„Da läuft es mir kalt den Rücken runter“

Göttinger Pastor und Diakonie-Werk-Chef Harms kritisiert Ideen zu assistierter Suizidhilfe

Thomas Harms
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Thomas Harms, Diakonie Pastor in Göttingen

Der Vorstand des Diakonischen Werks Christophorus Göttingen, Pastor Thomas Harms, hat scharfe Kritik an Äußerungen des Präsidenten des evangelischen Wohlfahrtsverbandes Diakonie, Ulrich Lilie, geübt.

Göttingen – Lilie hatte kürzlich in einem gemeinsam mit anderen Kirchenvertretern und Kirchenvertreterinnen verfassten Zeitungsbeitrag erklärt, dass auch und gerade in kirchlichen sowie diakonischen Einrichtungen ein assistierter Suizid möglich sein sollte. Im Interview erläutert der Göttinger Pastor seine ablehnende Haltung,

Herr Harms, warum sind Sie über diesen Vorstoß so entsetzt?
Ich bin Vorsteher einer großen diakonischen Einrichtung. Seelsorgerliche Begleitung beim assistierten Suizid in diakonischen Einrichtungen: Dass Theologen solche Gedankenspiele betreiben, lässt mich schaudern. Ich frage mich, wie diese zu dem Schluss kommen, dass auch und gerade in kirchlichen und diakonischen Einrichtungen der Selbstmord als Kausalie, also als kirchliche Amtshandlung, zu verabreichen sei. Für mich als Theologen ist eine seelsorgerliche Begleitung eines assistierten Selbstmordes das Tabu schlechthin. Hier ist nichts, aber auch gar nichts zu Ende gedacht.
Was hätten denn Herr Lilie und die anderen Kirchenvertreter mit bedenken sollen?
Ich mache das mal am Beispiel unserer Einrichtung deutlich. In der Diakonie Christophorus in Göttingen leben etwa 150 Menschen mit zum Teil schwersten geistigen und körperlichen Beeinträchtigungen. Was könnte hier assistierte Suizidhilfe bedeuten? Nehmen wir beispielsweise einmal an, ein gesetzlicher Betreuer mutmaßt, dass eine unserer Bewohnerinnen Suizidabsichten hat. Diese ist aber aufgrund ihrer Behinderung überhaupt nicht imstande, sich selbst dahingehend zu artikulieren. Wird dann eine wie auch immer geartete Ethikkommission entscheiden, ob unsere Bewohnerin gerne assistiert aus dem Leben scheiden würde? Und dann? Wie und mit welchen Mitteln soll sodann getötet werden? Und wer ist dann der Sensenmann? Wer dreht den Hahn bei behinderten Menschen auf? Das sind Fragen, bei denen es mir kalt den Rücken herunterläuft.
Was kann und sollte denn die Diakonie tun, um hilfebedürftigen Menschen Leben und Sterben zu erleichtern?
Wir begleiten unsere Bewohner und Bewohnerinnen palliativ. Das ist gut, und das ist so völlig ausreichend. Die Hospizbewegung ist ja im kirchlichen Bereich entstanden. Eines ihrer Grundprinzipien ist, dass Leben weder gewaltsam verkürzt noch verlängert werden darf. Ein bewusst herbeigeführter Tod ist damit nicht vereinbar. Universitäre Theologe, Diakonie und Kirche sollten sich vielmehr als „Protestleute gegen den Tod“ um die Mühseligen und Beladenen dieser Gesellschaft kümmern.

Thomas Harms

Thomas Harms (55) ist seit Januar 2020 Vorstand des Diakonischen Werkes Christophorus Göttingen. Der studierte Theologe und Pädagoge war vorher auch Seelsorger und sozialwissenschaftlicher Mitarbeiter im Landeskrankenhaus Moringen, Pastor in der Göttinger Kreuzkirche, Gefängnisseelsorger und Diakoniepastor in Göttingen. Von 2016 bis 2019 war er Pastor im Grenzdurchgangslager Friedland. 

Diakonie-Präsident Ulrich Lilie verteidigt seinen Vorstoß zur Suizidassistenz in kirchlichen Einrichtungen

Diakonie-Präsident Ulrich Lilie hat unterdessen den von ihm mitgetragenen Vorstoß für die Möglichkeit von Suizidassistenz in kirchlichen Einrichtungen verteidigt. „Niemand von uns will den Tod organisieren“, sagte Lilie. Es gehe um einen Aufschlag „zu einer anstehenden, nachdenklichen und differenzierten Debatte über die Frage, wie wir respektvoll, wertegebunden und ergebnisoffen mit dem Willen von Betroffenen umgehen“, sagte Lilie. Er verwahre sich „gegen Karikaturen unseres Anliegens, es gehe uns um ein geregeltes Angebot neben anderen oder einen Anspruch auf Sterbehilfe in unseren Einrichtungen“, sagte er: „Selbstverständlich bleibt die Diakonie Anwältin des Lebens.“

Im Januar war in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ ein Gastbeitrag erschienen, der sich für die Möglichkeit des assistierten Suizids in evangelischen Einrichtungen ausspricht. Zu den Autoren gehören neben Lilie der Theologe Reiner Anselm und die Theologin Isolde Karle sowie der hannoversche Landesbischof Ralf Meister, der Jurist Jacob Joussen und der Palliativmediziner der Universititätsmedizin Göttingen (UMG) Friedemann Nauck. Sie reagierten damit auf die Debatte um eine mögliche Neuregelung, nachdem das Bundesverfassungsgericht im vergangenen Jahr das Verbot organisierter Suizidassistenz etwa durch Sterbehilfeorganisationen gekippt hatte.

(Heidi Niemann)

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