„Keine Haft bei Bagatelldelikte“

Göttinger Rechtanwältin kämpft für Maßnahmen zur Haftvermeidung

Rechtsanwältin Nadine Haandrikman-Lampen vor einem Schild, auf dem „Justizvollzugsanstalt Rosdorf“ steht und das Landeswappen von Niedersachsen, ein Ross auf rotem Grund, abgebildet ist.
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Will Schwarzfahrern und Ladendieben eine Gefängnisstrafe ersparen: Rechtsanwältin Nadine Haandrikman-Lampen vor der Justizvollzugsanstalt Rosdorf.

Niemand soll mehr ins Gefängnis, weil er die Geldstrafe nach einem Bagatelldelikt nicht zahlen kann. Das fordert die Kriminologin und Rechtsanwältin Nadine Haandrikman-Lampen.

Göttingen – Die 39-jährige Juristin ist mit ihrer Kanzlei seit Mitte Oktober am Caroline-Schelling-Eck 8 auf den Zietenterrassen zu finden. Nadine Haandrikman-Lampen macht sich dafür stark, anstelle von Ersatzfreiheitsstrafen wegen Bagatelldelikten, wie Schwarzfahren oder Diebstahl geringwertiger Sachen, stärker auf Maßnahmen zur Haftvermeidung zu setzen. Verurteilte sollen Geldstrafen durch freie, gemeinnützige Arbeit oder Geldverwaltung ableisten.

Bei der Geldverwaltung ermittelt ein Sozialarbeiter gemeinsam mit dem Straffälligen eine Ratenhöhe, die dieser dauerhaft aufbringen kann. Willigt die Staatsanwaltschaft zu, zahlt der Verurteilte die Raten dann selbst oder tritt einen entsprechenden Teil seiner Einkünfte, in der Regel Ansprüche auf Sozialleistungen, ab.

„Ersatzfreiheitsstrafen resozialisieren Täter nicht“, betont die Juristin, die über das Thema geforscht hat. Freiheitsstrafen stigmatisierten vielmehr die Verurteilten. Gefängnisaufenthalte kosteten die Steuerzahlenden zudem viel Geld. Im Jahr 2016 beliefen sich die finanziellen Aufwendungen für die Unterbringung von Strafgefangenen auf 130 Euro am Tag. Ersatzfreiheitsstrafen erschienen zudem aufgrund der „unverhältnismäßig großen Beschneidung der Grundrechte“ vielen Juristen als „verfassungsrechtlich fragwürdig“.

Die Rechtsanwältin fußt ihre Forderung auf Forschung in 1014 Akten

Die Kriminologin hat 1014 Strafvollstreckungsakten der Jahre 2012 und 2013 ausgewertet, zu denen es in den Staatsanwaltschaften in Göttingen, Hannover, Hildesheim, Osnabrück und Oldenburg kam.

Dabei fand sie heraus, dass vor allem arme, alleinstehende Männer Ersatzfreiheitsstrafen antreten mussten. Oft waren die Täter alkohol- oder drogenabhängig, psychisch krank, verschuldet und von Wohnungslosigkeit bedroht. Viele hatten bereits Vorstrafen und Gefängniserfahrung.

Maßnahmen zur Haftvermeidung absolvierten dagegen vor allem Frauen. Die Täterinnen kämpften mit ähnlichen Problemen wie die Männer, hatten aber im Gegensatz zu diesen meistens noch nicht im Gefängnis gesessen.

„Aufschlussreich sind die Daten zur Rückfälligkeit“, meint Haandrikman-Lampen. So hat ihre Forschung gezeigt, dass Personen, die eine Ersatzfreiheitsstrafe absolviert haben, nicht weniger rückfällig geworden sind als die Absolventen einer Haftvermeidungsmaßnahme. (Michael Caspar)

Zur Person

Nadine Haandrikman-Lampen (39) stammt aus Nordhorn. Sie hat im hessischen Marburg und im schottischen Aberdeen studiert. 2008 machte sie ihren Abschluss als Diplom-Pädagogin. Seit 2013 ist sie Rechtsanwältin. 2014 eröffnete sie ihre Göttinger Kanzlei für Mediation und Recht. Sie hat mit suchtkranken Menschen gearbeitet und zwei Jahre lang die Zentrale Beratungsstelle des Diakonischen Werks Hannover geleitet.

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