Grass-Matinee: Ein federleichter Abschied und eine Weltpremiere

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Grass, der Wahlkämpfer: Klaus Wettig erinnerte daran.

Göttingen. Würdigung für einen großen Literaten, Künstler, politisch Aktiven und Freund Göttingens: Für den am 13. April verstorbenen Günter Grass gab es am Sonntag die Matinee „Federleicht vogelfrei sein“ im Deutschen Theater – mit einer Weltpremiere: Tochter Helene las aus dem im August erscheinenden Buch „Vonne Endlichkait“.

Die Veranstaltung vom Deutschen Theater, Literarischen Zentrum, Literaturherbst und Steidl-Verlag beginnt wie am Freitag die Eröffnung des Günter-Grass-Archivs. Freund Günter Baby Sommer schlägt die Blechtrommel und erzählt klanglich von Trommler Oskar.

Nein, eine Trauer- oder Gedenkfeier ist es nicht im voll besetzten Deutschen Theater. Akteure, Freunde und Gäste gedenken zwar Günter Grass, aber in einer Form, die der Persönlichkeit angemessen ist: Denn Grass war auch immer ein humorvoller Mensch.

Matinee für Günter Grass: Im voll besetzten Deutschen Theater spielt Grass-Freund Günter Baby Sommer die Blechtrommel und liefert außergewöhnliche Klangerlebnisse am Schlagwerk.

Die gute Idee zur Matinee, wie Gerhard Steidl sagt, hatte Klaus Wettig. Er liefert zum Auftakt eine kuze Rückschau auf den politischen Grass, den aktiven Wahlkämpfer für die SPD, aber immer auch kritischen, mahnenden Geist, der auch Willy Brandt in Briefen fast beleidigt die Meinung geigte. „Es gab Differenzen mit der SPD.“

Das wird auch beim Lesen und Vortragen ausgewählter Texte deutlich: Andrea Strube, Elisabeth Hoppe, Moritz Schulze, Bardo Böhlefeld und Florian Eppinger aus dem DT-Ensemble lesen Gedichte, Zitate aus Erzählungen und Romanen, aber auch aus Zeitungsberichten über Grass. Der schrieb einst im Wahlkampf: „Wählen Sie die Tante SPD, sie ist jünger, als sie sich kleidet“ – da schmunzelt auch Thomas Oppermann in der ersten Reihe. Herrlich die Schilderung eines Grass-Wahlkampfauftritts in Schneckelingen: Der Schalk spricht aus Grass’ Worten. Das ist auch der Fall, als Tochter Helene erstmals aus dem neuen, bei Steidl verlegten Buch „Vonne Endlichkait liest. Ein Band, der sich eben mit der Endlichkeit des Lebens beschäftigt, aber oft mit einer Leichtigkeit, für die die gezeichneten Federn als Symbol stehen. Ein Buch, das für Heinrich Detering „ein Beispiel für die letzte barocke Dichtung geworden ist“.

Premiere: Helene Grass, Tochter des Autors, las aus „Vonne Endlichkait“.

So schildert Grass das Probeliegen in vom Haus-Tischler gefertigten Särgen: Das ist eine skurrile, makabre Situation, aber bekommt in seinen Worten Leichtigkeit. Jene Leichtigkeit, mit der Grass auch üble Themen behandeln konnte. Eine Leichtigkeit, die letztlich auch die Matinee durchzieht – dank der Beiträge, der Dramaturgie, die mit dem Abdecken der Trommel von Günter Baby Sommer endet. Der begnadete Tonkünstler Sommer ist der bescheidene Star – neben Günter Grass, dessen Stimme am Ende aus dem Off kommt und vom Sterben spricht. In „Vonne Endlichkait“ hatte Grass auch geschrieben: „Es ist Zeit, Abschied zu üben.“ Federleicht.

Würdigung für Günter Grass in Göttingen

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