Auf dem Forscher-Olymp

Göttinger Hell erhält Nobelpreis: Porträt über einen Querdenker

Mann mit Charisma: Stefan Hell vom Max-Planck-Institut für biophysikalische Chemie in Göttingen an seinem Fluoreszenz-Mikroskop, das Einblicke in die lebende Zelle ermöglicht. Foto: Jelinek

Göttingen. Der Göttinger Physiker Stefan Hell erhält am heutigen Mittwoch in Schweden mit zwei amerikanischen Kollegen den Nobelpreis für Chemie. Ein Porträt über einen Querdenker.

Es gibt Querdenker und Fähnlein im Forschungswind. Prof. Stefan Hell ist der Prototyp eines von der Neugier motivierten, ja getriebenen Wissenschaftlers – ein Querdenker. Mit der Neugier als Triebfeder hat er es mit gerade einmal 51 Jahren auf den Olymp der Forscher gebracht – und auf dem Weg dorthin hartnäckigen Zweiflern getrotzt.

Über sein STED-Verfahren der Fluoreszenz-Mikroskopie sagt Hell heute: „Es ist schockierend einfach! Da hätte man auch viel früher drauf kommen können.“ Es klingt wie ein Selbstvorwurf. Hell aber hat sich nichts vorzuwerfen, er hat früh viel erreicht.

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Und das auch dank seiner Neugier. Sie bringt ihn während der Doktorandenzeit an der Universität Heidelberg auf die sein Leben bestimmende und für die Optik bahnbrechende Idee: Der damals 27-Jährige ist sich sicher, einen uralten Grundsatz umgehen zu können: die Beugungsgrenze des Lichts, das Abbe-Limit. Das ließen Physiker lange unangetastet, widmeten sich den spektakulären Forschungsfeldern wie der Festkörper- oder Kernphysik. „Mikroskopie galt als langweilig.“ Hell dachte: „Dass von 1870 bis 1990 in der Optik nichts passiert ist, das kann es nicht sein.“

Während der Arbeit an der Universität Turku im finnischen Exil – weil er hier keine Stelle bekommt – veröffentlicht Hell 1994 seine Theorie, zeigt die Möglichkeiten der Fluoreszenz-Mikroskopie auf. Aber der als Einzelkämpfer agierende Hell wird in Physiker-Kreisen kritisch beäugt, nach dem Motto: Was nicht sein darf, kann nicht sein. „Man darf nicht denken, dass in der Forschungslandschaft alle jubeln, wenn etwas Neues funktioniert“, sagt Hell.

Für den in Rumänien geborenen Physiker folgt eine schwierige Zeit, geprägt von Unsicherheit, ja sogar Existenzängsten. Doch er glaubt an sich und seine Idee. „Ich bin damit hausieren gegangen.“ Dann hilft das Schicksal: „Ich hatte das Riesenglück meiner Berufskarriere.“ Die Max-Planck-Gesellschaft wird 1997 hellhörig. Thomas Jovin erkennt das preisverdächtige Potenzial und verpflichtet den Forscher Stefan Hell am MPI für biophysikalische Chemie Göttingen, eine Talentschmiede mit hoher Reputation, die damals schon drei Nobelpreisträger hervorgebracht hat.

Stefan Hell im Regiowiki

Fünf Jahre Zeit hat Hell, das STED-Verfahren reif zu machen. 2000 folgt der wissenschaftliche Nachweis, doch wieder preschen Zweifler vor: „Das Experiment klappt, aber das Prinzip wird sich nie durchsetzen.“ Hell sieht sich gar diskreditierenden Äußerungen ausgesetzt. „Das ging ins Persönliche, aber ich wusste ja, dass die Kritiker das Prinzip nicht verstanden hatten, sie waren interessengesteuert.“ Ein Verhalten, das ihn bis heute stört, aber nicht mehr verletzt.

Dankbar ist der Sportler, in dessen Büro ein Laufband steht, der Max-Planck-Gesellschaft. „Sie bietet von Neugier getriebenen Forschern auch eine Spielwiese, mit wenig Zeit- und Finanzdruck.“ Die Forscher an den MPI´s spielen laut Hell in der Champions-League, wie Bayern München im Fußball. „Wer bei Bayern spielen kann, hat auch bei Real und Chelsea kein Problem – so ist das bei uns MPI-Forschern auch.“

Man könne in Stanford oder Harvard mithalten. Dem Ruf dorthin ist Hell 2003 nicht gefolgt, auch nicht dem Lockruf des Geldes aus Fernost: „Ich wollte, dass das Know-How hier genutzt wird, wo die Forschung von Steuergeld finanziert wird.“ Champions-League spielt Hell sowieso – er hat sie gewonnen, wie Bayern München.

Stefan Hell - Nobelpreisträger aus Göttingen

Das sagt Stefan Hell über

sich: „Ich war ein Neugier-Gründer, wollte wissen, ob etwas funktioniert oder nicht. Ich hatte eine Idee und habe daran festgehalten. Das war das Wichtigste.“

sein Ziel: „Ich suchte danach, eine Physik zu finden, die ein schärferes Sehen durch das Lichtmikroskop ermöglicht.“

das Ergebnis: „Die Fluoreszenz-Mikroskopie mit dem STED-Verfahren ist die für die Lebenswissenschaften, die Biologie und Medizin, wichtigste Form der Mikroskopie.“

Kritiker: „Viele Leute haben gesagt: Vergiss es! Manche waren frecher, sie haben geäußert: Der Hell schneidet nur auf, die Daten sind geschönt. Das sind Äußerungen, die weh taten. Diese Menschen hatten Interesse daran, dass es nicht funktionieren sollte und kein Interesse, dass es funktioniert. Manche haben immer weiter kritisiert.“

die Arbeit und Teamwork: „Es war viel eigene Entscheidung. Später kamen sehr gute Leute dazu, die mit mir die Arbeit mit viel Motivation vorangetrieben haben. Oft habe ich klare Vorgaben gemacht.“

die deutsche Forschung: „Viele Außenstehende wissen nicht, dass viele deutsche Forscher, auch an Max-Planck-Instituten, auf Augenhöhe mit Kollegen in Harvard und Stanford sind. Wenn ein Forscher aus Harvard einen Ruf zu Max Planck bekommt, gerät er ins Grübeln. Nicht alle gehen von hier dorthin, es läuft auch umgekehrt.“

öffentliche Verpflichtungen: „Wie viele andere Wissenschaftler bin auch ich froh, wenn ich meine Ruhe habe, meine Arbeit machen kann. Wissenschaft wird aber auch durch Steuergeld finanziert. Deshalb muss ein Wissenschaftler – auch über Öffentlichkeitsarbeit – transparent machen, wofür er das Geld einsetzt, dass es sinnvoll investiert wird. Die Öffentlichkeit hat ein Recht drauf. In meinem Fall können sich die Bürger, kann sich Göttingen freuen, wenn wir international erfolgreich sind –auch dank des Geldes der Steuerzahler.“

Von Thomas Kopietz

Lesen Sie am Mittwoch in der gedruckten Ausgabe der HNA außerdem:

- Krankheiten besiegen helfen: Grundlagenforschung bringt der Region Arbeitsplätze und Firmenausgründungen

- Göttingen: Stadt der Nobelpreisträger

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