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Wallraff war wieder in Göttingen

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Von: Ute Lawrenz

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Gespräch unter Investigativjournalisten: „Monitor“-Leiter Georg Restle (links) und Günter Wallraff beim Literaturherbst in der Sheddachhalle.
Gespräch unter Investigativ-Journalisten: „Monitor“-Leiter Georg Restle (links) und Günter Wallraff beim Literaturherbst in der Sheddachhalle. © Ute Lawrenz

Günter Wallraff deckt noch immer auf: Der Investigativ-Journalist und Autor gastierte beim Göttinger Literaturherbst.

Göttingen – Ein Plädoyer für die Pressefreiheit, für einen furchtlosen investigativen Journalismus war das Gespräch mit Günter Wallraff und dem Leiter des WDR-Magazins „Monitor“ Georg Restle im Rahmen des Göttinger Literaturherbsts. In der gut gefüllten Sheddachhalle machten sie am Sonntag, 30. Oktober, deutlich, warum Wallraffs Bücher „Der Aufmacher“ (1977) und „Ganz unten“ (1985) heute noch aktuell sind.

Wallraff war hier.“ – In den 1970er Jahren sei das eine Parole gewesen, führte Literaturjournalist Stephan Lohr aus dem Organisationsteam des Literaturherbsts in das Gespräch mit dem Aufklärer ein. „Wallraff is here“ wies er auf den Autoren, der in Restle einen journalistischen Verwandten habe.

Verdecktes Ermitteln ist notwendig

Wallraff sei nicht nur Vorbild für viele Journalisten, hob Restle hervor. Bis zur letzten Instanz, dem Bundesgerichtshof, habe Wallraff seine Anliegen ausgekämpft. Mit diesem Einsatz und der daraus hervorgegangenen „Lex Wallraff“ habe er die journalistische Arbeit unendlich viel leichter gemacht. Die Lex, also das Gesetz besagt, dass die O?ffentlichkeit ein Recht darauf hat, über Missstände informiert zu werden, auch wenn die Informationen verdeckt erlangt worden seien. „Man kommt an bestimmte Dinge nicht ran, wenn man nicht verdeckt ermittelt“, sprach Restle für diese Arbeitsweise.

Wallraff und die Macht der Konzern

Der mit vielen Preisen ausgezeichnete Wallraff beschrieb die Macht der Konzerne. In seinem Prozess gegen die Bild-Zeitung habe der Richter im Hause Springer verkehrt. In letzter Instanz habe er trotzdem gewonnen. „Wir leben tatsächlich in einem Rechtsstaat.“ Wallraff stellte klar, das bekannte Zitat „Einen guten Journalisten erkennt man daran, dass er sich nicht gemein macht mit einer Sache“ des 1995 verstorbenen Fernsehmoderators Hajo Friedrichs sei vielerseits missverstanden worden.

Wo man sich auf die Seite der Schwächeren, Angefeindeten stelle, könne man nicht neutral bleiben. Dabei trennt Wallraff sehr bewusst zwischen seinen Rollen als Ermittler und als Mensch, der sich aktiv für Dinge stark macht. Lohr erinnerte an den 10. Mai 1974. Wallraff hatte sich auf dem Syntagma-Platz in Athen an einen Mast gekettet, um damit das Terrorregime der griechischen Militärdiktatur zu kritisieren und kam dafür ins Gefängnis. Nach dem Zusammenbruch der Militärdiktatur wurde er im August mit allen politischen Häftlingen freigelassen.

Auf die Frage, warum er seit zehn Jahren mit RTL zusammenarbeite, erklärte Wallraff, dass er einige seiner Reportagen beim öffentlich-rechtlichen Fernsehen habe unterbringen wollen. Kurz vor der Ausstrahlung seien sie dann aber aus dem Programm genommen worden. Wie schon lange setzte sich Wallraff auch in Göttingen für Julian Assange und Alexei Nawalny ein. Er habe beide für den Friedensnobelpreis vorgeschlagen.

Eine neue Ängstlichkeit im Journalisten

Restle beschrieb, dass sich eine neue Ängstlichkeit im Journalismus breitgemacht habe und zeigte Sorge, dass Journalisten „zu Mikrofonhaltern“ degradiert würden, die nichts anderes täten, als das Gerede der Mächtigen zu verbreiten. „Man sieht die Arbeit von Günter Wallraff ist noch nicht zu Ende“, resümierte Lohr. Seine Bücher laden dazu ein, die Wirkungsgeschichte noch einmal nachzuverfolgen. (Ute Lawrenz)

Weitere Termine und Karten für den Göttinger Literaturherbst im Internet unter www.literaturherbst.com

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