Premiere im Deutschen Theater

Händel-Festspieloper "Arminio": Liebe in Zeiten des Krieges

+
Was gilt mehr, Pflicht oder Liebe? Arminio (Christopher Lowrey) zwischen Varo (Paul Hopwood) und seiner Geliebten Tusnelda (Anna Devin).

Göttingen. Es war eine gelungene  Premiere: Im Deutschene Theater in Göttingen wurde die Händel-Festspieloper „Arminio“ aufgeführt.

Er ist mutig, erfahren, sieht in seinem weißen Anzug mit der schwarzen Fliege sehr adrett aus. Und doch plagt Arminio ein Problem: Der namensgebende Held in Georg Friedrich Händels Oper hat eine wichtige Schlacht gegen die Römer verloren und muss sich nun entscheiden: Flucht und Überleben oder Vaterlandstreue samt drohendem Tod in Feindeshand?

Das Spiel mit der Radikalität solcher essenziellen Entscheidungen machte die Premiere der selten aufgeführten Barockoper bei den Händelfestspielen am Samstag im ausverkauften Deutschen Theater zu einem intensiven Erlebnis.

Im Original spielt die Handlung vor der Folie der legendären Varus-Schlacht im Teutoburger Wald. DT-Intendant Erich Sidler holt die fiktive Liebesgeschichte geschickt und stimmig ins erste Drittel des 20. Jahrhunderts. Die offenkundig vom Schauspiel her gedachte Inszenierung entfaltet vor allem in den ersten beiden Akten eine mitziehende Dynamik.

Der Krieg hängt bedrohlich in der Luft, akkurat zelebrieren die Römer in grauen Uniformen den Faschismus. Glitzernde Kronleuchter vor kantigen, monochromen Kuben und einer spröden Backsteinwand (Bühnenbild: Dirk Becker, Licht: Michael Lebensieg) können genauso wenig wie schulterfreie Abendgarderobe und Lackschuhe (stilvolle Kostüme: Renée Listerdal) darüber hinwegtäuschen: Militärischer Drill hat den Glanz fetter Zeiten abgelöst.

Was gilt mehr, politisch richtige Gesinnung oder die Liebe? Radikal wie diese Optionen sind auch die sieben Figuren gezeichnet, die in dem gut dreieinhalbstündigen Opernmarathon eine Soloarie nach der anderen singen. In Göttingen hat sich dafür ein überragendes Ensemble zusammengefunden: Der britische Countertenor Christopher Lowrey, der als Arminio über weite Strecken im Kerker festsitzt, überzeugt mit einer virtuosen Bandbreite zwischen Edelmut, in Koloraturen bebender Wut und Wahnsinn. Seine von der Irin Anna Devin mit starkem Sopran gesungene Geliebte Tusnelda berührt besonders mit innigen Zwischentönen.

Neben dem staatstragenden Varus (Paul Hopwood) und seinem linkischen Einflüsterer Tullio (Owen Willetts) sorgen auch die kurzfristig eingesprungene Helena Rasker (Alt) als Ramise und Cody Quattlebaum als dandyhafter Überläufer Segeste für markante Akzente. Da lassen das Fuchteln mit Dolchen und Pistolen oder herumgeworfene Tische fast vergessen, dass Händels Arien von den Interpreten echte Höchstleistungen verlangen.

Das Fundament, neben Streichern und Holzbläsern stellenweise mit Hörnern und Blockflöten besetzt, liefert das Festspiel-Orchester Göttingen unter Laurence Cummings in obligatorisch souveräner, federnder Qualität.

Die Überraschung des Abends bietet Sophie Junker in der Hosenrolle des jungen Underdogs Sigismondo: Agil und präsent bis zum Schluss changiert die Sopranistin sängerisch zwischen inniger Reinheit und rebellischer Verve („Posso morir“ zum Ende des ersten Akts, „Quella fiamma“ in bezauberndem Dialog mit der Solo-Oboe).

Das Publikum feierte die Opernpremiere mit minutenlangem stürmischem Applaus.

Von Felix Werthschulte

Wieder am 15. und 17. Mai, 19 Uhr, 20. Mai, 17 Uhr, 21. Mai, 16 Uhr. Familienfassung am 21. Mai, 12 Uhr. Public Viewing am 17. Mai, 19 Uhr, Lokhalle. Deutschlandfunk Kultur sendet die Aufzeichnung der Premiere am 19. Mai, 19.05 Uhr. Infos:

www.haendel-festspiele.de

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.