Konflikt der Generationen?

Göttinger Politikwissenschaftler im Interview zum Ausgang der EU-Wahl

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Fridays For Future-Demonstration am 24. Mai: Tausende junge Menschen demonstrierten in Göttingen für den Klimaschutz. Auch die Europa-Wahl zeigte, wie hoch die jungen Generationen das Thema bewerten.

Wir sprachen mit Prof. Dr. Andreas Busch darüber, ob in Deutschland ein Generationenkonflikt droht, und weshalb sich junge Menschen häufig von der Politik missverstanden fühlen.

Das Ergebnis der großen Volksparteien bei der Europa-Wahl wäre noch desolater ausgefallen, hätten nur Menschen zwischen 18 und 30 Jahren gewählt, das sagt die Forschungsgruppe Wahlen. 33 Prozent der Stimmen dieser Personengruppe entfiel auf die Grünen – mehr als für Union und SPD zusammen.

Herr Busch, ist das Europa-Wahl-Ergebnis in Deutschland ein Zeichen für einen Konflikt zwischen Jung und Alt?

Jugendliche haben eigentlich schon immer anders gewählt als Ältere. Es gibt nun einmal unterschiedliche politische Problemwahrnehmungen und Interessen – denken Sie etwa an den Generationenvertrag zur Bezahlung der Renten der Älteren durch die Jüngeren. Aber die Vorstellung, hier würden sich zwei Gruppen bilden, die organisiert gegeneinander Politik machen, ist falsch. Ältere Menschen haben Kinder und Enkel, Jüngere haben Eltern und Großeltern – da will man einander nichts Böses.

Wieso haben denn so viele Junge die Grünen gewählt?

Die Europa-Wahl gehört zu den Wahlen, bei denen Bürger auch mal etwas neues ausprobieren. Außerdem wird der Klima-Wandel schon länger heftig diskutiert. Vielleicht hatten die Wähler auch das Gefühl, dass das Thema auf die europäische Bühne gehört. Es bleibt aber fraglich, ob die EU das Thema steuern kann.

Ist das Gefühl der Jüngeren, von der Politik benachteiligt zu werden, falsch?

Benachteiligung ist vielleicht das falsche Wort. Aufgrund des demografischen Wandels sind die Jüngeren in der Unterzahl und die Älteren noch ein paar Jahrzehnte im Vorteil. Zusätzlich sind Jüngere in der Politik unterrepräsentiert, weil sie in geringerer Zahl in die Parteien gehen. Dass die älteren Generationen das noch getan haben, kann man ihnen nicht vorwerfen.

Wieso diese Entwicklung?

Die Wahlbeteiligung ist in den vergangenen 30 bis 40 Jahren beständig gesunken, aber stärker bei den Jungen als bei den Alten: 1983 lag der Unterschied bei der Wahlbeteiligung bei über 60-Jährigen und unter 25-Jährigen bei zehn Prozentpunkten. 2013 waren es dann 20 Prozentpunkte. Es hat ein freiwilliger Rückzug aus der politischen Beteiligung durch Jüngere stattgefunden. Insofern ist es nicht verwunderlich, dass die Themen der Jüngeren im politischen Prozess weniger Beachtung finden.

Warum der Rückzug?

Junge Menschen engagieren sich heute eher in Organisationen, die sich auf ein Thema konzentrieren, statt in Parteien. Parteiarbeit kostet zudem Zeit und erfordert langfristiges Engagement. Das Problem der Unterrepräsentation ist aber lösbar, sollten die Jungen den Schluss ziehen, wieder verstärkt in die Parteien zu gehen.

Wie sehen Sie vor dem Hintergrund die Fridays For Future-Bewegung?

Ähnlich wie bei der Friedensbewegung vor 30 Jahren könnte sie eben dazu führen, dass Junge wieder an die politischen Schalthebel wollen.

Vielen Aktivisten dürfte dieser Weg zu lange dauern.

Rudi Dutschke sprach bei der 68er-Bewegung vom „langen Marsch durch die Institutionen“. Politische Einflussnahme braucht immer seine Zeit. Wer sofortige politische Änderungen verspricht, ist wahrscheinlich ein Scharlatan. Es ist gut, dass sich manche Veränderungen in langsamen Prozessen vollziehen, denn unsere Gesellschaft ist hochkomplex.

Ist es dann beim Klima-Wandel nicht zu spät?

Der erhobene moralische Zeigefinger ist gut für die Mobilisierung der Menschen, aber danach braucht es konstruktive Politik. Ein Arbeiter aus der Lausitz, einer Region, in der seit Generationen Kohle abgebaut wird, wird gerne noch sein Haus abbezahlen wollen, bevor der Kohleabbau dort gestoppt wird. In solchen Szenarien braucht es einen Interessenausgleich. Wie der klappen kann, darüber müssen wir streiten!

Prof. Dr. Andreas Busch, Uni Göttingen

Prof. Dr. Andreas Busch (56) studierte Politikwissenschaft, Volkswirtschaftslehre und Öffentliches Recht in München, Heidelberg und Oxford. Seit 2008 ist er an der Uni Göttingen Professor für Vergleichende Politikwissenschaft und Politische Ökonomie. Er ist seit 2014 Vorsitzender der Forschungskommission „Demografischer Wandel“ der Göttinger Akademie der Wissenschaften.

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