Interview mit Vorstandschef Kreuzburg

Göttinger Sartorius-Konzern ist auch in Corona-Zeiten gefragt

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Zu früh für Prognosen: Sartorius-Vorstan dsvorsitzender Dr. Joachim Kreuzburg setzt in der Corona-Krise auf die Forschung. Die Sartorius AG jedenfalls ist im Moment gefragt, als Biotech-Unternehmen und Zulieferer.

Göttingen – Sartorius – ein Konzern inmitten der Corona-Krise. Nach einem Absturz des Aktionkurses hat sich das Wertpapier des Biotech-Konzerns und -Zulieferers erholt.

Kein Wunder, die Produkte sind weltweit gefragt, in Forschungslabore und Unternehmen, dort, wo auch fieberhaft an Impfstoffen und Medikamenten gegen das Coronavirus geforscht wird. Wir sprachen mit Vorstandschef Dr. Joachim Kreuzburg, der zurzeit starke Präsenz am Firmensitz zeigt, viel im Büro ist, während die meisten im Home-Office sitzen.

Sartorius ist über Zubehör, Technik und Dienstleistungen in die Pharmaforschung – auch für Coronamedikamente – involviert. Wie wirkt sich das aus?

Wir sind momentan gefragt. Tatsächlich gibt es kaum einen Impfstoff auf der Welt, der ohne Sartorius entwickelt oder hergestellt wird. Und wenn man sich die genannte Bio-Tech-Unternehmen wie CureVac anschaut, die sich intensiv und fortgeschritten mit der Entwicklung eines möglichen Impfstoffes gegen das Coronavirus beschäftigen, dann sind das seit vielen Jahren Sartorius-Kunden – wir beliefern sie aus der Laborsparte – so mit Zellanalytik-Instrumenten – als auch aus der Bioprocess-Sparte vor allem mit Fermentationsprodukten und Aufreinigungssystemen. Die Nachfrage ist groß. Gleiches gilt dort, wo wir mit Diagnostik zu tun haben, wir liefern Membrane für Diagnostik-Kits. Teilweise bauen unsere Kunden in der Pharmapoduktion momentan größere Sicherheitslagerbestände auf - auch für den Fall, dass die Krise länger andauern sollte.

Was bedeutet das fürs Jahresergebnis von Sartorius?

Das ist noch schwer abzuschätzen – wie gesagt, es gibt Effekte in unterschiedliche Richtungen. Ich rechne damit, dass wir mit Publikation der Zahlen zum 1. Quartal schon etwas mehr sehen. Wir halten daher bis auf Weiteres an unserer Jahresprognose fest, und werden uns mit Veröffentlichung der Quartalszahlen Ende April äußern.

Haben Sie Hoffnung, dass bei Wirkstoffen und Medikamenten etwas passiert?

Es passiert unheimlich viel. Es gibt sehr viele kluge Köpfe in der pharmazeutischen Industrie und viele Firmen mit ihrem geballten Know-How haben sich weltweit auf dieses Gebiet fokussiert, auch solche, die vorher nicht daran gearbeitet haben. Dennoch werden Impfstoffe noch Monate auf sich warten lassen, das hat mit den notwendigen Entwicklungs-, Test- und Zulassungszyklen zu tun. Bei Medikamenten könnte es schneller gehen, wenn sich ein bereits zugelassenes Medikament auch für diese Indikation als wirksam erweist. Das würde sofort das Szenario verändern, wenn schwer Erkrankte therapiert werden können.

Wie lange wird die Corona-Krise anhalten?

Die Situation wird sicher noch mehrere Wochen andauern. Ich halte auch Daten wie von der Fußball-Bundesliga genannt, Ende April, für unrealistisch. Auch die Frage, ob ich die soziale Reglementierung mit all ihren Facetten dann wieder lösen kann, wie stark und wann, die hängt sehr stark davon ab, ob sich ein Medikament gegen die vom Coronavirus ausgelöste Lungenkrankheit findet oder nicht. Das hätte eine große Auswirkung.

Was hat sich bei Sartorius drastisch verändert?

