Große Hilfsbereitschaft für Flüchtlinge - Wohnungsnot zwingt zum Handeln

Podiumsdiskussion Flüchtlinge in Göttingen: von links Moderatorin Sybille Bertram, Dagmar Schlapeit-Beck, Sozialdezernentin (Mitte), Sebastian Rose (Flüchtlingsrat Niedersachsen, links) und Dr. Michael Bonde sowie Birgit Sacher.

Göttingen. Sammelunterkünfte für Flüchtlinge in Göttingen lassen sich nicht mehr vermeiden, weil der Wohnungsmarkt leer gefegt ist. Dabei wäre die Vermittlung einer eigenen Wohnung die beste Hilfe.

Das sagte Göttingens Sozialdezernentin Dagmar Schlapheit-Beck (SPD) in einer Podiums-Diskussion vor etwa 100 Zuhörern im Collegium Albertinum am Göttinger Bonhoefferweg angesichts von rund 700 Flüchtlingen, die die Stadt in diesem Jahr voraussichtlich aufnehmen muss.

Aktuell sind zwei Sammelunterkünfte in der Planung. Eine temporäre mit 180 Plätzen soll auf den Zietenterrassen für 4,5 Millionen Euro gebaut und später wieder abgebaut werden. Die andere mit 150 Plätzen im früheren Gebäudekomplex des Institutes für den Wissenschaftlichen Film am Nonnenstieg.

Für das IWF sei der Mietvertrag mit dem Eigentümer aber noch nicht abgeschlossen, sagte die Sozialdezernentin. Sie erwartet, dass der Bau nach den erforderlichen Umbauten im Oktober bezugsfertig sei.

Der Geschäftsführer der Arbeiterwohlfahrt (AWO) Göttingen, Dr. Michael Bonder, dessen Organisation sich mit anderen Organisationen um den Betrieb des Heims am Nonnenstieg beworben hat, sagte, die Flüchtlinge sollten von fünf hauptamtlichen Kräften betreut werden. „Im Vordergrund steht die Hilfe zur Selbsthilfe.“ Zusätzlich sollen gezielt ehrenamtliche Helfer eingesetzt werden. „Sie werden bei ihrem Einsatz nicht alleine gelassen.“

Die Geschäftsführerin des Integrationsrat Göttingen, Birgit Sacher, warnte vor Sammelunterkünften. „Die geringe Privatsphäre führt zu Konflikten.“ Dagmar Schlapheit-Beck hält letztlich auch nicht viel von Gruppenunterkünften. Sie befürchtet aber, dass die Stadt im kommenden Jahr weitere benötigt. „Sie sind eine Zwischenlösung, bis der Sozialwohnungsbau richtig anläuft.“

Der Geschäftsführer des Göttinger Studentenwerks, Prof. Dr. Jörg Magull, machte darauf aufmerksam, dass nicht nur dringend Wohnraum für Flüchtlinge benötigt werde, sondern auch für Studenten. „Wir haben ein Mengenproblem.“

Auf der Warteliste des Studentenwerk für eine bezahlbare Unterkunft stünden alleine 1700 Studenten. Studierende aus dem Ausland hätten auf dem freien Wohnungsmarkt keine Chance. „Wir dürfen die Wohnungssuchende nicht gegeneinander ausspielen.“ Die Stadt wolle zwar 3000 zusätzliche Wohnungen ausweisen, doch das dauere Jahre. Im Landkreis Göttingen gebe es zwar Wohnungen, hieß es weiter aus der Runde. Doch dafür fehle es dort an Sprachkursen und Infrastruktur.

Die Hilfsbereitschaft in der Bevölkerung jedenfalls ist groß. „Ehrenamtliche dürfen aber kein Ersatz für professionelle Dienste sein“, warnte Sebastian Rose vom Flüchtlingsrat Niedersachsen in der von Sybille Bertram (Radio FFN) souverän geleiteten Diskussion.

Von Hans-Peter Niesen

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