Chef Jörg Magull im Interview

Dem Göttinger Studentenwerk fehlen etwa 400.000 Euro im Monat

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Sanierungsfall: Fraglich, ob die Sanierung der Nordmensa auf dem Nordcampus der Universität Göttingen durch das Studentenwerk noch in diesem Jahr beginnen kann. Geplant war ein Start der Arbeiten im Oktober.

Göttingen – Die Türen des Zentralmensa-Gebäudes sind geschlossen. Corona hat den Publikumsverkehr gestoppt: kein Kaffee in der Cafeteria, kein Essen in der Mensa. Das Studentenwerk arbeitet auf Sparflamme.

240 Mitarbeiter sind in Kurzarbeit. Aber mit Hochdruck wird per Telefon oder E-Mail in der BaföG-Stelle und im Sozialdienst gearbeitet, denn es gilt, den auch notleidenden Studierenden zu helfen. Wir sprachen mit Prof. Jörg Magull, geschäftsführendes Vorstandsmitglied des Göttinger Studentenwerkes.

Was ist für Sie zurzeit besonders problematisch?

Dass noch immer niemand weiß, trotz Lockerungen, wie lange die Einschränkungen anhalten werden. Wir gehen davon aus, dass wir das betriebliche Leben mit dem Coronavirus lernen müssen. Das ist auf Dauer die größte Herausforderung.

Das betrifft aber auch die Studierenden...

Auf alle Fälle. Wir müssen ja alle lernen, wie ein sogenanntes digitales Semester überhaupt funktioniert, sind noch am Anfang und erleben, wie es ist, wenn 80 Prozent der Lehrveranstaltungen ohne die Präsenz der Studierenden stattfinden.

Sie müssen aber reagieren, wenn die Präsenz-Uni wieder losgeht..

Ja. Intern bereiten wir uns auf die Öffnung der Cafeterien und Mensen vor, haben sie nach bestimmten Kriterien kategorisiert und würden die Kassenarbeitsplätze umbauen, wie in Supermärkten. Auch eine Einbahnregelung und die üblichen 1,50-Meter-Abstände einplanen. Wenn das Signal kommt, Ihr dürft aufmachen, dann brauchen wir eine Woche Vorlaufzeit, so für die Bestellungen bei Großliefereranten sowie für die Rückholung der Mitarbeiter aus der Kurzarbeit. Wir würden uns schrittweise herantasten – die Sicherheit der Gäste und Mitarbeiter stehen bei einer Öffnung an erster Stelle. Hoffnung ist, dass wir im Juni aufmachen dürfen.

Ist dann finanziell noch etwas zu retten?

Rein vom Umsatz denken wir, dass wir in diesem Semester auf allerhöchstens zehn Prozent des normalen Umsatzes in einem Sommersemester kommen würden.

Alles zu: Das Hauptgebäude des Studentenwerks mit Zentralmensa am Campus ist geschlossen.

Sie haben ja in bestimmten Bereichen zurzeit Null-Einnahmen: Wieviel Geld geht verloren, wie wird all das kompensiert?

Wir haben die Zusicherung des Landes und sind dankbar dafür, dass die Finanzhilfe nach wie vor gezahlt wird. Wir haben auch die Einnahmen aus den Studentenwerksbeiträgen der Studierenden. Aus den nicht mehr vorhandenen Elternbeiträgen in den Kindergärten fehlen uns 65 000 Euro im Monat. Dazu kommen die Umsatzverluste in den Mensen und Cafes, etwa 340 000 Euro im Monat. Addiert sind das 400 000 Euro weniger Einnahmen pro Monat.

Waren Sie darauf vorbereitet?

Glücklicherweise ja, da auch unser Dachverband der Studentenwerke stets dazu geraten hatte, drei Monatsgehälter Liquidität vorzuhalten. Das haben wir seit vielen Jahren getan, auch, wenn es der Landesrechnungshof kritisierte - nach dem Motto: Warum Vorsorge für schlechte Zeiten, Ihr seid ja eine Stiftung öffentlichen Rechts. Nun gibt uns die Rücklage die Möglichkeit, das Kurzarbeitergeld der Mitarbeiter auf 100 Prozent des üblichen Verdienstes aufzustocken.

