8500 Menschen müssen unter Corona-Bedingungen evakuiert werden

„Große Herausforderung“: Dezernent Christian Schmetz über die Bombenentschärfung in Göttingen

Mögliche Blindgänger in der Nähe des Schützenplatzes, Leineufer, Godehardstraße und Kirche.
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Gefährliche Aktion: In Göttingen werden am 30. und 31. Januar Bomben entschärft. Wieder liegen sie im Erdreich in der Nähe des Schützenplatzes, Leineufer, Godehardstraße und Kirche. 8000 Menschen müssen dafür evakuiert werden. Die roten Punkte zeigen den Bereich, wo je Bomben nach Sondierungsbohrungen vermutet werden – der lila Punkt steht für den Ort – am heutigen Standort der S-Arena – ,,wo es 2010 zu einer Explosion bei Entschärfung kam“.

Die Stadt und die Bevölkerung, aber auch alle Helfenden, stehen am Wochenende in Göttingen vor einer Herausforderung:

Göttingen – 8500 Menschen müssen unter eingeschränkten Corona-Bedinungen evakuiert werden, weil Weltkriegsbomen an vier Punkten nahe Schützenplatz und Leine vermutet sowie gegebenenfalls beseitigt werden müssen. Wir sprachen über Risiken und Vorgehen mit dem verantwortlichen Dezernenten der Stadt, Christian Schmetz (CDU).

