Wie der Alltag von Julia Fischer aussieht

Göttinger Tierforscherin: Leben zwischen Büro und Urwald

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Feldforschung: Aug’ in Aug’ mit einem Berberaffen – Julia Fischer beobachtet einen Bären-Pavian im Tierpark „La Forêt des Singes“ im südfranzösischen Rocamadour.

Göttingen. Ganz vorn in der Liste der Suchmaschinen steht unter „Affenforscherinnen“ Julia Fischer. Die Göttinger Professorin ist eine gefragte Tierverhaltensforscherin.

Affenforscherin: Das riecht nach Urwald und Abenteuer, nach verschwitztem Trecking-Hemd. All das gibt es im Arbeitsalltag von Julia Fischer auch. Aber wie das mit Klischees von Traumberufen so ist: Der Alltag sieht oft anders aus. Die Professorin für Biologie und Kognitive Ethologie am Deutschen Primatenzentrum (DPZ) der Uni Göttingen verbringt weit weniger Zeit im Busch als in ihrem hellen Büro, bei Team-Besprechungen, in Lehrveranstaltungen oder bei der Betreuung von Doktoranden via Internet. Sie schreibt Gutachten, treibt Fördergeld auf und will Forschungsbedingungen verbessern. Und sie sitzt - dann in Business-Kleidung - in internationalen Gremien, führt ein Leben aus dem Rollkoffer. Alltag einer Wissenschaftsmanagerin.

Trotzdem hat Fischer mit Leidenschaft und Akribie ein Buch geschrieben: Affengesellschaft. Das machte sie zu einer begehrten Expertin für die Medien. Unvorbereitet trafen sie Interview- und Talk-Show-Anfragen nicht, denn schon 2004 hatte sie als Leiterin einer Leipziger Forschungsgruppe im Fokus gestanden: Forschungshund Rico, einst TV-Star bei „Wetten, dass...“, erkannte Plüschtiere am Namen. Fischer bescheinigte dem Border-Collie „eine reife, eigenständige Denkleistung“. Die Story ging um die Welt.

So ist ihr Rat häufig gefragt, wenn es um die Intelligenz und das Denken bei Tieren geht. „Anfangs fühlte ich mich geschmeichelt, wenn die Medien anfragten“, sagt Fischer. Mittlerweile sieht sie das differenzierter. „Ich will einfach nicht zu jedem Sensationsereignis, vor allem, wenn es nicht seriös ist, etwas sagen.“ Trophäensammler nennt sie die Wissenschaftler, die all das als Sensation herausposaunen, was auch einfacher erklärt werden könnte. Das kann die 48-Jährige: Dass Affen nicht sprechen können, die Sprachsteuerung nicht vorhanden ist, beschreibt sie humorvoll: „Da fehlt es im Kopf.“

„Ich achte bei Menschen mehr auf die Form von Ohren. Affen kann man dadurch gut auseinanderhalten.“

Veröffentlichungen in Medien, Berichte über die Feldforschung mit Gibbon-Pavianen im selbst aufgebauten Camp Simenti in Senegal oder Tests mit Affen im DPZ sind ihr wichtig. Sie bringen zudem Bekanntheit und Bonuspunkte, die helfen, an Forschungsgeld zu kommen.

Affen haben Julia Fischer die Tür zur Karriere geöffnet. Als Kind wollte die geborene Münchnerin Flugzeugbauerin werden, später Meeresbiologin. „Aber als ich in Schottland im Schlick Würmer und Kleintiere zählte, langweilte mich das unendlich.“ Also ab in die Verhaltensbiologie und auf zu spannenderen Tieren: Bei einem Kurs im südfranzösischen Affenpark Rocamadour kam die Wende: „Ich war begeistert, auch von den Möglichkeiten, Affen zu erforschen.“

Sie lächelt. „Affen sind unsere nächsten Verwandten und sie faszinieren.“ Wenn sie von erstaunlichen Begegnungen und der Nähe zu den Tieren erzählt, ist die Faszination zu spüren, von der sie sich nicht frei machen, aber ebenso wenig überwältigen lassen will. Denn trotz aller Begeisterung: So eng wie Fossey und Goodall mit den Tieren lebten und in deren Leben eingriffen, das könnte und würde Fischer, die Distanz wahrende, niemals tun. Ihre Liebe hat Grenzen. Sie ist ein Forscher-Profi: Zu viel Nähe würde die Tiere und die Ergebnisse verändern.

