Göttinger Uni-Bibliothek ist "Werkstatt des Wissens“

Zentralbibliothek am Campus: Die Niedersächsische Staats- und Zentralbibliothek Göttingen wurde 1734 gegründet. Bereits im 18. Jahrhundert baute sie Bestände von nationalem wie internationalem Rang auf. Der moderne gläserne Turm der Zentralbibliothek prägt das Bild am Platz der Göttinger Sieben,  Fotos: Schmidt-Hagemeyer / Uni Göttingen

Göttingen. Mit 7,7 Millionen Medieneinheiten zählt die Niedersächsische Staats- und Universitätsbibliothek Göttingen (SUB) zu den größten Bibliotheken in Deutschland. Seit Mai ist Dr. Wolfram Horstmann Direktor des Hauses.

Herr Dr. Horstmann, Sie sind seit einem halben Jahr in Göttingen. Was bedeutet Ihnen die SUB als Wirkungsstätte?

Die SUB ist für mich die wichtigste akademische Bibliothek in Deutschland. Es ist eine große Ehre, hier arbeiten zu dürfen. Ich kenne die SUB, weil ich schon einmal für eineinhalb Jahre hier tätig war, bevor ich nach Bielefeld gegangen bin. Die dortige Universitätsbibliothek ist als junge Einrichtung ganz anders, aber auch sehr gut aufgestellt, agil und innovativ.

Die Universität Oxford wiederum, an die ich dann gewechselt bin, hat eine der größten und wichtigsten akademischen Bibliotheken der Welt und ist auf Basis ihrer Spezialsammlungen stark historisch geprägt. In Göttingen versucht man beides zu verbinden - Innovationsfreude und die Historie bedeutender Spezialsammlungen. Auf diese Herausforderung freue ich mich.

Welche zentralen Aufgaben hat eine Universitätsbibliothek?

Dr. Wolfram Horstmann

Es geht darum, die wissenschaftliche Informationsversorgung für Forschende und Studierende zu managen. Der traditionelle Weg ist es, Werke zu kaufen, zu sammeln und zur Verfügung zu stellen. Angesichts des Wandels der Informationspraxis zeichnet sich aber ein Paradigmenwechsel ab: Heute geht es verstärkt darum, Forschende und Studierende dabei zu unterstützen, ihre Informationen zu managen und sie auf dem Weg von der Idee bis zur Publikation zu unterstützen.

Bibliotheken haben sich ständig gewandelt: Vor dem Buchdruck haben Mönche in Klöstern Wissen verschriftlicht und gesammelt, kamen Gelehrte dorthin, um die Werke zu studieren. Erst durch den Buchdruck erhielten Bibliotheken die Funktion als Sammler und Verteiler, die sich jetzt wieder ändert. Denn digitale Publikationen sind jederzeit und überall verfügbar.

Werden die Bücher aus den Regalen verschwinden und wird die Bibliothek zum virtuellen Ort?

Gedruckte Bücher werden noch für lange Zeit bleiben, denke ich. Aber digitale Medien kommen immer mehr hinzu. In der digitalen Welt wird die Bibliothek als Dienstleisterin im Hintergrund quasi unsichtbar. Ist die Dienstleistung gut, dann merken Forschende und Studierende gar nicht, dass sie dank der Aktivitäten von Bibliotheken auf Zeitschriften und Bücher elektronisch zugreifen können.

Den Zugang zur kompletten wissenschaftlichen Literatur der Welt herzustellen, das leisten Bibliotheken. Das Wissen, das früher in den Regalen stand, ist jetzt zunehmend über den Computer zu finden. Aber das Prinzip ist das gleiche.

Was bedeutet dies für die Nutzung der SUB? 

Die Nutzung der SUB als eines physischen Raums hat sich verändert. Studierende nutzen die Bibliothek immer stärker als Ort des Arbeitens und des Lernens. Früher wurde zumeist zu Hause mit Büchern gearbeitet. Heute kommen viele Besucher - allein in der Zentralbibliothek am Tag im Schnitt 5500 - in die SUB, um hier konzentriert zu arbeiten. Sie nutzen die Arbeitsplätze, um sich mit Wissen in physischer und virtueller Form zu umgeben.

Und die Wissenschaftler?

Naturwissenschaftler, die viel mit Artikeln in Zeitschriften arbeiten, die fast nur noch digital erscheinen, gehen natürlich wenig in Bibliotheken. Bei Geistes- und Sozialwissenschaftlern ist die Nutzung dagegen stärker - besonders im Bereich der Spezialsammlungen. Um mit diesen zu arbeiten, reisen Forscher aus dem In- und Ausland eigens nach Göttingen.

Was bringt der digitale Wandel, wenn man zehn Jahre in die Zukunft schaut?

Prognosen sind schwer, aber ich denke, dass die Bibliothek als Ort bleiben wird: Aber sie wird Werkstatt, nicht reines Lager des Wissens sein. Die Interaktionen zwischen Mensch und Wissen werden weiterhin einen Raum erfordern: für Räume des Arbeitens und Lernens wie für den wissenschaftlichen Austausch.

Auch digitale Medien kosten Geld. Gibt es darum weniger für Bücher und deren Erhalt?

Wir wissen, dass Forschende und Lehrende aller Disziplinen in wachsendem Umfang digitale Informationsangebote benötigen - und von uns erwarten. Darauf müssen und wollen wir reagieren. Was die Nutzer wollen zählt. Da bin ich konsequent.

http://www.sub.uni-goettingen.de

Zur Person: Wolfram Horstmann

Wolfram Horstmann (43) hat Biologie in Bielefeld studiert und 2003 zu einem wissenschaftstheoretischen Thema promoviert. Anschließend arbeitete unter anderem als EU-Projektmanager an der SUB in Göttingen und als Chief Information Officer an der Universität Bielefeld. Zuletzt war er Vizedirektor der Bodleian Libraries der Universität Oxford mit dem Schwerpunkt Digitale Bibliothek und Informationstechnologien. (zsh)

Von Kornelia Schmidt-Hagemeyer

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