Händel-Festspiele Göttingen

Geschichte, in einer Ausstellung teilweise neu geschrieben

Festlicher Rahmen mit Gästen, Reden und (Händel-)Musik: Die Internationalen Händel Festspiele Göttingen haben eine Ausstellung im Städtischen Museum. Sonntag wurde sie eröffnet – mit einer Feier in Uni-Aula. Foto: Alciro da Silva

Der Frühstart der Internationalen Händel-Festspiele ging am Sonntag über die Bühne – in der Uni-Aula vor 350 Gästen bei einem Festakt und der Ausstellungeröffnung „Händel_Göttingen_1920“ – vollzogen durch die Kuratorin Andrea Rechenberg vom Städtischen Museum.

Vollzogen wurde Letztere durch die Kuratorin Andrea Rechenberg vom Städtischen Museum. Dank Rechenbergs Rede wurde auch klar: Die Historie der 100-jährigen Händelfestspiele ist durch die Recherche zur Ausstellung in Teilen neu geschrieben worden.

Verdienst auch von Frauen

1920, kurz nach Weltkriegsende und in der Aufwachphase der Kultur in Deutschland ging mit der Aufführung von „Rodelinde“ die Göttinger Händel-Renaissance einher. Das Verdienst darum wurde maßgeblich Oskar Hagen zugeschrieben, der „Rodelinde“ im expressionistischen Gewand und stark bearbeitet aufführen ließ. Heute steht fest, dass auch zwei Frauen „maßgeblich beteiligt waren“: Ehefrau Tyra Hagen-Leisner und Christine Hoyer-Masing.

Kritische Geschichtsbetrachtung

Andrea Rechenberg ging zudem kritisch, wie in der Schau im Museum präsentiert, auf die aus taktischen Gründen vollzogene „freiwillige Gleichschaltung“ unter Händelgesellschaft-Vorsitzender Walter Meyerhoff sowie die Persönlichkeit des Oberspielleiters von 1922 bis 1928 und 1935 bis 1938, Hanns Niedecken-Gebhard ein. Letzterer inszenierte später Großveranstaltungen der Nazis, auch bei den Olympischen Spielen 1936.

Gegenseitig inspiriert: Ausstellungskuratorin Andrea Rechenberg und Festspiele-Geschäftsführer Tobias Wolff in der Ausstellung „Händel_Göttingen_1920“. Foto: Alciro da Silva

Quadt für den Universitätsbund

Für den Universitätsbund, Geldgeber und Starthelfer der Festspiele nahm Vorsitzender Prof. Arnulf Quadt die Gäste mit auf Zeitreise in die erste gewählte Demokratie und – ganz Physiker – zum Beginn der Ära des genialen Physikers Max Born, der ab 1921 die große Zeit der theoretischen Physik – Stichwort Quantenmechanik – an der Uni Göttingen einleitete. Quadt sprach auch über die wichtige Rolle des Universitätsbundes und der akademischen Orchestervereinigung für die Händel-Festspiele. Dass die Stadt seit 100 Jahren Unterstützer ist, betonte Kulturdezernentin Petra Broistedt. Händel-Musik gab es natürlich auch: Tobias Berndt sang, begleitet von Martina Fiedler am Klavier zwei Arien.

Von der Aula ins Museum

Am Nachmittag ging es einige hundert Meter im Städtischen Museum anschaulich weiter, mit der Führung durch die auch räumlich eindrucksvoll gestaltete Ausstellung, die keine musikwissenschaftliche Betrachtung, sondern eine stadt- und zeitgeschichtliche Schau sei, wie Rechenberg sagt. Zu sehen sind dort auch noch nie gezeigte und neu entdeckte Exponate, wie Fotos, Bücher und die Präsentation von Lebenswege, derer, die lange in den Geschichtsbüchern nicht gebührend erwähnten Akteurinnen – wie erwähnt.

Wichtiger Verein: Prof. Wolfgang Sandberger sprach als Vorsitzender für die Göttinger Händel-Gesellschaft. Foto: da Silva

Oskar Hagen und der Nationalismus

Kritisch betrachtet wird auch die Rolle des „Erfinders“ der Göttinger Händel-Festspiele Oskar Hagen – vor allem sein nationalistisches, ja teilweise rassistisches Gedankengut, geäußert in seinem Buch „Deutsches Sehen“ von 1920. Damit berühre die Ausstallung heute – leider – ein aktuelles Thema, sagte Rechenberg.  

Von Thomas Kopietz

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