Seminar für Mittlere und Neuere Geschichte der Philosophischen Fakultät

Göttinger Studierende erstellen Webseite zu Kolonialismus und Wissenschaft

Die „Kolonialschule Wilhelmshof“ in Witzenhausen (historische Postkarte): Ihre Nähe zur Universität spielte für Göttinger Kolonialforscher eine wichtige Rolle.
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Die „Kolonialschule Wilhelmshof“ in Witzenhausen (historische Postkarte): Ihre Nähe zur Universität spielte für Göttinger Kolonialforscher eine wichtige Rolle.

Das Bild des „edelen Wilden“ ist in vielen Köpfen noch immer präsent, wenn es um fremde Kulturen geht. Die Vorstellungen vieler Europäer sind geprägt durch die Kolonialzeit, die vor allem in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ihren Höhepunkt fand.

Göttingen - Durch Forschungen in und über Kolonien entstanden in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts auch neue Fachgebiete an Universitäten. Wie das koloniale Erbe die Universität Göttingen geprägt hat, dazu haben Geschichtsstudierende nun eine Webseite erstellt.

Entstanden ist diese Arbeit am Seminar für Mittlere und Neuere Geschichte der Philosophischen Fakultät in Göttingen. Geleitet wird dieses, genauso wie das Forschungsprojekt zu Wissenschaft und Kolonialismus, von Prof. Dr. Rebekka Habermas. Bei Recherchen über den Göttinger Augenarzt Alfred Leber – der 1914 mit Maler Emil Nolde in der deutschen Südseekolonie unterwegs war – fiel Habermas auf, dass sich zwar längst viele Städte mit ihrer kolonialen Vergangenheit auseinandersetzen, dieser Versuch bislang aber kaum von Universitäten unternommen wurde.

Prof. Dr. Rebekka Habermas

„Diese Forschung ist verhältnismäßig jung. Ein richtiges Vorbild gab es dazu für uns nicht“, sagt Habermas im Gespräch mit unserer Zeitung. Entsprechend war die Vorbereitung des Seminars, an dessen Ende die Erstellung der Webseite (goettingenkolonial.uni-goettingen.de) stand, zunächst davon geprägt, überhaupt brauchbare Quellen zu finden. Hier tat sich vor allem die Göttinger Studentin Lena Glöckler hervor, die Habermas bei der Veranstaltung des Seminars unterstützte.

„Bis heute basiert ein großer Teil der vermeintlichen Errungenschaften europäischer Wissenschaften auf kolonialem Wissen“, sagt Habermas. Im Seminar untersuchten die Studis das Wirken von Göttinger Forschern, die aufgrund von Expeditionen, Rasseforschung oder anderen Studien koloniale Strukturen genutzt haben und davon profitierten.

Zudem schauten sich die Studierenden wissenschaftliche Disziplinen und Orte wie den Alten Botanischen Garten oder die universitären Sammlungen an, in denen sich viele Objekte aus den damaligen Kolonien befinden. Sie versuchten, namenlose Experten vor Ort zu identifizieren, ohne die die Göttinger Forscher es nicht zu ihrem Erfolg gebracht hätten. Dafür sichteten sie historische Quellen, etwa Veröffentlichungen der Forscher oder Dokumente und Fotos aus Archiven in Witzenhausen, der Stadt Göttingen und der Universität.

Beim Studium der Webseite, die das koloniale Erbe der Uni Göttingen beispielhaft darstellt, wird klar, dass die Verwobenheit von Kolonialismus und Wissenschaft die Wissenschaft bis heute mitbestimmt. Als Beispiel nennt Habermas etwa die heutige Tropenmedizin. In Lehrbänden würden noch heute Fotos aus den 1910er Jahren abgedruckt und weiterhin Sprache kolonialen Ursprungs verwandt. Auch in der Botanik macht Habermas „erschreckende Anleihen einer kolonialen Perspektive“ aus.

Und nach wie vor prägen die Schilderungen damaliger Reisender „unser“ Bild: Afrika als Kontinent ohne eigene Geschichte, Afrika und Asien als Ursprung von Seuchen und Krankheiten. Die Vorstellungen von archaischen „Wilden“, die bereits Forscher des ausgehenden 18. Jahrhunderts erschufen, wurden im 19. Jahrhundert anhand rassistischer Theorien vermeintlich wissenschaftlich erwiesen.

So wird schnell klar, wie diese enge Verwobenheit von Kolonialismus und Wissenschaft salonfähig werden konnte. Dabei wollen die heutigen Göttinger Forscher ihren damaligen Kollegen keinesfalls fehlendes genuines wissenschaftliches Interesse absprechen. Allerdings haben die Kolonien in einigen Fächern die Forschungen erheblich vereinfacht. Und im Hintergrund spielte auch das ökonomische und politische Interesse des Staates eine wesentliche Rolle.

„Wissenschaftliche und staatliche Interessen gingen hier Hand in Hand“, sagt Habermas, die darauf hinweist, dass die beschriebenen Forschungen nicht nur in Göttingen und nicht nur in Deutschland stattfanden. „Alle Kolonialmächte haben diese Forschungen betrieben“, betont Habermas. Nur eine Aufarbeitung hat bislang kaum stattgefunden. (Andreas Arens)

Zur Person

Prof. Dr. Rebekka Habermas (61), geboren in Frankfurt/Main, ist seit 2000 Inhaberin des Lehrstuhls für Mittlere und Neuere Geschichte an der Universität Göttingen. Sie studierte Geschichte und Romanistik. 1998 habilitierte sie in Bielefeld an der Fakultät für Geschichtswissenschaft und Philiosophie. Habermas ist Herausgeberin der Zeitschrift „Historische Anthropologie“ sowie Mitherausgeberin der Reihe „Campus Historische Studien“. Von 2010 bis 2016 war sie Sprecherin des DFG-Graduiertenkollegs Dynamiken von Raum und Geschlecht. Seit 2012 ist Habermas ordentliches Mitglied der Academia Europaea. (ana)

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