
Im Flugzeug dürfen 250 Menschen über Stunden dicht zusammensitzen, im Theater, in der Konzerthalle aber nicht - was denken Sie darüber?
Ich bin kein Politiker. Aber im Kulturbereich wurde zuerst alles gestoppt. Und er ist der letzte Bereich, wo wieder geöffnet wird. Als Deutscher erwartet man eine Souveränität bei Entscheidungen. Die sehe ich diesbezüglich nicht immer. Diese Unterschiede verstehe ich nicht ganz. Als Künstler müssen wir Vorbilder sein, wir müssen uns so verhalten, dass es korrekt ist. Aber: Musik ist gut für die Menschen - auch in der Krise.
Sie haben ein Video in der Lokhalle eingespielt - mit der ganzen Mannschaft. Sie könnten dort auch live vor Publikum spielen..
Ja, es kündigt sich eine Lösung an - in der Lokhalle. Wir wollen dort im September auftreten - vor Publikum. Wir haben mit der riesigen Lokhalle einen Vorteil, dort kann unter Einhaltung der Abstandsregeln ein relativ großes Publikum dabei sein. Diese Konzerte und die Ankündigung der neuen Spielzeit sind ein Signal: Wir kommen wieder, wir sind zurück! Für mich ist es aktuell eine schwierige Zeit, ich kann nicht machen, was ich liebe. Aber ich bereite mir die Partituren vor, ich studiere die Musik. Wichtig ist generell: Wir arbeiten Hand in Hand mit der Stadt. Wir fahren gerade durch eine Strömung, wir müssen da durch, wir kommen da durch.

Zur Person

Nicholas Milton (53), in Sydney, Australien, geboren, leitet seit August 2018 das Göttinger Symphonie Orchester (GSO). Milton studierte Violine, Dirigieren, Musiktheorie und Philosophie. Er promovierte in New York. Seine Laufbahn als Musiker begann Milton als Geiger und Kammermusiker. 1996 wurde er Konzertmeister des Adelaide Symphony Orchestra, von 2004 bis 2010 war er auch Generalmusikdirektor der Jenaer Philharmonie. Seit 2007 ist er Chefdirigent des Canberra Symphony Orchestra.

Von Thomas Kopietz

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