Am deutlichsten spüre ich die Veränderungen vor Ort in den Werken, vor allem wenn ich durch die Büros gehe, so hier in Göttingen: Sie sind ziemlich leer. Die meisten arbeiten zu Hause, damit kann man gut leben, auch länger. Dennoch: Wir sind ein sehr internationales Unternehmen, in dem wir einen starken persönlichen Austausch pflegen: Viele aus dem Ausland kommen zu uns nach Göttingen, viele aus Göttingen sind regelmäßig im Ausland. Dieser direkte Austausch ist komplett ersetzt worden durch Video- und Telefonkonferenzen. Auch das funktioniert. Aber, ja, es hat sich drastisch verändert.

Ist die Krise nicht auch ein Stresstest für das Unternehmen, die Infrastruktur und Mitarbeiter – mit Chancen für die Zukunft?

Ich hoffe, dass wir das bald genau so bewerten können. Im Moment laufen die Dinge wirklich gut bei uns. Ich bin begeistert, wenn ich sehe, wie Mitarbeiter mitziehen, wie die Teams funktionieren, wie zusammengearbeitet und wie der Laden wirklich exzellent am Laufen gehalten wird. Aber, wir sind vielleicht gerade bei Kilometer10 eines Marathonlaufs – ein Guttrainierter ist dann gerade gut aufgewärmt, hat aber noch viel vor sich. Der Mann mit dem Hammer kommt so bei Kilometer 30. Ich will sagen: Kurzum: Es ist zu früh, eine Bilanz zu ziehen.

Läuft die Produktion hier und weltweit?

Ja, die Produktion läuft auf hohem Niveau weiter. Und das obwohl auch diese Mitarbeiter die Betreuung der Kinder regeln müssen. Aber sie bekommen es bisher gut hin, wie mir Beschäftigte geschildert haben. Unser Geschäft läuft noch sehr gut, aber es zeichnen sich wachsende Herausforderungen ab. Einige unserer Kunden haben ihre Produktion eingeschränkt oder mussten wie in Indien kurzzeitig ganz schließen. Gleichzeitig erhalten wir zusätzliche Aufträge von Forschungseinrichtungen und Medikamentenherstellern. Sicherlich wird die Volatilität unseres Geschäfts in den kommenden Wochen eher noch zunehmen, und wir müssen uns vorbereiten, darauf reagieren zu können.

Medikamente müssen doch immer produziert werden..

Unsere Standorte sind aufgrund der Relevanz der Produkte für die Gesundheitssysteme in allen Ländern, in denen es Beschränkungen auch für Unternehmen gibt, von solchen ausgenommen. Die einzige Ausnahme war kurzzeitig der Standort in Indien, den wir schließen mussten, da dort die gesamte Wirtschaft heruntergefahren wurde. Insgesamt sind wir zuversichtlich, unser Geschäft aufrechterhalten zu können, auch wenn, wie erwähnt, es sehr schwierig ist zu prognostizieren, wie sich die Auftragslage entwickeln wird.

Stehen die Lieferketten?

Das Thema Lieferketten ist enorm bedeutend. Von Tag eins der schärferen Regelungen konzentrieren wir uns hochgradig darauf, sie aufrecht zu erhalten. Das ist von der Bedeutung her die größte Veränderung bei Sartorius im Moment. Es läuft aber noch recht gut. Aber natürlich betrifft es uns, wenn teilweise Frachtkapazitäten geringer werden, der Flugverkehr deutlich eingeschränkt ist. Es gibt viele Themen, mit denen wir uns im Detail, also auf Ebene von Materialgruppen beschäftigen. Kommen die Materialien rechtzeitig an? Gibt es kleine Zulieferer, die selbst in Schwierigkeiten geraten? Gibt es größere, die in Kurzarbeit gehen, weil sie Hauptkunden, wie z.B. die Automobilindustrie, haben, die ebenfalls Produktion und Nachfrage runterfahren?

Erwarten Sie Einbußen?

Das bleibt abzuwarten, ich erwarte teilweise auch gegenläufige Effekte: Einige Kunden, vor allem Impfstoffhersteller, platzieren derzeit zusätzliche Aufträge, während andere ihre Aktivitäten einschränken. Die nächsten Wochen werden mehr Klarheit bringen, welche Auswirkungen es gibt, wenn in der gesamten westlichen Welt die Räder nahezu stillstehen. Dennoch erwarten wir derzeit keine echten Einbrüche.