Die Lage für Studenten ist schwierig, sie leiden unter dem Wegfall von Nebenjobs. Wie sehen Sie das?

Wir gehen davon aus, dass in Gastronomie und Kulturbereich, wo viele Studis tätig sind, noch lange Jobs fehlen werden, da der Normalzustand trotz einzelner Öffnungen aktuell noch lange nicht erreicht sein wird. Ich glaube, dass die Kultur der letzte Bereich sein wird, in dem Lockerungen stattfinden.

Wie hilft das Studentenwerk den Studierenden?

Wir haben früh einen Nothilfefonds von 50 000 Euro aufgelegt. Dafür gab es schnell viele Anträge, das Geld wurde relativ unbürokratisch und fix vergeben. Der Topf kam aus dem Sozialdienst und wird durch Spenden des Vereins Alumni, durch Ehemalige und Förderer der Uni, aufgestockt – bisher etwa um 90 000 Euro. Ein größerer Teil wurde für den Agrarwissenschaftlichen Bereich gespendet, für die Studenten dort. Ein Problem bei der Beurteilung der Bedürftigkeit: Viele Studierende haben keine Arbeitsverträge, bekommen ihr Geld bei Jobs in bar. Für uns gilt: Wir wollen nur den Bedürftigen Geld auszahlen.

Und bei öffentlichen Mitteln von Bund und Land?

Ende April hat das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) zugesagt, die Nothilfefonds für Studierende aufzufüllen. Wie viel Göttingen bekommt, steht noch nicht fest. Zudem wurden zinslose Kreditmöglichkeiten für Studierende ohne Einkommen und BAföG geschaffen, zinslos. Das Geld muss aber zurückgezahlt werden, was nicht immer einfach sein wird.

Gibt es Möglichkeiten, Mieten in Studentenwerk-Wohnungen zu stunden?

Es gibt ein Bundesgesetz, das besagt, wenn coronabedingt die Miete nicht geleistet werden kann, sie für die Monate April bis Juni gestundet werden kann. Das muss man uns anzeigen und belegen – auch über den Nachweis von Kurzarbeit und Arbeitslosigkeit der Eltern. Dann schließt der Studierende mit dem Sozialdienst eine Ratenzahlungsvereinbarung ab, die wir sehr moderat gestalten – mit Null-Prozent-Zins und kleinen Raten. Das Bundesgesetz sieht leider nicht vor, dass die Miete erlassen wird.

Gibt es Unsicherheiten?

Bleibt das digitale Semester auch im kommenden Wintersemester erhalten, dann kann das massive Auswirkungen auch auf das Studentenwerk haben. Eine Frage ist aktuell auch, ob die internationalen Studierenden nach Deutschland kommen wollen oder dürfen. In Göttingen gibt es viele ausländische Studierende, und die Hälfte derer wohnt bei uns in Studentenwerk-Wohnungen und -Zimmern. Die, die nicht nach Hause können, lassen wir natürlich auch bei uns wohnen.

Können Sie etwas Positives aus der Corona-Situation für das Studentenwerk ziehen?

Ich möchte herausstellen, dass viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, besonders auch viele Jüngere und Auszubildende bereit sind, Verantwortung zu übernehmen, auch Dinge anders zu organisieren, und sie bringen eine sehr positive Ausstrahlung in den Betrieb ein. Es wird sehr deutlich: Die jungen Leute rocken teilweise den Laden.

Studentenwerk-Geschäfsführer Jörg Magull

Zur Person

Prof. Jörg Magull, Jahrgang 1963, ist promovierter Chemiker und steht seit 2008 an der Spitze des Studentenwerks Göttingen. Dafür schied er aus dem Hochschuldienst aus. Zuvor war er unter anderem Geschäftsführender Leiter des Gemeinsamen Prüfungsamtes der Mathematisch-Naturwisssenschaftlichen Fakultäten der Uni Göttingen. bsc

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