Göttinger Professor Gross im Interview: Trump kann keine Brücke bauen

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Besorgt: Prof. Dr. Andrew Gross, Professor für Nord-Amerka-Studien an der Universität Göttingen.

Göttingen. Über den Ausgang der US-Wahl sprachen wir mit dem Professor für Amerikastudien an der Universität Göttingen, Andrew Gross.

Können Sie als Wissenschaftler 30 Minuten nach Trumps Rede schon eine nüchterne Analyse abgeben? 

Gross: Nein, es fällt mir schwer – es ist ein irrealer Morgen. Ich bin nicht nur Amerikanist, ich bin Amerikaner, und ich habe gewählt. Meine Eltern, Verwandten leben in den USA. Wir hatten gedacht, Arizona könnte diesmal demokratisch werden, weil Trump-Gegenspieler John McCain dort antrat.

Versuchen wir es: Wie schlecht geht es ihren Landsleuten wirklich, damit es zu diesem Ergebnis kommen konnten? 

Gross: Man muss differenzieren: Hillary Clinton hat nicht so viele absolute Stimmen weniger bekommen als Donald Trump. Das Wahlsystem ist alt, basiert auf regionalen Mehrheiten und ermöglicht das Ergebnis „Sieger-Trump“.

Und die Menschen? 

Gross: Man muss fragen, welchen Menschen in den USA geht es schlecht, wer unterstützt Trump? Vor allem weiße Männer aus dem Landesinnerein, dem Heartland. Dazu kommen Staaten wie Michigan, Ohio – wo Industrien brachliegen, es gibt keine Arbeit mehr. Sie haben etwas verloren: Arbeit, Einkommen, Stellenwert. Sie fühlen sich enteignet und fragen, wer hat uns das weggenommen? Es ist die Suche nach einem Sündenbock. Antworten sind: die Ausländer, die Mexikaner, die Chinesen – und die Politiker. Viele in Amerika haben das Gefühl, sie stünden in einer Schlange und immer wieder stellt sich einer vorne an, so dass sie hinten nicht voran kommen. Die Schuld daran geben sie Washington, den Politikern.

Und dann kam Trump... 

Gross: Donald Trump hat sich natürlich als Beteiligter dieser Menschen gezeigt, als Verteidiger des kleinen Mannes, was völlig absurd war und ist. Er war immer reich, schon als Kind. Trump hat diese Menschen als stille Mehrheit bezeichnet und er hat sie von Nichtwählern zu Wählern gemacht. Sich als Außenseiter darzustellen, das hat übrigens schon oft funktioniert.

Lag es auch an Trumps schlichter Sprache? 

Gross: Ja. Da kommt einer und erklärt ihnen mit ganz, einfachen Worten, worum es geht. Ihr könnt mehr! Ich mache die USA wieder groß! Trump hat so viele Menschen in ländlichen Gegenden erreicht. Diese Länder haben alle Trump gewählt. Ich stamme aus Arizona. Die Leute, die für Trump gestimmt haben, waren meine Nachbarn. Es ist schlimm.

Viele US-Amerikaner wussten doch, dass er oft gelogen hat... 

Gross: Sicher. Aber das hat keine Rolle gespielt. Sie haben lieber dem 'ehrlichen' Lügner Trump geglaubt, als der von vielen als zwielichtige Person gesehen Hillary Clinton.

Was hat sie falsch gemacht? 

Gross: Sie hat ihre Basis nicht mobilisieren können. Sie hat sie nicht überzeugt. Auch nicht die Afro-Amerikaner – wie Obama zuvor. Eigentlich hätten Clinton auch mehr Latinos als Wähler haben müssen.

Trump will nun, nachdem er das Land gespalten hat, es wieder zusammenführen. Kann er das? 

