Anfälligkeit für psychische Erkrankung

Göttinger Wissenschaftler forschten zu jungen Migranten

Prof. Hannelore Ehrenreich
+
Prof. Hannelore Ehrenreich, Mitautorin, MPI

Geflüchtete junge Menschen haben schlimme psychische wie körperliche Erlebnisse wie sexuellen Missbrauch hinter sich. Göttinger Wissenschaftler bestätigen jetzt: Diese Traumatischen Erlebnisse, Missbrauchserfahrungen und Armut gefährden die psychische Gesundheit vieler minderjähriger Geflüchteter.

Göttingen - Forscher des Max-Planck-Institut für Experimentelle Medizin (MPIEM) und der Uni-Medizin Göttingen (UMG) haben Untersuchung und Ergebnisse in der Fachzeitschrift „The Lancet – EClinical Medicine“ veröffentlicht.

Die Forscher zeigen, dass die Psyche junger Geflüchteter mit jedem weiteren Risikofaktor mehr belastet werde. Die Folgen sind eine verminderte Leistungsfähigkeit und Verhaltensauffälligkeiten, die sich später auch in aggressivem und kriminellem Verhalten äußern könnten. Um besser verstehen zu können, wie stark junge Flüchtlinge belastet sind, führten die Forscher Interviews mit 133 Geflüchteten und konzentrierten sich auf eine Risikogruppe: Minderjährige Geflüchtete, die in ihrem Herkunftsland sowie auf der Flucht und oft auch nach ihrer Ankunft in Deutschland psychisch belastenden Lebensumständen ausgesetzt sind.

Migranten anfällig für psychische Erkrankungen: Gehirn reagiert sensibel auf Störungen

„Die Auswirkungen dieser Belastungsfaktoren erwarteten wir bei Jugendlichen umso stärker, da sich ihr Gehirn noch in der Entwicklung befindet und besonders sensibel auf Störungen reagiert“, erklärt Mitautorin Prof. Luise Poustka, Direktorin der UMG-Klinik für Kinder- und Jugendpsychatrie und Psychotherapie.

Prof. Luise Poustka, Mitautorin, UMG

„Viele Geflüchtete sind einer erheblichen Anzahl von Risikofaktoren ausgesetzt“, betont der Erstautor der Studie, Priv.-Doz. Dr. Martin Begemann. Bei der Mehrzahl stellten die Forscher zwei, drei oder gar mehr als vier zusätzliche Risikofaktoren fest. Etwa die Hälfte der Studienteilnehmer hatte traumatische Erlebnisse vor und während der Flucht erlebt, ein Viertel der befragten Geflüchteten hatte körperlichen und sexuellen Missbrauch erlitten. So trugen etwa 40 Prozent der Studienteilnehmer Narben oder Wunden von Stich- und Schussverletzungen, Explosionen oder Verbrennungen davon. Vier junge Männer zeigten psychotische Symptome, zwei davon mit Suizidgedanken.

Priv.-Doz. Martin Begemann, Erstautor, MPI und UMG

Migranten anfällig für psychische Erkrankungen: Begleitung ist wichtig

Fazit: Je mehr Risikoftoren eine Person ausgesetzt war, desto stärker war ihre Leistungsfähigkeit bereits vermindert und desto eher zeigte sie erste Anzeichen von psychischen Auffälligkeiten. Weniger wichtig war die Art der Risikofaktoren. „Da jeder weitere Risikofaktor auch die Wahrscheinlichkeit für späteres aggressives Verhalten, Kriminalität und psychische Störungen erhöht, müssen wir verhindern, dass sich noch mehr belastende Faktoren anhäufen“, verdeutlicht Mitautorin MPIEM-Professorin Hannelore Ehrenreich.

Das könne durch eine engmaschige medizinische und psychologische Begleitung geschehen. Sie benötigen aber auch schnell einfache Arbeitstätigkeiten und Sprachkurse – noch bevor eine endgültige Entscheidung über ihren Aufenthaltsstatus gefallen ist.  

Originalveröffentlichung: Martin Begemann, Jan Seidel, Luise Poustka, Hannelore Ehrenreich: Accumulated environmental risk in young refugees – A prospective evaluation. EClinicalMedicine published by The Lancet; Volume 22; May 11, 2020, DOI.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.