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Wie starb Kleopatras Schwester? Göttinger Professor erforscht Krankheiten und Morde

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Von: Heidi Niemann

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Ein Göttinger Wissenschaftler ermittelt in berühmten Todesfällen der Antike. So wie an dem Mord an Kleopatras jüngerer Schwester Arsinoë IV.

Göttingen – Ein Wissenschaftler aus Göttingen ermittelt in einem berühmten Todesfall der ägyptischen Antike: dem Mord an Kleopatras jüngere Schwester Arsinoë IV. Der Forscher ist der Anatomie-Professor Michael Schultz.

Der 76-Jährige hat bereits ägyptische Mumien in den Computertomografen (CT) geschoben, Knochen von Wikingern und antiken Königinnen durchleuchtet und norddeutsche Moorleichen untersucht, gilt als einer der weltweit anerkannter Experte auf dem Gebiet der Paläopathologie – befasst sich also mit der Erforschung von Krankheiten, unter denen Menschen in prähistorischen und historischen Epochen herumschlagen litten.

Göttinger Professor erforscht prähistorische Krankheiten und sogar Morde

Modernste Technik für uralte Funde: Der Göttinger Paläopathologe Prof. Michael Schultz hat zahlreiche Mumien im Computertomografen untersucht, unter anderem diese Mumie einer altägyptischen Priesterin.
Modernste Technik für uralte Funde: Der Göttinger Paläopathologe Prof. Michael Schultz hat zahlreiche Mumien im Computertomografen untersucht, unter anderem diese Mumie einer altägyptischen Priesterin. © Heidi Niemann

Schultz liest als Paläopathologe dank entwickelter Methoden aus uralten Knochen wie aus einem Buch: Denn Skelette eine Population speichern, wie Schultz sagt, Informationen über den damaligen Gesundheitszustand. So können so neue Erkenntnisse über die Art und Häufigkeit von Erkrankungen gewonnen werden.

„Knochen sind biohistorische Urkunden“, sagt Schultz. Prähistorische Skelettfunde seien eine wertvolle Quelle, weil sie Informationen über die Lebensbedingungen in weit zurückliegenden Epochen liefern, aus denen keine schriftlichen Überlieferungen vorliegen.

„Viele Krankheiten hinterlassen an Knochen typische Veränderungen, die noch nach Jahrhunderten nachweisbar sind.“ Dank moderner Techniken können Forscher heute Krankheiten und Verletzungen sicher diagnostizieren, die Menschen vor mehreren hundert oder tausend Jahren erlitten haben – und sie können sogar bei der Aufklärung von Mordfällen helfen.

Mordfall der ägyptischen Antike: Wie genau starb Kleopatras Schwester?

Wie im genannten Fall der jüngeren Schwester Kleopatras im Jahr 41 v.Chr., als Arsinoë IV. in ihrem Exil in Ephesos umgebracht wurde – vermutlich auf Initiative Kleopatras, die damit eine potenzielle Konkurrentin aus dem Weg räumen wollte, und auf Befehl ihres Geliebten Marcus Antonius. Mehr als 2000 Jahre nach dem Tod der ptolemäischen Königstochter ist indes immer noch unklar, wie und durch wen Kleopatras Schwester getötet wurde.

Schultz war mit der Geschichte von Kleopatras Schwester in Berührung gekommen, als er vor rund zehn Jahren in Ephesos in der heutigen Westtürkei Skelette untersuchte, die Archäologen bei Grabungen im byzantinischen Palast und der Marienkirche gefunden hatten.

„Bei diesem Forschungsprojekt erhielt ich die Gelegenheit, mir auch die Knochen der Arsinoë anzusehen“, erzählt Schultz. Das Skelett war 1926 in Ephesos in einem oktogonalen Bau in einer unterirdischen Grabkammer gefunden worden. Er habe dann von der Antikenbehörde die Genehmigung erhalten, einige Knochenproben zu entnehmen.

Professor Michael Schultz: Mit dem Mikroskop auf den Spuren des Verbrechens

Von diesem Material wurden dann Spezialknochendünnschliff-Präparate angefertigt. Die nur 50 Mikrometer dünnen Knochenquerschnitte (ein Mikrometer ist gleich ein tausendstel Millimeter) wurden mit 400-facher Vergrößerung mikroskopisch untersucht.

