INTERVIEW

Göttinger Professorin Eva Hummers (Stiko): Terminvergabe-Verfahren schreckt ab

Göttinger Professorin Eva Hummers
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Prof. Eva Hummers: UMG-Direktorin, Impfzentrumsleiterin, Hausärztin und Stiko-Mitglied.

Eva Hummers ist Professorin an der UMG, arbeitet als Hausärztin und leitet das Impfzentrum Siekhöhe der Stadt Göttingen. Wir sprachen mit ihr über die Situation des Impfens in Göttingen.

Göttingen - Auch ist Hummers Mitglied der Ständigen Impfkommission (Stiko) in Deutschland. Ihre Meinung zählt mittlerweile häufig in Zeitungen, im Radio und Fernsehen, so in Talk-Shows wie „Markus Lanz“.

Wie kann die Impfbereitschaft bei Erwachsenen erhöht werden?
Wir hatten am Samstag ein offenes Impfen in der Göttinger Innenstadt. Diese Aktion war ein so nicht erwarteter Riesenerfolg, die Impfstoffdosen waren praktisch schon weg, bevor wir richtig angefangen hatten. Wir werden das wiederholen, wenn wir es personell leisten können und Impfstoff haben.
Was folgern Sie daraus, auch als Leiterin des städtischen Impfzentrums?
Wir müssen die Impfung leicht zugänglich machen. Darüber kann man noch viele Menschen erreichen. Aber ohne, dass man dann an den harten Kern von Zweiflern oder Gegnern herankommt. Wir müssen flexibler werden, um auch solchen Menschen das Impfen so einfach wie möglich zu machen. Und: Weil Menschen Termine nicht absagen, einfach wegbleiben, geht weitere Effektivität verloren. Im Göttinger Impfzentrum sind an manchen Tagen 100 Personen einfach nicht gekommen ohne abzusagen.
Welche negative Rolle spielt die Bürokratie und das Terminmanagement?
Das Impfzentrum-Terminvergabewesen hat einen hohen Abschreckungscharakter. Auch, weil man dort oft nicht durchkommt, bei uns direkt im Zentrum auch deshalb, weil viele Menschen Fragen haben. Folge: Die Impfzentren sind nicht ausgelastet, könnten eigentlich mehr impfen. Manchmal fehlt auch immer noch der Impfstoff, vor allem für Erstimpfungen, die so wichtig wären. Wir haben in Göttingen noch eine lange Warteliste, ohne dass wir vom Impfzentrum überhaupt drankommen. Wir müssen eigentlich warten, dass das Land die Termine bei uns einpflegt, das ging zeitweilig auch nicht wirklich schnell voran. Da ist es absurd, wenn das Impfzentrum nur unvollständig ausgelastet ist. Es gibt also viele Menschen, die Interesse haben, wir können sie aber nicht immer erreichen und nicht schnell genug impfen.
Sind Anreize wie Lotterien, Boni-Zahlungen, Verlosungen sinnvoll?
Sinnvoll ist es, wenn es hilft. Ich kann mir aber schlecht vorstellen, dass das letztlich den Ausschlag gibt, um viele Menschen zu rekrutieren. Wer glaubt, dass Impfen etwas Schlechtes ist, wird auch dadurch nicht zu bewegen sein. Die anderen können wir überzeugen. Lotterien und Freibier finde ich skurril. Dass man ein Impfzelt neben ein Stadion oder Festzelt stellt, finde ich wiederum okay, denn es geht dann um bessere Verfüg- und Erreichbarkeit.
Brauchen wir ein neues Kriterium für die Bewertung der Corona-Lage - über den Inzidenzwert hinaus?
Ja. Wir müssen andere Zahlen in die Bewertung für den Erlass von strengeren Regelen einfließen lassen, das wären die Situation in den Kliniken, die Belegung der Betten dort und die Zahl der schweren Verläufe.

(Thomas Kopietz)

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