Theodor-Heuss-Gymnasium

Göttinger Schulleiterin Andréa Riedel: Offen die Corona-Krise als Chance begreifen

Andréa Riedel leitet das Theodor-Heuss-Gymnasium (THG) in Göttingen
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Angekommen: Andréa Riedel leitet das Theodor-Heuss-Gymnasium (THG) im Göttinger Osten seit Sommer diesen Jahres.

Andréa Riedel ist seit Sommer diesen Jahres Direktorin des Theodor-Heuss-Gymnasiums in Göttingen. Wir stellen die Pädagogin vor.

Göttingen – Die Tür steht offen. Der Schreibtisch mit Handy, Tablet und PC ist astrein aufgeräumt, der Konferenztisch ebenfalls. Die Sonne scheint in das Büro von Andréa Riedel. Sie öffnet das Fenster. Draußen singt ein Schülerchor: Musikunterricht am THG im Winter 2020. Irgendwie ist alles anders, aber doch schon ein Stück weit Gewohnheit – auch für Riedel, die seit Sommer das Theodor-Heuss-Gymnasium leitet und bereits viel erlebt hat.

Da ist die Corona-Krise, die nicht nur den privaten Alltag, sondern auch das Schulleben seit Februar maßgeblich beeinflusst, manchmal auch überraschend, kurzfristig. So war in den Sommerferien nicht klar, mit welchen Unterrichtsmodellen und Hygieneauflagen es danach weitergehen würde. „Wir müssen flexibel sein“, sagt Riedel, die ihre Energie lieber darauf verwendet, aktiv die Bedingungen für alle zu beeinflussen, als passiv über teils mäßige Vorgaben aus dem Ministerium zu schimpfen. Machen, gestalten – das möchte die 49-Jährige.

Apropos Ministerium: Dort oder in den Schulverwaltungen hätte man die aus Schleswig-Holstein nach Niedersachsen „eingewanderte“ Riedel ganz gerne gesehen, hatte sie doch einen prall gefüllten Erfahrungsrucksack dabei: Riedel arbeitete zuvor in der Referendarsausbildung und am Institut für Qualitätsentwicklung an Schulen. Aber es zog sie zurück an die Basis, in die Schule, auch in den Unterricht. „Das hat mir gefehlt, hier habe ich alles.“

Hier am THG ist sie „toll vom Team und den Schülern aufgenommen worden“. Hier sieht sie „ein großes Potenzial“, in einer Schule, die nicht nur digital schon stark aufgestellt ist. Am THG habe man nach vorne gedacht, das sei sofort spürbar gewesen, auch in den Gesprächen und bei den langen Spaziergängen mit Vorgängerin Ulrike Koller. „Sie hat sehr viel getan, um mir den Einstieg leicht zu machen“. Das sei bei Übergaben in Schulen nicht immer so. Koller habe mit viel Herzblut gearbeitet, sagt Riedel. Ihre Augen strahlen. Keine Frage: Herzblut und Begeisterung das bringt auch die gebürtige Brasilianerin mit – und eine spürbare Offenheit, symbolisiert durch Gesten, Blicke und natürlich die stets offenstehende Tür.

Dazu gehört auch Kommunikation: Riedel informiert die Eltern und Schüler oft, fast wöchentlich mit der Freitagsrundmail. Was auffällt: Darin überwiegt das Positive – auch in der negativen Zeit mit vielen Beeinträchtigungen. So schildert sie das Erlebnis mit einem Siebtklässler. Der kam zu ihr, als sie die tägliche – lieb gewonnene – Begrüßung und Maskenkontrolle am Eingang abhielt: „Er gestand mir, am Vortag die Maske vergessen zu haben, und bot an, mir bei der Kontrolle zu helfen.“ So etwas bewegt die Schulleiterin und Mutter eines erwachsenen Sohnes. „Auch dafür macht man diesen Job“, sagt sie. Den Job machen, das heißt für die neue THG-Chefin weniger als solche aufzutreten, sondern kooperativ als Teamleiterin zu agieren. Es gäbe viele hervorragende Kolleginnen und Kollegen hier, mit Top-Qualifikationen, Erfahrung. Vieles laufe einfach gut. Mit ihnen will sie die Schule digital noch stärker machen – aber auch räumlich umgestalten, neue Angebote schaffen. Je mehr möglich ist, desto eher begeisterten sich die Schüler dafür – und die Lehrer ebenso. Das Lehrerzimmer hat sie weder als Kommunikations- noch Ruhezone vorgefunden. „Es wird umgebaut“, lautet das Ergebnis. Auch die Raumnutzung könnte verändert werden. „Das THG mit seinen Gebäuden und Freiflächen bietet Möglichkeiten.“ Momentan regiert aber die Corona-Verordnung mit Abstand- und Hygieneregeln. Die Krise sieht Andréa Riedel generell als Chance. Es werde danach neue Strukturen geben, sich viel verändert haben. Ihr THG, die Gebäude, das Gelände sollen dann wieder mehr im Mittelpunkt des Lebens von Lehrern und Schülern stehen – als Arbeits-, Lern- und Kommunikationsort, wie Riedel mit leuchtenden Augen sagt. „Viele – auch die Schülerinnen und Schüler – merken jetzt, da man oft und viel zu Hause sitzt, wie schön es ist, in der Schule zu sein, sich zu treffen. Das hat einen hohen Wert.“ Genau so wie der Präsenzunterricht. Ohne den geht es einfach nicht.“

Ein Klischee aber bedient die „Brasilianerin“, die zehn Jahre mit ihren als Entwicklungshelfern arbeitenden Eltern dort lebte, so gar nicht: Sie kann sich nicht vom Fußball berauschen lassen – im Gegensatz zu ihrem Stellvertreter, Mathias Behn, der ist Fan des feinen Fußballs und von Borussia Mönchengladbach. Fachgespräche mit der „Chefin“ sind für ihn diesbezüglich unmöglich. (Thomas Kopietz)

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