Auch dieser Fund landete in Göttingen: Anlässlich einer Sonderausstellung im Oldenburger Landesmuseum untersuchte Michael Schultz (hier mit Restauratorin Eva Schreiber) das einzige erhaltene Relikt einer Moorleiche, die 1784 bei Torfarbeitennahe Delmenhorst entdeckt wurde: das „Mädchen aus dem Bareler Moor“.
Auch dieser Fund landete in Göttingen: Anlässlich einer Sonderausstellung im Oldenburger Landesmuseum untersuchte Michael Schultz (hier mit Restauratorin Eva Schreiber) das einzige erhaltene Relikt einer Moorleiche, die 1784 bei Torfarbeitennahe Delmenhorst entdeckt wurde: das „Mädchen aus dem Bareler Moor“. © Heidi Niemann

Danach kann Schultz die bislang am häufigsten vermutete Todesursache nahezu ausschließen: „Ich habe selbst den kleinsten Knochen untersucht – nirgendwo fanden sich Spuren einer Gewalteinwirkung.“ Dafür stieß er auf eine andere Spur: Im mikroskopischen Befund fielen an den Knochenrändern Ausbuchtungen und Löcher auf, die auf die gesteigerte Aktivität von Fresszellen – Osteoklasten – hindeuten.

„Zum Todeszeitpunkt gab es am gesamten Skelettsystem einen lebhaften Knochenabbau“, schldert Schultz. „Dieser schleichende Prozess könnte etwas mit dem Tod zu tun gehabt haben.“

Möglicherweise wurde Kleopatras Schwester vergiftet

Was aber war der Auslöser für diese Überaktivität der Fresszellen? Der Mediziner hat einen Verdacht: „Möglicherweise wurde Arsinoë vergiftet.“ Bislang ist dies allerdings nur eine Vermutung, die sich aber durch eine neue Untersuchungsmethode möglicherweise erhärten lässt.

Prof. Michael Schultz, Paläopathologe an der Uni Göttingen.
Prof. Michael Schultz, Paläopathologe an der Uni Göttingen. © Heidi Niemann

Die Biochemikerin Dr.Tyede Schmidt-Schultz, die ebenfalls in der Arbeitsgruppe Paläopathologie tätig ist, hat eine Methode entwickelt, extrazelluläre Matrixproteine aus Jahrtausende alten Knochen zu extrahieren.

Mit dieser Methode konnten bereits Infektionskrankheiten – zum Beispiel Tuberkulose, Syphilis oder bakterielle Meningitis – über typische Marker mit spezifischen Antikörpern identifiziert werden. „Deshalb ist anzunehmen, dass im Fall einer Vergiftung der Arsinoë Proteine nachweisbar sind, die durch die Intoxikation gebildet wurden“, sagt Schultz.

Ob sich dieser Verdacht erhärten lässt, müssen jetzt die weiteren Untersuchungen zeigen. Bis Herbst 2023 hat Michael Schultz noch Zeit dafür. Dann geht der 76-jährige Wissenschaftler endgültig in den Ruhestand. (Heidi Niemann)

Bei der großen Mumien-Ausstellung in Hildesheim war auch Göttingen mit dabei. In die Ausstellungsvitrinen der Uni Göttingen sind vier Mumien zurückgekehrt.

Das rätselhafte Leben der Kleopatra-Schwester Arsinoë 

Nicht nur die Todesumstände von Arsinoë liegen bislang im Dunkeln. Auch ihr Geburtsjahr und ihre Herkunft sind nicht genau geklärt. Historiker gehen davon aus, dass sie zwischen 68 und 65 vor Christus als jüngste Tochter von Ptolemaios XII. geboren wurde; dessen zweitälteste Tochter war die 69 v.Chr. geborene Kleopatra. Die Identität der Mütter ist nicht bekannt.

Damit ist auch unklar, ob Kleopatra und Arsinoë Schwestern oder Halbschwestern waren. Eines waren sie auf jeden Fall: Rivalinnen um die Macht. Während des Alexandrinischen Krieges hatte Arsinoë eine Zeitlang die Rolle einer Gegenkönigin zu der mit Cäsar verbündeten Kleopatra inne. Nach Cäsars Sieg wurde seine Geliebte Kleopatra zur faktischen Herrscherin über Ägypten.

Arsinoë wurde außer Landes geschafft und musste 46 v.Chr. in Cäsars Triumphzug in Rom erscheinen. Anschließend ging sie ins Exil in den Tempel der Artemis in Ephesos. Um die Rivalin endgültig aus dem Weg zu räumen, soll Kleopatra 41 v.Chr. den römischen Triumvirn Marcus Antonius, er war nach Cäsars Ermordung ihr neuer Geliebter, dazu veranlasst haben, Arsinoë töten zu lassen. (pid)

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