Verstöße auf Wilhelmsplatz

Härtere Bandagen gegen „Willi“-Feiernde: Stadt Göttingen und Polizei verhängen Maskenpflicht

Der Wilhelmsplatz in der Göttinger Innenstadt bei sommerlichem Wetter und seinen gepflegten Grünanlagen.
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Tagsüber ein Idyll, nachts eine Party-Meile: Der Wilhelmsplatz mit dem Verwaltungssitz der Göttinger Univesität und gepflegter Gartenanlage. Nun wollen Polizei und Stadt mit Vorschriften die Ruhestörung eindämmen.

Stadtverwaltung und Polizei in Göttingen reagieren auf ausufernde Feiern, Ruhestörungen und Sachbeschädigungen am Wilhelmsplatz: Die Maskenpflicht wird ausgedehnt.

Göttingen - Künftig gilt die Maskenpflicht außerdem auch am Albaniplatz und in den Nebenstraßen in den Nächten von Freitag bis Montag jeweils von 21 Uhr abends bis 4 Uhr morgens. Dazu werden Polizisten und Ordnungsdienstmitarbeiter die gemeinsamen Kontrollen intensivieren und fortsetzen. Bei Verstößen will man verstärkt auch Platzverbote aussprechen.

Man will das „rücksichtslose, übergriffige und insgesamt untragbare Verhalten“ einiger Mitbürger in der Göttinger City zudem in einer Zeit mit Corona-Regelungen eindämmen, wie es heißt.

Das Treffen am „Willi“ gehört für junge Menschen und Studenten seit Jahrzehnten zum normalen Leben in der Freizeit. Immer wieder gibt es aber auch Probleme, wenn der Wilhelmsplatz zur Party-Location und – schlimmer noch – zum Ort für Vandalismus wird. Das Zentrum der alten Universität mitsamt anliegenden gastronomischen Betrieben, aber auch die Seitenstraßen sind jedoch Wohnorte.

Und die Bewohner wollen das eskalierende Feiern nicht mehr dulden, beschweren sich. Jetzt nach dem öffentlichen Druck reagieren Stadtverwaltung und Polizei – aber nicht nur in Bezug auf den Wilhelmplatz, sondern auch auf weitere Treffpunkte junger, feierfreudiger Menschen.

Anzahl der Haushalte können oft nicht eindeutig zugeordnet werden

Aktuell dürfen maximal zehn Personen aus drei Haushalten zusammenkommen. Laut Ordnungsdienst hätte die Auswertung der bisherigen Kontrollen gezeigt, dass beim Feiern auch erheblich gegen die derzeit geltenden Abstands- und Hygieneregeln der Corona-Verordnung verstoßen wird“. Speziell die Zuordnung der Personen innerhalb der Menschenmassen sei oft nicht eindeutig möglich.

„Polizisten und Ordnungsbeamte kommen, gucken, sprechen einige an und fahren wieder“, so beschreiben „Willi“-Besucher aus ihrer Sicht das Vorgehen der Ordnungshüter bisher.

Das aber soll sich ändern, denn die bisher aufgenommenen Verstöße sollen „rechtliche Grundlage für weitere, schärfere Maßnahmen wie nächtliche Platzverbote schaffen. Von diesem Platzverbot wären ebenfalls der Wilhelmsplatz und der Albaniplatz betroffen“, wie die Stadt mitteilt.

Maskenpflicht soll Feiern und Trinken unattraktiv machen

Harald Melzer, Leiter des städtischen Fachbereichs Ordnung, wertet die erweiterte Maskenpflicht als „ein vergleichsweise niedrigschwelligen Eingriff, der vor allem aber leicht kontrollierbar ist“. Zudem mache die Maske den Aufenthalt und damit das gemeinsame Feiern und Trinken unattraktiv, vermutet Melzer.

Oberbürgermeister Rolf-Georg Köhler, der die Wilhelmsplatzfeierlichkeiten seit Jahrzehnten kennt und beobachtet, ist wie Anwohner Robert Vogel, der auch von vollurinierten Eingängen und extremen Lärmpegeln berichtet, entsetzt über die Entwicklung.

„Wie sich einige Menschen zuletzt vor allem am Wilhelmplatz benommen haben, hat eindeutig Grenzen überschritten. Körperverletzung, Sachbeschädigung und massive Ruhestörung – all das ist nicht zu tolerieren“, konstatiert Köhler, der besonderen Wert darauf legt, dass die Innenstadt auch ein Ort zum Leben ist. „Feiern“ gehört für Köhler dazu, „aber maßvoll“.

Die Stadtverwaltung jedenfalls sieht darin kein „spezifisches Göttingen-Problem“. So sei es am vergangenen Wochenende „leider in mehreren Städten bundesweit zu ähnlichen Szenen gekommen“, wie es auf Anfrage unserer Zeitung heißt. Aber das Problem in Göttingen müsse vor Ort gelöst werden.

Grüne: „Go Willi“ - Verständnis für Wunsch nach Geselligkeit bei jungen Leuten

Allein vergangenes Wochenende leiteten Beamte der Göttinger Polizei 100 Verfahren wegen Verstöße gegen das Infektionsschutzgesetz am Wilhelmsplatz ein. Nun bekommen die Feiernden Unterstützung von den Grünen.

„Der überwiegende Teil der jungen Menschen, die sich am ‘Willi‘ treffen, verhält sich regelkonform und ist nicht an Randale interessiert“, sagt Thomas Harms, Ratsherr der Grünen. Vielmehr sei der Wunsch nach geselligem Miteinander nach 16 Monaten mit einschneidenden Beschränkungen mehr als verständlich.

Thomas Harms, Grüner Ratsherr, kann den Wunsch der jungen Leute nach geselligem Miteinander nachvollziehen.

„Der allergrößte Teil der Jugendlichen und jungen Erwachsenen hat in der Pandemie in wirklich außergewöhnlicher Weise Rücksicht auf alte und kranke Menschen genommen“, bekommen die Feiernden auch von Ratsfrau Dagmar Sakowsky Rückendeckung für ihre Treffen auf dem Wilhelmsplatz.

Über ein Jahr lang hätten junge Menschen ihre eigenen Bedürfnisse, ihre eigenen Entwicklungschancen zurückgestellt, um andere nicht zu gefährden, so Sarkowsky weiter. Auch beim Impfen müssten junge Menschen sich wieder hintenanstellen und könnten die Freiheiten der Geimpften nicht genießen.

Grüne-Ratsfrau Dagmar Sakowsky findet, dass ein gewisser Lärmpegel in der Innenstadt dazu gehöre.

„Statt sich über sie aufzuregen, sollten wir den Jugendlichen dankbar für diesen Gemeinschaftssinn sein“, fordert die Grüne Ratsfrau in der Mitteilung. Damit spricht sich die Grüne Ratsfraktion für Augenmaß im Hinblick der Einschätzung der Zustände auf dem Wilhelmsplatz aus. Harms: „Junge Menschen brauchen Orte der Zusammenkunft. Da darf es dann auch mal lauter werden.“

Sakowsky ergänzt: „Natürlich ist der Lärmpegel innerhalb der Innenstadt immer höher als auf dem Lande. Das kann und darf keine Bewohnerin und keinen Bewohner der Innenstadt verwundern.“ (Thomas Kopietz, Melanie Zimmermann)

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