Forschungsgruppe soll am Mittwoch nach Deutschland fliegen

Erdbeben: Göttinger Professor kam durch Steinschlag ums Leben

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Prof. Dr. Matthias Kuhle.

Göttingen. Durch einen Steinschlag ist der Göttinger Professor Dr. Matthias Kuhle (67) nach dem Erdbeben in Nepal am Kopf tödlich verletzt worden.

Das gab die Uni-Präsidentin Dr. Ulrike Beisiegel am Dienstagmittag bekannt.

Die Familie des Verstorbenen bestätigte gegenüber der Nachrichtenagentur dpa: Kuhle sei bei einem Abstieg im Manaslu-Massiv nördlich von Kathmandu während des Bebens von herabstürzenden Felsmassen getroffen und tödlich verletzt worden.

Kuhle war am Samstag, 25. April, mit seiner Gruppe vom geografischen Institut der Göttinger Universität im nepalesischen Himalaya auf dem Abstieg von Jagat nach Dhopan. Die Wissenschaftler befanden sich in einer engen Schlucht, als sie von dem Erdbeben überrascht wurden.

Kuhle prüfte Weg für seine Studenten

Aktualisiert
um 19.38 Uhr.

Kuhle habe sich gegen 12 Uhr Ortszeit "ein gutes Stück der Gruppe voraus" befunden, vermutlich um die Sicherheit desWeges zu überprüfen, heißt es. Während der Erschütterungen sei der Wissenschaftler von herabstürzenden Felsmassen am Kopf getroffen und tödlich verletzt worden. Die übrigen Teilnehmer der Exkursion – 15 Studierende und ein weiterer Wissenschaftler – seien bis auf kleinere Verletzungen unversehrt geblieben.

Die Gruppe habe in der auf das Unglück folgenden Nacht wegen massiver Erdrutsche zwischen Jagat und Dobhan biwakieren müssen, berichtete Kuhles Familie. Am folgenden Tag sei sie per Hubschrauber nach Arughat Bazar geflogen worden.

Kuhles mitgereister wissenschaftlicher Mitarbeiter habe die Informationen in einem Telefonat mit der Familie am Dienstag bestätigt, sagte Kuhles Sohn Arthur.

Den überlebenden Teilnehmern der Exkursion gehe es "den Umständen entsprechend gut", sagte der Sprecher der Universität Göttingen, Thomas Richter. Sie blieben unverletzt oder trugen nur leichte Blessuren davon. Direkten telefonischen Kontakt zu der Gruppe habe die Hochschule bisher nicht bekommen können. „Aber wir haben gute Informationen direkt vom Reiseveranstalter“, sagte Beisiegel. Einige Studierende hätten inzwischen mit ihren Eltern telefoniert.

Die Gruppe befinde sich aber in Arughat Bazar in Sicherheit, sagte Richter. Sie solle nach Kathmandu gebracht werden. Vorläufig sitze die Gruppe aber noch in Arughat fest, berichtete Kuhles Familie. Wegen der schwierigen Verhältnisse vor Ort sei die Evakuierung nach Kathmandu bisher nicht möglich gewesen.

Der ums Leben gekommene Matthias Kuhle – ein erfahrener Bergsteiger - galt als herausragender Kenner des Himalaya und Hochgebirgsgeograf. Er war in den vergangenen Jahrzehnten mehrere Dutzend Mal zu Forschungsreisen in der Region unterwegs gewesen. Sein besonderes Interesse galt der Entstehung und den Folgen von Eiszeiten. Bekannt wurde er durch den Nachweis eines tibetischen Inlandeises und dessen Einfluss auf die globalen Eiszeitzyklen.

Betroffenheit in Göttingen

An der Universität herrscht große Betroffenheit. Voraussichtlich am Mittwoch wird die Gruppe mit Studierenden und einem wissenschaftlichen Mitarbeiter den Heimflug antreten, sagte Uni-Präsidentin Beisiegel. Diese Flüge seien ohnehin für die Gruppe gebucht. Die Universität will dafür sorgen, dass die Göttinger am Flughafen abgeholt und abgeschirmt werden.

Laut Beisiegel handelte es sich bei Exkursion um eine Pflichtveranstaltung des Studiums. Bei dem Auslandsaufenthalt ging um Kartierungen.

Am Montagabend war bekannt geworden, dass Kuhle bei dem Erdbeben ums Leben kam. Seit 1983 war Kuhle Professor an der Uni Göttingen.

„Als Wissenschaftler wird Professor Kuhle nicht zu ersetzen sein“, sagte Studiendekan Dr. Heiko Faust am Dienstag. Kuhle war Experte für Glacialgeomorphologie – der Formung einer Landschaft durch Eis. Er wäre noch ein Jahr im Uni-Dienst gewesen. Sein nun fehlendes Fachwissen werde ein tiefes Loch reißen, sagte Uni-Dekan Dr. Hilmar von Eynatten.

Nichts über weitere Opfer aus Deutschland bekannt

Allein in Nepal starben nach jüngsten Angaben vom Dienstag fast 4700 Menschen. Über weitere Opfer aus Deutschland neben dem Göttinger Forscher ist bisher nichts bekannt. Der Krisenstab im Auswärtigen Amt bemühe sich weiter um Informationen über das Schicksal von mehr als 100 vermissten Deutschen, hieß es am Dienstag in Berlin.

Karte: Hier war die Forschungsgruppe während des Absturzes unterwegs

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