Forschungsprojekt

Göttinger Wissenschaftler fordern: Schluss mit Werkverträgen in Schlachthöfen

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Arbeit in einem Schlachthof: Das Soziologische Forschungsinstitut Göttingen fordert ein Ende der Werkverträge sowie bessere Arbeits- und Wohnbedingungen für die Beschäftigten.

Das Soziologische Forschungsinstitut Göttingen (SOFI) fordert, beruhend auf Ergebnissen eines Forschungsprojektes, die umstrittenen Werkverträge für Mitarbeiter in Schlachtbetrieben abzuschaffen.

Durch massive Corona-Fälle in Großschlachthöfen sind die misslichen Arbeits- und Wohnbedingungen der dort Beschäftigten stärker ins öffentliche Bewusstsein gerückt.

Maßgeblich verantwortlich für schlechte Arbeitsbedingungen seien das Werksvertragssystem, in dem die Arbeiter stecken. Befunde des SOFI-Projekts „Refugees@work“, bei dem auch Betroffene befragt wurden, zeigten, wie fehlende Ansprüche auf Leistungen der Sozial- und Krankenversicherung für ost- und südeuropäische Migrantinnen und Migranten den Druck verstärken, die Arbeit zu (fast) allen Bedingungen anzunehmen. „Viele der von uns Befragten machen den Job in der Zerlegung oder Industriereinigung, weil sie durch Sozial- und Aufenthaltsrecht gezwungen sind, quasi jede Arbeit anzunehmen“, sagt Dr. Peter Birke. „Eine unbürokratische und sanktionsfreie Gewährung von Leistungen der Grundsicherung sowie ein Zugang zu Wohnraum und Gesundheitsversorgung ist deshalb notwendig.“

„Auch die Verknüpfung von Erwerbstätigkeit und Aufenthaltsrechten trägt zur Verwundbarkeit von Migrant*innen bei“, so die SOFI-Forscher. Verstärkt würde all das durch die Einschränkungen der Bewegungsfreiheit. Eine Verbesserung der Rechtsposition von Migranten sei deshalb ebenso dringlich wie das Verbot der Werkverträge. „Schwere Arbeitsunfälle, extrem lange Arbeitszeiten und illegale Abzüge bei den Löhnen gehören in der Fleischindustrie zum Alltagsgeschäft,“ schildedrt Dr. Felix Bluhm, einer der Projekt-Bearbeiter. Peter Birke ergänzt: „Auch die prekären Wohnbedingungen sind nicht neu. Dass Subunternehmen meist ebenfalls als Vermieter agieren, bedeutet für die Beschäftigten, dass der Verlust des Arbeitsplatzes oft gleichbedeutend mit Obdachlosigkeit ist.“

Den Vorschlag, Werkverträge zu verbieten, sehen die Forscherer positiv: „Werkvertragsvergabe führt dazu, dass weder die auftraggebenden Unternehmen noch die Subunternehmen Verantwortung für Arbeitsschutz und die Einhaltung rechtlicher Standards übernehmen. Ein Verbot wäre von daher nur konsequent“, sagt Prof. Dr. Nicole Mayer-Ahuja, Leiterin des Projekts und Direktorin des SOFI.

Grundsätzlich gelte es aber, die Rechtsposition von Migranten zu verbessern, die in der Fleischindustrie arbeiten. Zudem sollten Beratungsangebote der Beschäftigten erweitert und ein ständiges Monitoring der Fleischindustrie stattfinden.

Die Projekt-Ergebnisse verdeutlichen auch, wie wichtig Beratung und Unterstützung bei Ämtergängen ist: „Die Befragten kümmern sich um ihre Anliegen und treten für ihre Rechte ein. Das Bild des wehrlosen Opfers ist falsch. Auch nähmen die Betroffenen gerne Hilfe durch Experten in Anspruch. Dieses Beratungsangebot sei auszuweiten, wie auch ein ständiges Monitoring der Arbeits- und Lebensbedingungen in der niedersächsischen Fleischindustrie notwendig erscheint.

VON THOMAS KOPIETZ

SOFI Göttingen: Projekt „Refugees@work“

Das Soziologische Forschungsinstitut Göttingen (SOFI) hat im Rahmen des Projekts „Refugees@work. Perspektiven der betrieblichen Integration von Flüchtlingen in Niedersachsen“ zwischen 2017 und Anfang 2020 etwa 50 qualitative Interviews mit Beschäftigten und Experten aus einem Dutzend niedersächsischen Unternehmen der Fleischindustrie erfasst und ausgewertet. Die Gespräche thematisieren die Arbeitssituation in der Branche, von der Schlachtung und Zerlegung in der Verarbeitung von Schweinen bis hin zur Industriereinigung bei Geflügelschlachtern. Zusätzlich wurden Unternehmen besichtigt und Management, Gewerkschaften und Beratungsstellen befragt. Veröffentlichungen: Von Peter Birke und Dr. Felix Bluhm sind im Rahmen des SOFI-Projekts 2019 und 2020 Publikationen erschienen.

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