"Er hat die Vater-Staat-Figur wieder etabliert"

Göttinger Türkei-Experte Jens Peter Laut: Darum ist Erdogan beliebt

Staatschef Recep Tayyip Erdogan

Göttingen. Jens Peter Laut kennt die Türkei von Istanbul bis zum Van-See. Der Turkologe an der Universität Göttingen kennt aber vor allem die Geschichte und aktuelle Situation in dem Land.

Für die Akademie der Wissenschaften zu Göttingen hat er ein Interview gegeben und sagt auch: „Erdogan hat die Vater-Staat-Figur wieder etabliert.“

Für wie dramatisch halten Sie die Situation in der Türkei?

Prof. Dr. Jens Peter Laut: Dramatisch ist nicht zu hoch gegriffen, denn es gibt eine wirkliche Neuorientierung in der Türkei. Seit ihrer Gründung 1923 kam es zu einer Europäisierung bei gleichzeitiger Zurückdrängung der religiösen Einflüsse: Stichwort Atatürk und seine Reformen. Jetzt wird versucht, die von den Kemalisten oft belächelten „anatolischen Werte“ zu neuem Leben zu erwecken. Dazu gehört die starke Religiosität, die durch den jahrzehntelang propagierten Nationalismus unterstützt wird.

Was hat diese Umwälzung ermöglicht? 

Laut: Dabei hilft ein Blick in die Geschichte: Die Gründung der Republik Türkei führte zu einer Kulturrevolution, die in ihrer Radikalität mit der chinesischen vergleichbar ist. Quasi über Nacht wurden so eine neue Schrift und eine neue Sprache eingeführt – ein von arabischen und persischen Bestandteilen weitgehend bereinigtes Türkisch, das die neuen europäischen Denkmuster fördern sollte. Zudem wurde die gesamte Gesetzgebung nach europäischem Muster, zum Teil als direkte Kopie, neu gebildet.

Ein radikaler Umbruch?

Laut: Richtig. Aber: Diese Prozesse sind in ihrer Radikalität in großen Teilen Anatoliens, vor allem in Ostanatolien, nie wirklich angekommen. Seit den 50er-Jahren gibt es in der Türkei Bestrebungen, diese radikalen Reformen von einst zurückzudrängen. Das kemalistisch orientierte Militär hat aber lange Zeit solche Bestrebungen unterdrücken können. Inzwischen aber ist die konservative islamisch orientierte Partei Recep Tayyip Erdogans erstarkt und versucht, das Rad der Geschichte zurückdrehen.

Warum scheint das jetzt zu gelingen?

Prof. Dr. Jens Peter Laut – Türkei-Experte und Turkuloge der Universität Göttingen. Foto: Lochte

Laut: Viel vom sogenannten Kemalismus war offenbar nur eine Art Tünche und hat sich gehalten, weil Atatürk eine so charismatische, fast religiös verehrte Persönlichkeit war. Tatsächlich stehen das hochmoderne Ankara und Istanbul auf der einen Seite und das verarmte, von religiösen Sonderformen durchdrungene Land, in das die Kemalisten nie nennenswert investiert haben, auf der anderen. Die Städter haben auf die Landbevölkerung herabgesehen, nun ist diese Schicht im Aufwind. „Wir sind auch jemand“ – aus diesem wiedererstarkten Selbstbewusstsein erklärt sich die Anhängerschaft Erdogans aus der einen Hälfte der Bevölkerung. Die andere, die säkular orientierte Hälfte, ist offensichtlich überfordert und kann sich nicht organisieren. Auch hat Erdogan ein Klima der Angst geschaffen, in dem niemand sich zu wehren traut.

Wie kann es sein, dass Erdogan auf 2/3 Mehrheiten im Parlament zählen kann, um entscheidende, auch verfassungsmäßige Änderungen durchzubekommen? Was sind die Ursachen dafür? 

Laut: In erster Linie das Umkippen der nationalistischen Partei (MHP), aber auch die Tatsache, dass Erdogan mit seinem Politikstil und seinen Themen offensichtlich überzeugen kann: Viele Türken sehnen sich nach einer starken Vaterfigur, die dem als feindlich empfundenen Ausland und sonstigen finsteren Mächten die Stirn bietet.

