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Göttinger Soziologe Vogel: Telegram ist eine Enthemmungsmaschine

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Von: Thomas Kopietz

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Soziologe aus Göttingen: Prof. Berthold Vogel.
Soziologe aus Göttingen: Prof. Berthold Vogel. © SOFI/nh

Täglich wird in den Chat-Räumen und -gruppen des Messenger-Dienstes Telegram zum Töten von Menschen aufgefordert. Laut ARD gab es allein 2021 mehr als 250 Tötungsaufrufe gegen Politiker, Wissenschaftler, Mediziner, Journalisten und Behördenvertreter – auch radikalisieren sich Impfgegner zunehmend. Der Göttinger Soziologe Prof. Berthold Vogel bezeichnet Telegram als eine „Enthemmungsmaschine“.

Göttingen – Telegram prämiere Radikalisierung und Gewaltfantasien geradezu, warnt der Direktor des Soziologischen Forschungsinstituts (SOFI) Göttingen, das zur Universität Göttingen gehört. Diese Entwicklung beunruhige extrem und müsse ernstgenommen werden: „Es muss nicht bei der Brutalisierung der Sprache bleiben.“

Vogel betont, dass Chat-Gruppen wie die bei Telegram nicht dem inhaltlichen Austausch und schon gar nicht dem demokratischen Diskurs dienten. „Es geht um narzisstische Selbstbestätigung, um Steigerung und Aufmerksamkeit.“

Durch die ständige Wiederholung von Gewaltfantasien trete ein Abstumpfungseffekt auf, erläutert er. „Wer in diesen Chats wahrgenommen werden will, muss seine Gewaltandrohungen steigern.“ Allerdings sei schwer zu beurteilen, wie weit der Weg von der verbalen Eskalation zur praktischen sei. „Aber möglicherweise wird er kürzer“, vermutet Vogel.

„Wir müssen uns von einem durch und durch naiven Verständnis verabschieden, dass soziale Medien unsere Toleranz, Empathie, Ausgleichsbereitschaft oder unseren demokratischen Gemeinsinn fördern“, sagt der Soziologe. Er ruft deshalb dazu auf, kritischer auf soziale Plattformen zu schauen und sie weniger zu nutzen. „Abschalten, aussteigen – das sind Zeichen, die jeder individuell setzen kann.“

Besorgt ist der Soziologe, der auch in politischen Beratungsgremien beteiligt ist, darüber, dass weitgehend unbemerkt von der Öffentlichkeit häufiger kommunal aktive Menschen aktiv ins Visier genommen würden. „Wir erleben auf diese Weise eine Dezentralisierung der Radikalisierung.“ Mit diesem Hass umzugehen, sei nicht Privatsache der Attackierten, sondern benötige gesellschaftliche, politische, rechtliche und staatliche Antworten. „Da müssen wir alle gegenhalten.“

Wer zu Mord und Gewalt aufrufe, wer öffentliche Amtsträger bedrohe und einzuschüchtern versuche, dürfe keinerlei Verständnis erwarten, macht Vogel klar. „Das ist für mich ein Fall für Staatsanwaltschaft und Polizei.“

Gestärkt werden müsse eine offene, demokratische Gesellschaft, in der unterschiedliche Positionen selbstverständlich seien, Gewalt und Angst aber keinen Platz haben dürften. (Thomas Kopietz, mit epd)

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