Tour durch das historische Studenten- und Kneipenleben

HNA-Serie Stadführungen: Göttinger Trinksitten auf der Spur

Führung für Nachschwärmer: Die Stadtführerin Dr. Gudrun Keindorf (rechts) auf den Spuren der alten Göttinger Trinksitten. Im Bild vor einem bürgerlichen Haus aus dem Jahr 1495. Foto: Geier

Göttingen. Auf den Spuren der Trinksitten und des studentischen Lebens können Bewohner und Gäste einmal im Monat wandeln, wenn Dr. Gudrun Keindorf ihren Streifzug durch die Jahrhunderte alte Göttinger Trinkkultur startet.

Eine Hauptrolle dabei spielen seit dem 18. Jahrhundert auch die Studenten. Die Reise beginnt im Alten Rathaus. In dem Saal tafelten schon vor acht Jahrhunderten die Bürger an den langen Banketttischen, mit Löffel und Messer in den Taschen. Die Gabel fehlte. Sie galt als Werkzeug des Teufels, hatte so bei Tisch nichts zu suchen.

Das war nicht die aus dem Fernsehen hinlänglich bekannte typische mittelalterliche Bankettszene, in der ganze Braten aufgetischt werden, sich der Herr eine Keule abriss, herzhaft hineinbiss und dann den abgenagten Knochen über die Schulter warf.

Im Alten Rathaus ging es anders zu. Schüsseln mit Kartoffeln und Gemüse kamen auf den Tisch, das Fleisch war in der Küche vorportioniert. „Es gibt auch Regeln bei Tisch“, erklärt Gudrun Keindorf, „die Hand mit der man nach dem Essen greift, darf nicht zum Mund geführt werden.“ Das waren die frühen Anfänge der Gastronomie, „die Regeln, die wir heute kennen, kamen in Göttingen erst mit der Gründung der Universität 1737 auf“, berichtet die Stadtführerin. Bekleidet mit einem knielangen, beigen Mantel und schwarzen Hut erzählt die Kulturwissenschaftlerin vom einstigen Leben, von angesehenen Bürgern mit Flohfallen in ihren Perücken und von der erregenden Wirkung aufgelösten Einhornpulvers im Weinglas.

Mit Elan streifen die 15 Teilnehmer im Schummerlicht hinter der Stadtführerin her. Begeistert sind sie, als es auf ein Bier geht. Das Haus, erbaut von Textilunternehmer Johann Heinrich Grätzel, fertiggestellt 1741, ist ein Barockgebäude aus der Frühzeit der Universität. Im Erdgeschoss befindet sich heute auch die Bar Mr. Jones.

Dann geht es vorbei am Michaelishaus, der ursprünglichen Londonschenke, weiter über die Weender Straße, wo die aufgeputzten Dienstmädchen die Blicke der Studenten auf sich ziehen wollten und wo im 19. Jahrhundert die Kaffeehauskultur gedieh.

Im Börnerviertel angekommen berichtet die Archäologin von Kneipen und von alteingesessenen Weinhandlungen, von denen die Firma Bremer noch besteht. Dort wird seit 1767 der Rebensaft verkauft. „Dort kaufen vor allem die Professoren ein und zahlen einmal im Jahr ihre Rechnungen“, berichtet Keindorf. Die Familie Bremer besitzt die Unterlagen und kann genau sagen, wer vor 200 Jahren welche Weinsorte bestellt hat.

Zum Abschluss erzählt die Stadtführerin von einem der berühmtesten Studenten Göttingens: Otto von Bismarck. Er studierte 1832 und 1833 Verwaltungsrecht, hielt sich aber häufiger in den Kneipen als in Hörsälen auf. „Er trank Wein aus der Flasche und wenn die Bedienung nicht schnell genug bediente, dann flog die leere Flasche auch schon durchs Fenster - nicht immer war es offen.“

Stadtführerfestival öffnet Türen

Zum siebten Mal und anlässlich des 125-jährigen Jubiläums des Göttinger Tourismus gibt es bis zum 31. Oktober die Göttinger Entdeckungstouren. In diesem Jahr mit einem sechswöchigen Programm und 42 Touren.

Institutionen öffnen einmalig ihre Türen und ermögichen so Neugierigen den Blick auf etwas Neues. Unter anderem kann ein Blick in die Justiz-Vollzugsanstalt Rosdorf, die Universitätsklinik, das Postverteilzentrum und andere Einrichtungen geworfen werden.

Stadtrundgänge beleuchten die alte und jüngere Geschichte der Stadt. Eine Besonderheit ist die spezielle Führung für Sehbehinderte, die die Stadt und ihre Sehenswürdigkeiten mit den Händen erfassbar machen wird.

Alle Führungen haben begrenzte Teilnehmerzahlen. Anmelden können sich Interessierte bei der Tourist-Information im Alten Rathaus, Markt 9, in Göttingen, Telefon 0551/499 80 31 oder per Mail an tourismus@goettingen.de Weitere Informationen gibt es hier.

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