Wie kann der Präsidialstaat noch verhindert werden und von welchen Gruppen muss Widerstand kommen? 

Laut: Die einzige Chance besteht für mich darin, dass die kemalistisch orientierten Kräfte jenseits von Parteipolitik ein starkes Bündnis bilden, das der türkischen Bevölkerung deutlich vor Augen führt, dass der angestrebte Präsidialstaat keins der vielen Probleme im Land lösen kann. Die Chancen sind allerdings gering, da die Medien weitestgehend von der Erdogan-Klientel kontrolliert werden.

Ist es nicht dennoch erstaunlich, dass der westliche Einfluss offenbar so schwach ist? 

Laut: Es gibt einen wesentlichen Unterschied zum westlichen Denken: Die Türken wurden in der 600-jährigen Geschichte des Osmanischen Reiches auf eine Vaterfigur gepolt. Sultane, Kalifen – alle galten als verehrte, weise Lenker. Atatürk verkörperte ebenfalls das Prinzip des geliebten Führers. Erdogan hat es geschafft, diese Vater-Staat-Figur wieder zu etablieren. Und ein Vater schützt, versorgt – und straft.

Gibt es Hoffnung für eine Trendwende? 

Laut: Es ist vorauszusehen, dass die wirtschaftliche Entwicklung in der Türkei schlechter wird. Der Tourismus geht zurück, die Investitionen von außen auch. Das könnte dazu führen, dass sich die Türkei notgedrungen wieder demokratisiert.

Wie würden Sie sich gegenüber der Türkei verhalten, wenn Sie deutscher Außenminister oder Kanzler wären? 

Laut: Die Türkei braucht Deutschland als Handelspartner. Man sollte ihr diese wirtschaftliche Abhängigkeit sehr deutlich machen. Auch sollte klar sein, dass vieles von dem, was Erdogan sagt, ein rhetorisches Gewitter ist. Es soll der Bevölkerung klar machen, wie stark er als Führer ist. Ich gebe auch zu bedenken, dass die Türken die unbeliebteste Bevölkerungsgruppe in Deutschland sind, was der türkischen Regierung durchaus bewusst ist. Die Folge davon ist eine Art Minderwertigkeitskomplex, der auch zu übertriebenen Reaktionen führen kann.

Die Göttinger Uni-Vize-Präsidentin, Prof. Hiltraud Casper-Hehne, hat darauf hingewiesen, dass in der Türkei Wissenschaftler in ihrer Arbeit beeinflusst werden. Wird auch Ihre Forschungsarbeit beeinflusst?

Laut: Viele Kollegen halten sich bei Kooperationen mit dem Ausland zurück. Einige sind auch entlassen worden. Eine ehemalige Doktorandin von mir ist seit Monaten in Haft. Ihr wird vorgeworfen, Anhängerin des Predigers Fethullah Gülen zu sein, ein Standardvorwurf, mit dem man zurzeit jede Person in der Türkei hinter Gitter bringen kann. Sie hat aber nur ihren Master an einer renommierten Uni in Istanbul gemacht, die der Organisation von Gülen gehört hat. Das Schicksal des wissenschaftlichen Nachwuchses ist unabsehbar.

Prof. Dr. Jens Peter Laut (62), geboren in Hannover, ist Turkologe an der Uni Göttingen und Vizepräsident der Akademie der Wissenschaften zu Göttingen. Seit Ende der 70er-Jahre beschäftigt er sich mit der Sprache, Literatur und Kultur der Türkei. Mit Prof. Erika Glassen und dem Unionsverlag in Zürich hat er zahlreiche Werke der modernen türkischen Literatur in deutscher Übersetzung herausgegeben. Laut reist mindestens einmal im Jahr in die Türkei. Im Orient-Institut Istanbul der Max-Weber-Gesellschaft war er von 2009 bis 2016 Vorsitzender des Wissenschaftlichen Beirats.

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