Verstorbener Autor sollte nach Göttingen kommen

Grass und Steidl: zwei leidenschaftliche Büchermacher

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Verleger Gerhard Steidl

Göttingen. „Er war fit.“ Der Tod von Günter Grass kam für Gerhard Steidl überraschend. Der Verleger und Grass arbeiteten seit 1985 eng zusammen. Ein neues Buch erscheint bald.

Es soll „Vonne Endlichkait“ heißen und kommt im Sommer auf den Markt. „Mit mir wirst Du nie arbeitslos werden“, hatte Grass schon zu Beginn der Zusammenarbeit prophezeit. „So ist es buchstäblich bis zur letzten Minute gewesen“, sagt Gerhard Steidl am Montagnachmittag traurig und sichtlich bewegt. Zuletzt hatten sich die beiden vor einer Woche in Behlendorf getroffen, zusammen einen Obstler getrunken. So sei das immer nach einem beendeten Arbeitsprozess gewesen. In dieser Woche wäre Grass nach Göttingen gekommen. Grass und Steidl, das ist eine besondere Beziehung, auch, weil sie prägende Gemeinsamkeiten hatten: kreativ, akribisch, eigenwillig, ruhelos, das sind Attribute, die auf Grass und Steidl zutreffen, zwei, die sich beim leidenschaftlichen Büchermachen gefunden hatten.

Das Wort Freundschaft aber vermeidet Gerhard Steidl, weil er sich „die Künstler immer vom Hals halten wollte“. Aber der Verlust schmerzt den Verleger, nicht nur, weil er in eine intensive Schaffensperiode des 87-jährigen Grass fällt, der häufig in Göttingen war. „Es war unproblematisch und intensiv mit ihm, ich werde ihn sehr vermissen“, sagt Steidl.

Der Nachlass wird nicht verloren gehen, sondern Generationen von Literaten beschäftigen. Allein in Steidls Lagerhalle stapeln sich 40 bis 50 Container mit Lithografien und Zeichnungen. Die Kisten werden bald ausgepackt und in eines der ältesten Häuser der Stadt neben dem Verlag einziehen: in das künftige Günter-Grass-Archiv, das fast fertiggestellt ist und der Forschung und Lehre offenstehen soll. Am 12. Juni ist die Einweihungsfeier. Sie wird anders als geplant stattfinden. Denn einer, der aus seinem literarischen Experiment, einer Mischung aus Prosa und Lyrik mit dem Titel „Vonne Endlichkait“ lesen wollte, wird fehlen: Günter Grass.

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