Lieber selbst kicken, als WM gucken

Göttinger Sportbuch-Autor Bernd Beyer initiierte „BoycottQatar2022“

Fußball-WM in Katar: Bauarbeiter arbeiten am Lusail-Stadion, einem der Stadien der Weltmeisterschaft 2022.
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Fußball-WM in Katar: Bauarbeiter arbeiten am Lusail-Stadion, einem der Stadien der Weltmeisterschaft 2022.

Die Fußball-Europameisterschaft 2020 läuft gerade. Bereits in eineinhalb Jahren soll die Fußball-Weltmeisterschaft in Katar über die Bühne gehen. Eine WM, die seit Jahren die Gemüter der Kritiker erhitzt.

Göttingen – Die Sport-Autoren Bernd Beyer und Dietrich Schulze-Marmeling haben ein Boykott-Forum gegründet. Wir haben mit Bernd Beyer darüber gesprochen.

Herr Beyer, Sie und Dietrich Schulze-Marmeling, beide aus dem Göttinger Verlag „Die Werkstatt“, haben den Anstoß für „BoycottQatar2022“ gegeben, einer Initiative gegen die Fußball-Weltmeisterschaft 2022 in Katar, warum?

Der Weltfußballverband Fifa hat ja an seiner Entscheidung, die Weltmeisterschaft 2022 in Katar zu veranstalten festgehalten, ungeachtet vieler Proteste. Wir haben uns deshalb vor einem Jahr gedacht, diesem Unmut, der unter den Fans herrscht aufzugreifen und eine Art Netzwerk zu schaffen, das Initiativen, die gegen die Fußball-WM 2022 in Katar mobil machen, bündelt. Wir haben aber schnell Mitstreiter gefunden, auch aus dem Netzwerk-Kreis „!Nie wieder“ Erinnerungstag im deutschen Fußball. Bei uns sind auch Fan-Projekte dabei, etwa 70 große und kleine Fan-Gruppen. Es hat sich sehr dynamisch entwickelt, seit der Klub-WM und seit die Norweger das Thema in Vereinen behandelt haben, aber auch in der Nationalmannschaft dort. Das sind wichtige Verstärker.

Warum ist diese WM von der Fifa nicht gekippt worden? Es gab ja massive Kritik an der Entscheidung für Katar und später gegen unzumutbare Arbeitsbedingungen dort, die viele Todesfälle von Arbeitern brachte.

Zum einen fehlt ein eindeutiger, juristisch stichhaltiger Beweis, dass die entscheidenden Leute der Fifa bei der Entscheidung gekauft worden waren - die Korruption konnte also nicht rechtssicher nachgewiesen werden. Aber: Aus dem Komitee, das entschieden hat, sind mittlerweile von 14 Mitgliedern zwölf der Korruption in anderen Fällen überführt worden. Es war mehr oder weniger eine kriminelle Vereinigung, die diesen Beschluss gefasst hat. Aber der Beweis fehlt, damit die Fifa dort nicht herauskommen könnte.

Welche Rolle spielt das Geld? Katar hat sich Einfluss erkauft. Beispiele sind die Hauptsponsorenrolle über Quatar-Airways beim FC Bayern München und jetzt auch bei der Europameisterschaft.

Das stimmt. Katar hat über seine Finanzströme und Investitionen relativ großen Einfluss im Weltfußball, aber auch in der Weltwirtschaft. Und die Fifa richtet ihre Entscheidungen letztendlich nach dem Geld und nicht nach ethischen Erwägungen aus. Die Menschenrechtsfragen spielen in der Fifa entgegen aller verbalen Beteuerungen doch nicht die große Rolle spielen.

Konnte die Politik die WM in Katar nicht verhindern?

Der Einfluss der Politik ist sicher beschränkt. Aber die Politik hat gerade in Europa durchaus pro Katar Einfluss ausgeübt, so in Frankreich. Die Regierung hat die Fifa gedrängt, die WM in Katar stattfinden zu lassen. Auch in Deutschland gab es eine starke Fraktion dafür, weil man sich wirtschaftlich gewaltige Investitionen versprach und weil es wirtschaftliche Verbindungen gibt. So war klar, dass aus der Wirtschaft und der Politik heraus, dort ein Einfluss pro Katar laufen wird.

Kann die WM in Quatar noch verhindert werden?

Wir haben als BoycottQatar2022 nicht die Illusion, die WM 2022 in Katar verhindern zu können. Wir glauben auch nicht, obwohl es gut wäre, dass der DFB seine Teilnahme absagt. Aber wir wollen diese WM kritisch begleiten. Der Boykott zielt, wenn die WM läuft, auf die Fans. Sie sollen und werden vielfach sagen, wie wollen mit dieser WM nichts zu tun haben. Wir werden uns das nicht anschauen, schon gar nicht im Public Viewing, wir werden uns keine Merchandising-WM-Artikel kaufen. Wir wollen mit den Sponsoren nichts zu tun haben.

Hoffen Sie noch auf den Boykott von Fußballverbänden?

Die Hoffnung ist gering. Wir setzen darauf, dass sich auf Vereinsebene etwas bewegen wird. Ein Beispiel ist ja Hessen Kassel. Dort wollen sich Verein, Spieler und Fans kritisch mit der WM auseinandersetzen, Veranstaltungen und Aktionen unterstützen. Die Fangruppe ‘Blog36‘ und das Fan-Projekt ‘Fullestadt‘ haben den Anstoß gegeben. Wir wollen noch mehr Vereine und Gruppen ermuntern, so etwas in ihren Vereinen zu starten. Die Möglichkeiten sind vielfältig.

Was wird BoycottQatar dann aktiv tun?

Man könnte beispielsweise lokale Fanturniere während der WM-Endrunde veranstalten, wie es die Schalker Faninitiative vorschlägt und selbst durchführen wird. Gespielt wird dann auch zu den Anstoßzeiten der WM-Spiele. Klar ist: Wir wollen aktiv etwas entgegensetzen. Und der Gemeinschaftsgedanke ist wichtig. Viele sollten selber aktiv werden und nicht nur sagen, die WM darf nicht stattfinden. Wir wollen auch eine Plattform für Diskussionen sein: Kürzlich schrieb ein Vater, er werde die WM 2022 nicht im Fernsehen schauen, aber er habe einen achtjährigen Sohn, der fußballbegeistert ist. So ziehen sich die Diskussionen in die Familien. Wir wollen, dass diese Diskussionen noch stärker in Gang kommen.

Ein Wort zur Europameisterschaft – wie stehen Sie zu dieser Euro?

Sie zu verteilen war keine schlechte Entscheidung, das kann man sicherlich mal probieren. Ob man das so zur Corona-Zeit durchziehen muss, ist eine andere Frage. Schlimm ist besonders, dass die Uefa offensichtlich massiv Druck auf die Verbände und direkt auf die Städte ausgeübt hat, was die Zuschauerkapazität angeht. Das ist nicht hinnehmbar.

Von Thomas Kopietz

Zur Person

Bernd-M. Beyer, Jahrgang 1950, studierte nach seiner Tätigkeit als Tageszeitungsredakteur Politik und Volkswirtschaft. Zwischen 1981 und 2015 war er verantwortlicher Lektor im Göttinger Sportbuch-Verlag „Die Werkstatt“ mit Schwerpunkt Fußballgeschichte. Beyer ist Mitglied der Deutschen Akademie für Fußballkultur und lebt in Göttingen.

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