Warum muss diese Kampfmittelerkundung und möglicherweise –beseitigung denn ausgerechnet jetzt laufen – im Corona-Lockdown, wäre das nicht zu vermeiden gewesen?
Wenn eine Gefahrenabwehrbehörde von einer Gefahr erfährt, muss sie diese ernst nehmen. Deshalb haben wir sondiert, von sechs Orten konnten zwei ausgeschlossen werden. Vier haben sich als Gefahrenpunkte ergeben. Beim Sondieren ist der Erdboden bewegt worden. Der Kampfmittelbeseitigungsdienst hat deshalb empfohlen, die Gefahrenpunkte zeitnah zu prüfen und zu räumen. Es war zunächst keine adhoc-Gefahr vorhanden, aber nach dem Sondieren war klar: Wir müssen zeitnah handeln.
Das heißt, eine Gefährdung ist da und Sie wollen die Verantwortung nicht für ein unkalkulierbares Risiko übernehmen?
Ja. Die Gefahr, dass etwas passieren könnte, ist zu groß, als dass man einfach abwarten könnte. Und es war auch unmöglich die Löcher mit tonnenweise Kies oder Erde zu bedecken. Im Sommer war zudem nicht vorauszusehen, dass ein zweiter Lockdown im Herbst/Winter kommen würde. Die Kampfmittel-Sondierung und Beseitigungsarbeit läuft übrigens das ganze Jahr – in Göttingen zuletzt auch im Sartorius-Quartier, auf dem UMG-Gelände oder Gothaer-Gelände sowie im Ebertal, wo Sozialwohnungen entstehen. Wir hatten immer Glück, dass keine Bomben gefunden wurden, höchstens kleine unbedeutende Munitionsteile. Die Bauprojekte konnten also weiterlaufen.
Wie steht es um die Orte, wo jetzt die vier Sprengkörper vermutet werden?
Die Punkte haben sich nicht verändert, sie sind vorsondiert. Wir konnten auch keinen Verdachtspunkt ausschließen – nach wie vor ist mit Kampfmitteln an allen vier Punkten zu rechnen. Näheres wird der Samstag bringen: Dann werden wir mit Hilfe der Experten des Räumdienstes wissen, ob dort Kampfmittel liegen oder stattdessen Metallschrott und eine Metallbadewanne dabei ist. Rein statistisch betrachtet, mit den massiven Bombardierungen im Zweiten Weltkrieg, ist es ja nicht unwahrscheinlich, dass dort, in einem Gebiet wo bereits mehrfach Bomben gefunden wurden, noch weitere Sprengmittel liegen. Im Vergleich zu Kassel und Hildesheim hatte Göttingen ja Glück bei den Bombenabwürfen. Die Fundstellen vorher und jetzigen Punkte liegen im Bereich der wichtigen Kriegsziele Bahnhöfe, Industrieanlagen – und in Göttingen der ehemalige Flugplatz.
Es gab vor zehn Jahren das Unglück mit drei Toten bei einer Bombenentschärfung am Schützenplatz. Spielt das im Kopf der Verantwortlichen von Stadt und Kampfmittelräumdienst noch eine Rolle oder dominiert die Routine?
Ich glaube, das Thema ist bei allen präsent, es gehört zu unserer jüngsten Göttinger Geschichte. So erlebe ich die Kollegen vom Kampfmittelbeseitigungsdienst, wenn sie nach Göttingen kommen, ist das Thema mit den dramatischen Folgen präsent. Das ist menschlich. Aber sie machen einen hoch konzentrierten, sehr professionellen Eindruck. Und: Was sie vorgeben ist für uns gesetzt. Sie sind die Experten und wenn sie sagen, wir benötigen einen 1250 Meter Radius um die Fundstellen, dann ist der Radius 1250 Meter, gleich welcher Aufwand für die Stadt damit verbunden ist. Wir tun alles, um die Arbeit der Experten so gut wie möglich zu unterstützen, damit am Ende nichts passiert. Wir hoffen, das keine Menschen und auch keine Gebäude zu Schaden kommen.
Kurzum, wie ist Ihre Gefühlslage?
Wir gehen mit Anspannung, aber gut vorbereitet an die Aufgabe heran. Ich rechne nicht mit so viel Glück, dass dort keine Sprengkörper liegen. Wir gehen also vom schlimmsten Fall aus – alles was besser ist, das nehmen wir gerne an. Es ist für alle Beteiligten und Einsatzkräfte eine große Herausforderung, auch für die Menschen, die evakuiert werden müssen. Organisatorisch sagt allein eine Zahl alles: Wir werden am Samstag etwa 1700 Einsatzkräfte in der Stadt haben – verteilt über die gesamte Zeit. Wir rechnen mit einem Verlauf bis tief in die Nacht.
Gab es viele Beschwerden aus der Bevölkerung?
Ich habe Verständnis für alle Beschwerden und die Kritik der Menschen in dieser Zeit, in der sich viele ohnehin große Sorgen machen. Dann kommt so etwas wie eine Evakuierung dazu. Andererseits haben wir einen Auftrag, die Gefahrenabwehr zu erfüllen. Da ist es egal, ob es gerade Corona gibt oder nicht. Das darf keine Rolle spielen. Am Anfang gab es viele kritische Reaktionen, wie aus einer Bürgerinitiative, jetzt gibt es zunehmend mehr sachliche Fragen. Das Feedback ist vernünftig. Die Zustimmenden sind wie immer in solchen Situationen öffentlich nicht zu hören, im Gegensatz zu den Kritikern.
Gab es Ärger um die Hotelunterkünfte, die Evakuierte selbst bezahlen und buchen müssen?
Die Hotelgeschichte entstand erst aus der Corona-Situation und den Auflagen. Da kam die Dehoga auf uns zu und bot Zimmer an an – zum Einheitspreis von 77 Euro im Doppelzimmer und Frühstück samt flexiblen, frühen Ein- und späten Auschecken von Samstagmorgen bis Sonntagmittag. Das ist ein gutes Angebot, dass sich aber nicht alle leisten können. Es ist eine Alternative zu den Großunterkünften in den Schulen, die logistisch gut zu handhaben sind. Alle 8500 Menschen dezentral in Hotels unterbringen zu müssen, das wäre sehr aufwändig und schwierig gewesen, da viele Hotels geschlossen, oder in Kurzarbeit sind.
Christian Schmetz

Christian Schmetz

Christian Schmetz (41), gebürtiger Hildesheimer, ist Göttingens Erster Stadtrat, Dezernent für Finanzen, Ordnung und Feuerwehr. Nach Göttingen kam er 1999 zum Studium der Rechtswissenschaften. Der Jurist arbeitete später als Finanzexperte für die CDU/CSU-Bundestagsfraktion in Berlin. Anfang 2019 beerbte er den langjährigen und verdienten Hans-Peter Suermann als Kämmere der Stadt Götitngen. Für die Besetzung der der Dezernentenstelle setzte sich Schmetz auf Vorschlag von Oberbürgermeister Rolf-Georg Köhler (SPD) gegen 48 Konkurrentinnen und Konkurrenten durch.

(Thomas Kopietz)

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