Staatsschutz ermittelt

Großformatige Graffiti-Bilder in Göttingen thematisieren Flucht und Seenotrettung

Ein Graffiti-Bild zum Thema: Flucht übers Meer und Seenotrettung.
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Überlebenskampf: Das Thema Flucht übers Meer und Seenotrettung wird auf dem Graffiti am südlichen Stadtwall in Göttingen thematisiert. Der Staatsschutz der Polizeiinspektion ermittelt.

Das Staatsschutzkommissariat der Göttinger Polizei ermittelt gegen Künstler, die Mitte Dezember großflächige, kunstvolle und für Göttingen so sicher außergewöhnliche Graffitis an einer Mauer und Hauswand am Rande der Innenstadt hinterlassen haben.

Göttingen - Die Bilder thematisieren die Themen Flucht und Seenotrettung, die elende Situation der Flüchtlinge – dazu auch die Benachteiligung und Diskriminierung von Frauen.

Für die Polizei ist das ein klarer Fall für die Staatsschützer, denn aufgrund der Inhalte gehe man „von einer politisch motivierten Protestaktion“ aus. Ermittelt wird auch wegen Sachbeschädigung. Die Polizei rief auch via Facebook auf, dass sich Zeugen melden sollten, die das Bemalen beobachtet hatten.

Die Graffitis zeigen: Zwei Schiffe im tosenden Meer. Zwei Wesen – halb Mensch, halb Fisch, halb über, halb unter Wasser – kämpfen gegen das Ertrinken. Dazu die Worte: „Fascism. Sicherer Hafen. Seebrücke. Lagerabschaffen.“ Ein Stück weiter: Ein Zaun aus scharfkantigem Stacheldraht, eine Zange, die den Draht durchtrennt, eine Ratte auf dem Sprung über diesen Zaun. Ein Bild in Blautönen, zeigt eine Frau und die Worte „My Body“.

Dass aber die Polizei gleich die Staatsschutzabteilung mit den gesprayten Kunstwerken und Meinungsäußerungen einsetzte, stößt auf Kritik. In Kommentaren unter dem Polizei-Facebook-Post heißt es auch: „Das ist die schönste Sachbeschädigung, die ich jemals gesehen habe. Trotzdem bleibt es Sachbeschädigung. Leider.“ Oder: „Das ist eher künstlerisch wertvoll, als dass es Sachbeschädigung ist.“ Und: „Sachbeschädigung? Die Bilder sind der absolute Hammer!“.

Tiere im Rettungsring: Ein Graffiti in Nähe des südlichen Stadtwalls in Göttingen zeigt dieses Motiv.

Das „Stellwerk“, ein Netz Göttinger Kreativwirtschaft mit 85 Mitgliedern, hinterfragt das Vorgehen der Polizei. Hier werde „mit Kanonen auf Spatzen geschossen“. Gleichzeitig wird die künstlerische Qualität der Graffiti betont: „Muss angesichts solcher Arbeiten heute noch ernsthaft darüber diskutiert werden, ob Graffiti Kunst sein können? Oder ob Kunst politisch sein darf?“

Auch der Göttinger Landtagsabgeordnete Stefan Wenzel (Bündnis 90/Die Grünen) kritisiert: Aus seiner Sicht könne geklärt werden, ob der Eigentümer der Flächen mit der Bemalung einverstanden sei. „Dafür ist der Staatsschutz weder erforderlich noch zuständig.“ Wenzel empfiehlt zum Thema Freiheit der Kunst den Vortrag von Joseph Beuys in dem Film „Werk ohne Autor“. Für die Wählerinnengemeinschaft Göttinger Linke/Antifaschistische Linke „katapultiert sich der Staat – in Gestalt der Polizei – so dermaßen ins Abseits, dass man nur noch lachen kann“. Sie ruft dazu auf den Fahndungsaufruf der Polizei „aktiv zu unterlaufen“ und ihr mitzuteilen, warum solche Gemälde gewollt und richtig sind“.

Die kritisierte Polizei hätte gar keine andere Wahl gehabt, als den Staatsschutz einzuhalten, sagte die Sprecherin der Polizeiinspektion, Jasmin Kaatz, auf Anfrage. Wenn ein politischer Hintergrund einer Straftat angenommen werde, komme automatisch der Staatsschutz ins Spiel. Das gelte gleichermaßen für Taten „von links, von rechts oder von wem auch immer“.

Unterdessen finden die Göttinger Graffitis Verbreitung im Netz. Die Fotografin, Web-Designerin und Bloggerin Katrin Raabe hat Fotos auf ihrer Homepage unter katrin-raabe.de veröffentlicht. (Reimar Paul und Thomas Kopietz)

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