Gross: Trump ist nicht dazu fähig. Die Gräben waren schon vorhanden, sie sind tief. Er hat viele Gruppen beleidigt: Frauen, Minderheiten, Behinderte Menschen. Es ist unglaubwürdig, wenn er sagt, ich habe das nicht so gemeint. Er wird die Kluft nicht überbrücken. Aber hätte Clinton gewonnen, hätte auch sie das nicht geschafft. Die Vereinigten Staaten sind tief gespalten. Wissenschaflter, Politiker, die Menschen müssen zunächst einmal auch die tiefe Spaltung verstehen. Problem: Das politische Grundverständnis in den USA ist nicht mehr da. Innerhalb von verschiedenen Gemeinschaften gab es immer unterschiedliche politische Überzeugte. Dass sollte aber nicht bedeuten, dass man nicht miteinander umgehen kann. Heute hat man aber das Gefühl, dass es auf politische Ebene keinen Konsens gibt. Ich hatte als weißer Mann kaum Probleme in Arizona. Wir waren politisch oft uneinig. Aber: Wenn es um gegenseitige Hilfe ging, spielte das keine Rolle. Man verstand sich im Grunde. Heute gibt es keine Einheit – auch im politischen Willen für das Land. Der Wahlkampf war dafür ein Spiegelbild: es war eine Schlammschlacht, schlimm. Das ist nicht neu, gehört zur Geschichte – aber in einer anderen Form als diesmal: das war seit 1970 so schlimm wie nie. Ja, das ist ein Zeichen für ein gespaltenes Land. Es gibt überhaupt kein Verständnis für den Gegner, der fast als Unmensch dargestellt wird.

Was macht dieses Wahlergebnis mit dem Land, der Politik, der Gesellschaft? 

Gross: Der Markt reagiert schon, angelegtes Geld wird abgezogen. Trump hat viele Veränderungen versprochen: Gesundheitsreform, Mauerbau gen Mexiko, internationale Handelsbeziehungen. Die Frage ist, schafft er das? Er hat Unterstützung in beiden Häusern, die Frage ist, wie ihm die Abgeordneten, auch die Republikaner, folgen. Schafft er alles was er will, dann sieht es nicht gut aus für die Internationalen Beziehungen und auch nicht für soziale Errungenschaften in den USA.

Entspricht Trump nicht auch einer Wende in politischen Systemen? 

Gross: Grundsätzlich scheint Trump Teil einer internationalen Bewegung von Nationalisten zu sein. Das macht Angst. Es gibt viele Politiker, die seit langem aufgebauten internationale Beziehungen in Frage stellen. Das ist paradox. Das könnte die Welt verändern.

Was passiert mit dem demokratischen System? 

Gross: Es gibt in Amerka mehr als zwei Parteien, es gibt aber durchaus viele verschiedene politische Meinungen. Die Demokraten als Partei müssen nun richtige Opposition machen. Wichtiger ist: Sie müssen die Menschen verstehen, die sich benachteiligt, enteignet fühlen, denen es schlecht geht, warum sie wütend sind. Man muss versuchen, auch den Gegner Trump zu verstehen, mit ihm zu reden, das ist schmerzhaft.

Was hoffen Sie? 

Gross: Ich hoffe, dass diese schlimmen Sprüche, die Trump gemacht hat, nicht Politik werden. Dass dadurch keine Unruhen entstehen, auch, dass die Kluft zwischen Schwarz und Weiß, zwischen Arm und Reich nicht noch größer wird, dass Gewaltbereite Trump-Anhänger nicht gewalttätig werden. Ich habe Angst, bin aber hoffnungsvoll, dass das nicht passieren wird. Ich hoffe auch auf die große Selbstheilungskraft Amerikas, die das Land hat. 50 Prozent der Leute haben Trump nicht gewählt, sie sind auch da.

Braucht Trump die Wertschätzung anderer in der Welt? 

Gross: Für Trump ist der Mensch wichtiger als das Amt. Diese Wahl ist eine Bestätigung für ihn. Jetzt muss er zeigen, dass er die USA als Präsident auf internationaler Ebene vertreten kann.

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