Bei den Pavian-Beobachtungen mit den Doktoranden erlebt die Professorin oft Überraschendes: „Manchmal erweisen sich die Erkenntnisse im Nachhinein als nicht haltbar.“ Das sei die Crux der Verhaltensforschung. „Sie ist immer diskutabel, aber nicht fragwürdig, wie manche sagen.“ Alles auf die Verhaltensgenetik zu begründen, das sei nicht hilfreich, denn die genetische Entwicklung sei auf die Umwelt, die Bedingungen, das Sozialleben zurückzuführen, sagt Fischer, die damit die Lehrmeinung stützt, dass Intelligenz als Folge des Lebens in Gruppen entstanden ist.

Die Forschungsarbeit ist für die Wissenschaftlerin und begeisterte Schreiberin eine Never-Ending-Story. „Vielleicht gibt es mal wieder ein Buch“, sagt sie augenzwinkernd. Gerade ist ein Buch von Gabi Pfeiffer erschienen, mit Porträts über „Starke Frauen“ und deren Leben für Tiere. Auch Julia Fischer ist dabei - neben Jane Goodall, Brigitte Bardot und Elisabeth II.; „Mit der Queen in einem Buch!“, sagt Fischer mit ironischem Unterton.

Interview: "Ich wahre Distanz"

Warum sind Sie eine der bekanntesten Tierforscherinnen? 

Julia Fischer: Vielleicht, weil ich zum Thema Intelligenz, Sozialverhalten und Sprache bei Tieren forsche. Das ist für viele Menschen interessant.

Warum beobachten Sie Guinea-Paviane und nicht Menschenaffen? 

Fischer: Weil man noch fast nichts über sie wusste. Und weil sie in Gruppen mit ausgeprägtem Sozialverhalten leben. Das macht es so interessant, ihr Verhalten über viele Jahre zu beobachten. Jetzt wird es spannend: Die Babys von einst werden erwachsen. Wir sehen, wie Verhaltensweisen oder Erlebnisse in der Kindheit sich nun auswirken.

Hat sich eine Nähe zu den Affen eingestellt? 

Fischer: Ich wahre Distanz. Die Tiere sind gewissermaßen Darsteller in einer Soap-Opera. Sie erkennen mich und andere Forscher. Man hat auch mal einen Affen, den man besonders lustig findet oder den man irgendwie mag; ich bin also nicht völlig neutral. Aber ich liebe sie auch nicht so, wie ich meinen Haushund lieben würde.

Die Ähnlichkeit zwischen Menschen und Affen fasziniert viele, auch Sie? 

Fischer: Ich finde die Unterschiede viel spannender.

Wie stehen Sie zu den Tierversuchen im Primatenzentrum? 

Fischer: Man muss strenge Maßstäbe an die Verhältnismäßigkeit anlegen und das Wohlbefinden der Tiere sehr genau im Auge haben. Bei uns kommen die Tiere freiwillig zu Tests - und sie gehen auch wieder, wenn sie keine Lust mehr haben.

Was haben Sie aus der Forschungsarbeit für sich gelernt? 

Fischer: Ich bin etwas gelassener geworden und achte mehr auf nonverbale Kommunikation bei Menschen.

Zur Person

Julia Fischer (48), gebürtige Münchnerin, studierte Biologie in Berlin und Glasgow. Dabei stieß sie auf „ihr“ Buch: „Wie Affen die Welt sehen“ von Dorothy Cheney und Robert Seyfarth. Ein Traum ging in Erfüllung, als sie für die beiden in Botswana das Baboon-Camp leitete, Bären-Paviane beobachtete.

2004 nahm Fischer den Ruf der Uni Göttingen als Professorin an der Biologischen Fakultät an. Im Deutschen Primaten Zentrum (DPZ) leitet sie die Abteilung Kognitive Ethologie. Dort kombiniert sie die Feldforschung und Intelligenztests mit Affen. Mit ihrem Team baute sie die DPZ-Forschungsstation Simenti im Senegal auf. Fischer engagiert sich in Gremien, so im Europäischen Forschungsrat und im Hochschulrat der Universität München. Sie ist Mitglied der Berlin-Brandenburgischen und der Göttinger Akademie der Wissenschaften.

Julia Fischer reist gerne und ist Fußball-Fan - Borussia Dortmund und Werder Bremen.

Buchtipp

„Affengesellschaft“ ist eine Bestandsaufnahme und Zusammenfassung der Feld- und Laborforschung mit Affen in Bezug auf Intelligenz, Sozialverhalten und Kommunikation. Julia Fischer hat ein unterhaltsames Sachbuch geschrieben. Auch, weil sie persönliche Erlebnisse einfließen lässt. Dafür erntete sie Kritik von Wissenschaftlern. An den Ergebnissen und der wissenschaftlichen Betrachtung aber gab es nichts auszusetzen.

Julia Fischer, Affengesellschaft, Suhrkamp, 282 S., 26,95 Euro.

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