Hat das Auf und Ab der Aktienkurse, zunächst auch mit Verlusten für Sartorius, Einfluss auf unternehmerische Entscheidungen, Planungen?

Für uns als Unternehmen stehen normalerweise die Kunden an oberster Stelle. Im Moment geht es aber natürlich zuvorderst um die Mitarbeiter, deren Gesundheit und Wohlergehen. Das Geschäft mit den Kunden aufrecht zu erhalten ist dennoch doppelt wichtig: Unser Unternehmen muss weiter laufen, damit die Produktion in der Pharma-Industrie weiter laufen kann, denn die ist wichtig für die Gesundheit der Menschen. Insofern sage ich: Den Aktienkurs nehmen wir zur Kenntnis aber er spielt bei keiner Entscheidung eine Rolle. Das ist in einer solchen Situation einfach so. Das würde ich auch jedem Aktionär so sagen.

Wie lange wird die Corona-Krise anhalten?

Die Situation wird sicher noch mehrere Wochen andauern. Ich halte auch Daten wie von der Fußball-Bundesliga genannt, Ende April, Anfang Mai, für unrealistisch. Auch die Frage, ob ich die soziale Reglementierung mit all ihren Facetten dann wieder lösen kann, wie stark und wann, die hängt sehr stark davon ab, ob sich ein Medikament gegen die vom Coronavirus ausgelöste Lungenkrankheit findet oder nicht. Das hätte eine große Auswirkung.

Wie arbeiten Sie im Moment räumlich - und wie läuft die Arbeit am Standtort Göttingen?

Ich bin täglich im Büro, will präsent sein, wir haben ja auch viel Produktion in Göttingen, die läuft weiter, das liegt auch an der Super-Motivation der Mitarbeiter. Ich bin mit einem Kollegen der einzige auf der Etage – alle anderen arbeiten zu Hause. Das Home-Office funktioniert – und ist bei Sartorius durchaus auch Standard, selbst wenn es jetzt noch viel intensiver wahrgenommen wird als in normalen Zeiten. Spürbar ist, dass viele Meetings über die visuelle Plattform Webex stattfinden. Das gab es zwar schon vorher bei uns, aber findet nun geballt statt. Dabei mussten wir etwas nachsteuern, was die Leitungskapazitäten angeht, das hat unsere IT aber ruckzuck auf die Reihe bekommen.

Was sagen Sie zu den geschnürten Hilfspaketen?

Sartorius hat im Moment keinen Bedarf, Hilfen in Anspruch zu nehmen. Die Hilfspakete sind erforderlich und mussten schnell kommen. Nehmen wir ein kleines Restaurant, das weiter Miete zahlen muss und von dem 15 Menschen abhängen - unmittelbar. Solche Beispiele gibt es viele. Diese Menschen und Unternehmen brauchen diese Überlebenshilfe. Das ist auch psychologisch wichtig. Die Frage, ob das reicht, das hängt von der Dauer der Ausnahmesituation ab. Ein Stillstand der Wirtschaft ist nicht durch schuldenfinanzierte Mittelvergabe ungeschehen zu machen. Das funktioniert schlichtweg nicht.

Zur Person

Dr. Joachim Kreuzburg (Jahrgang 1965) steht seit 2005 als Vorstandsvorsitzender an der Spitze der Sartorius AG. Er kam in Höxter zur Welt, wo er Abitur machte. Nach seinem Maschinenbau-Studium in Hannover mit den Studienschwerpunkten Thermodynamik und Fahrzeugbau arbeitete Kreuzburg zunächst beim Niedersächsischen Institut für Solarenergieforschung in Hameln. 1995 wechselte er als wissenschaftlicher Mitarbeiter an den Fachbereich Wirtschaftswissenschaften der Universität Hannover, wo er dann im Jahre 1999 zu einem umweltökonomischen Thema promovierte. Seit 1999 ist Joachim Kreuzburg bei der Sartorius AG in verschiedenen leitenden Positionen tätig, seit 2002 als Mitglied des Vorstands.

Im Kampf gegen die Corona-Pandemie und die Folgen hilft der Göttinger Konzern Sartorius. Der Pharmazulieferer spendet der Universitätsmedizin Göttingen eine größere Summe. Damit soll die Beatmungsforschung unterstützt werden.

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