„Wichtig ist ein klarer Plan für den Tag“

Göttinger Psychologie-Professor gibt Jugendlichen Tipps in der Corona-Krise

Professor Youssef Shiban ist Professor für Psychologie an der Privaten Fachhochschule Göttingen.
+
Professor Youssef Shiban ist Professor für Psychologie an der Privaten Fachhochschule Göttingen.

Die Einschränkungen infolge der Ausbreitung des Coronavirus sind gerade für Heranwachsende schwer zu ertragen,  das soziale Leben spielt eine große Rolle. 

Göttingen – Über verstärkte psychische Probleme infolge der massiven Limits haben wir mit Prof. Youssef Shiban gesprochen. Shiban ist Professor für Psychologie an der Privaten Fachhochschule Göttingen.

Anfangs hatten viele Menschen den Eindruck, junge Leute feierten nur Corona-Party. Stimmt es, dass sich Heranwachsende zu wenig um die Ansteckungsgefahr kümmern?

Prof. Youssef Shiban: Das kann man so nicht sagen. Was zutrifft ist, dass nicht alle Angst haben. Allerdings bringen die die Einschränkungen im öffentlichen Leben für alle einschneidende Veränderungen mit sich. Auf eine solche Situation reagieren junge Menschen sehr unterschiedlich. Es ist höchste Zeit, dass wir den Fokus auch einmal auf junge Erwachsene und ihre große Verunsicherung richten.

Was sagen Sie nun zu den Corona-Partys?

Viele junge Leute haben die Situation zunächst nicht ernst genommen, denn sie haben bei einer Erkrankung wohl das geringste Risiko. Sie haben sich deshalb auch weniger Sorgen gemacht. Sie haben dabei nicht berücksichtigt, dass sie Träger des gefährlichen Virus zu Großeltern oder Eltern sein können. Nun hat ein Umdenken bei ihnen begonnen. Ein weiterer Aspekt ist die Sorge um die Zukunft. Kurzfristig kann ein Urlaub oder Festivalbesuch betroffen sein. Solche Unsicherheiten können schon bei gesunden jungen Erwachsenen zu einem erhöhten Stresslevel führen.

Wie wirkt sich eine solche Situation auf labile Persönlichkeiten aus?

Hier ist der Stresslevel ohnehin schon erhöht. Wird der Stress größer, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass psychische Störungen auftreten, an.

Die Schulen sind geschlossen, Abiturprüfungen verschoben, der Vorlesungsbeginn an den Hochschulen ist offen. Was macht das mit den jungen Erwachsenen?

Für die einen bewirkt das eine große Unsicherheit bezüglich ihrer Lebensplanung. Andere nutzen die Zeit, um sich besser auf die Prüfungen vorzubereiten oder sie versuchen, sich sinnvoll für die Gesellschaft zu engagieren. Kritisch wird es in den Risikogruppen. In schwierigen Phasen wie zum Beispiel einer Trennung sind diese jungen Menschen jetzt allein.

Sind Heranwachsende stärker betroffen als ihre Eltern- und Großeltern-Generation?

Ja, viele leiden sehr darunter, von ihrer Peergroup oder auch von den Eltern isoliert zu sein. Generell kann man sagen, dass eine äußere Krise psychische Störungen begünstigt. Nach dem Hurrikan Katrina hat sich die Zahl von schweren mentalen Krankheiten fast verdoppelt. Die Zahl stieg rasant von 6.1 auf 11.3 Prozent. Noch stärker sind leichte bis moderate Störungen von 9,7 auf 19,9 Prozent angestiegen.

Wie könnten sich Schüler und Studierende davor schützen, in eine Störung abzugleiten?

Um mit der Situation umzugehen, sollte der Fokus auf einer positiven Umwertung liegen. Mit der Zwangspause wird es beispielsweise leichter, den CO2-Ausstoß zu reduzieren. Damit tun wir etwas für die Umwelt. Bezüglich der Anforderungen von Schule und Universität gibt es durch die Digitalisierung viele Möglichkeiten. Jeder Einzelne könnte die Situation nutzen, um sich neu zu verorten und mal „einen Gang runterzuschalten“.

Was aber, wenn einem trotz aller gedanklichen positiven Umwertung in seinen eigenen vier Wänden dennoch die Decke auf den Kopf fällt?

Wichtig ist ein klarer Plan für den Tag. Schüler und Studenten können wie alle andern ihrer Arbeit nachgehen . Sie können sich aber auch Zeiten für schöne Dinge reservieren. Neben Arbeit und Engagement muss Zeit sein für Freizeit, für Entspannung beim Lesen oder bei Online-Spielen und das auch mit anderen Menschen. Mit den Menschen, mit denen man zusammen lebt, in der Wohngruppe oder der Familie, kann man zum Beispiel die klassischen Brettspiele reaktivieren. Schüler und Studenten sollten versuchen, für den Alltag eine Struktur aufrechtzuerhalten.

Sprechstunde mit Videochat

Mit Videochat arbeitet zurzeit - wie viele andere auch - Dr. Monja Tullius-Kopp, Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie, in ihrer Göttinger Praxis für Einzel- und Gruppenpsychotherapie. Sie gehe tiefenpsychologisch vor und behandle vornehmlich Erwachsene mit Beziehungsproblemen, erklärt sie. 

„Gruppentherapie darf nicht stattfinden“, benennt sie einen Einschnitt für ihre Patienten. Einzeltherapie laufe als Videosprechstunde oder auch als Telefonat. Die Therapie per Videochat sei daran gebunden, dass nicht nur sie, sondern auch der Patient die technischen Möglichkeiten dazu habe. In der Praxis behandele sie nur Menschen, die gerade eine schwere Krise durchlebten und die technischen Möglichkeiten nicht einrichten könnten. 

Generell sieht die erfahrene Ärztin die Behandlung per Video aber kritisch. Das persönliche Gespräch könne durch die Kommunikation per Videochat keinesfalls ersetzt werden. Mit der Kamera als Übermittler schauten sich Therapeut und Patient nicht direkt in die Augen, das sei beispielsweise problematisch bei Übertragungs- und Gegenübertragungsprozessen. So sieht Tullius-Kopp die Online-Behandlung auch für Patienten mit weiter Anfahrt nicht als dauerhafte Alternative. 

Positiv sieht Tullius-Kopp die Reaktion der Kassenärztlichen Vereinigung. Sie habe es niederschwellig möglich gemacht, die Arbeit mit den technischen Möglichkeiten, die es nun gebe, bestmöglich und sinnvoll weiterzuführen. „In der Not bin ich dankbar, dass es so geht“, sagt die Ärztin.

Alle Infos zu Corona in Göttingen gibt es in unserem News-Ticker.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.