In Hannover

Landesweite Schlichtungsstelle für Barrierefreiheit in Bus und Bahn eröffnet

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Der Göttinger Jonas Morgenroth fährt selten mit dem Bus, aber oft mit der Bahn. Sein Rollstuhl ist 150 Kilogramm schwer und 68 Zentimeter breit. Enge Gänge und schon kleine Schwellen können für ihn ein Hindernis bilden.

Hannover. Seit dieser Woche ist die Nahverkehr-Schlichtungsstelle (SNUB) in Hannover Ansprechpartner für Menschen mit Behinderung.

Fahrgäste im Öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV), die auf Barrierefreiheit angewiesen sind, können sich an die landesweite Beschwerdestelle wenden, wenn sie sich diskriminiert fühlen oder an konkreten Orten auf Hindernisse stoßen. 

Seit dieser Woche ist die Nahverkehr-Schlichtungsstelle (SNUB) in Hannover Ansprechpartner für Menschen mit Behinderung. Fahrgäste im Öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV), die auf Barrierefreiheit angewiesen sind, können sich an die landesweite Beschwerdestelle wenden, wenn sie sich diskriminiert fühlen oder an konkreten Orten auf Hindernisse stoßen. 

Die Stelle vermittelt zwischen Fahrgästen und Verkehrsunternehmen, informiert die Landesnahverkehrsgesellschaft Niedersachsen. Gründe für Beschwerden können zum Beispiel fehlende barrierefreie Einstiege in Busse und Bahnen für Rollstuhlfahrer oder fehlende Audio-Informationen über Haltestellen für Hörgeschädigte sein. 

Voraussetzung für eine Schlichtung ist, dass zuvor eine Beschwerde beim regionalen Verkehrsunternehmen erfolglos oder nicht zufriedenstellend ausgegangen ist. Die „zentrale Beschwerde und Clearingstelle für Barrierefreiheit im ÖPNV“ ist also erst der zweite Ansprechpartner für Betroffene. Ein Schlichtungsverfahren ist kostenlos. 

Die Nahverkehr-Schlichtungsstelle, ist ein unabhängiger Verein, der sich 2011 gegründet hat. Mitglieder sind Verkehrsunternehmen in Niedersachsen und Bremen und der Verband Deutscher Verkehrsunternehmen. 

Mit der neuen Aufgabe wurde sie von der Landesnahverkehrsgesellschaft Niedersachsen beauftragt. Hintergrund ist ein Beschluss der Landesregierung vom 23. Dezember 2016. Im Sinne der UN-Behindertenrechtskonvention hatte sie den „Aktionsplan Inklusion“ beschlossen.

Kontakt zur Schlichtungsstelle

Kontakt: Tel. 05 11/ 16 68 96 20 00, per Mail an kontakt@nahverkehr-snub.de oder an das Postfach 6025, 30060 Hannover.

Beschwerden zu den Bahnhöfen oder dem Nah- und Fernverkehr der Deutschen Bahn richten sich an die zuständige Schlichtungsstelle in Berlin (Mauerstraße 53), Tel. 030/185272805, oder per Mail an info@schlichtungsstelle-bgg.de.

Göttinger Rollstuhlfahrer erklärt Barrierefreiheit 

Jonas Morgenroth kennt sich mit Barrierefreiheit aus. Er sitzt im Rollstuhl und fährt wöchentlich mit dem Zug. Der 31-Jährige erklärt, an welchen Stellen im Göttinger Nahverkehr Menschen mit Behinderungen Barrierefreiheit benötigen. Andere nehmen diese Hindernisse nur selten wahr.

Die erste Herausforderung liegt auf dem Weg zum Bahnhof. „In Göttingen gibt es nur ein barrierefreies Taxi“, sagt Morgenroth. Eine Alternative ist der Bus. Mit den Göttinger Verkehrsbetrieben (GöVB) ist Morgenroth zufrieden. „Die arbeiten sehr serviceorientiert.“

Nur einmal vor 15 Jahren habe er sich über das Verhalten eines Busfahrers beschwert, weil dieser ihn nicht ohne Begleitperson mitfahren lassen wollte. Die GöVB und der Busfahrer entschuldigten sich später dafür. Ein anderes Mal hatten Fahrgäste ihm nicht den Rollstuhlplatz im Bus freigemacht. Bei einer Vollbremsung flog Morgenroth quer durch den Bus. In beiden Fällen habe ein Verständnis für die Bedürfnisse von Menschen mit Behinderungen gefehlt.

Rampen und Lautsprecherdurchsagen

Alle Busse des GöVB sind Niedrigflurbusse, haben also keine Stufen, und sind mit einer Rampe ausgestattet, sagt Stephanie Gallinat-Mecke vom Verkehrsbetrieb. In den Bussen gibt es Innenanzeigen und Audio-Ansagen zu den nächsten Haltestellen. „Das ist Standard.“

Aber: Audioansagen können Verwirrung bei sehbehinderten Fahrgästen auslösen, wenn sie von ortsunkundigen Personen eingesprochen wurden, sagt Elvira Kalusa, Geschäftsführerin der Selbsthilfe Körperbehinderter Göttingen. Denn gelegentlich käme es zu fehlerhaften Aussprachen von Straßennamen. Und leider sei das Angebot an Überlandbussen nicht so gut ausgebaut wie in der Stadt. In einige Busse könne man nur über Stufen einsteigen.

Laut Zweckverband Verkehrsverbund Süd-Niedersachsen (ZVSN), dem 17 regionale Verkehrsunternehmen angehören, sind 230 von 250 Bussen im Landkreis Göttingen ebenerdig. 2018 ist dort eine Beschwerde wegen des unregelmäßigen Einsatzes von barrierefreien Bussen auf einer Regionallinie eingegangen, sagt Geschäftsführer Michael Frömming. In Zukunft würde den verbandszugehörigen Verkehrsunternehmen „der grundsätzliche Einsatz von barrierefreien Fahrzeugen“ vorgeschrieben.

Hoher Bordstein und taktiles Leitsystem

Auch die Bushaltestelle muss behindertengerecht sein. Rollstuhlfahrer Jonas Morgenroth erklärt, was dazu gehört: ein hoher Bordstein, eine Überdachung und Fahrpläne in großer Schrift für Personen mit Sehschwäche. Außerdem akustische Fahrplanansagen für Blinde sowie Rippenplatten und Noppenfelder – das sind markante Bodenplatten, die durch einen Blindenstock ertastet werden können.

Im Landkreis Göttingen gibt es 1600 Haltestellen, inklusive der Stadt, sagt Frömming. Davon seien etwa 1000 barrierefrei ausgebaut – mit erhöhtem Bordstein und in der Regel mit Blinden-Leitsystem. 2018 wurden keine Beschwerden bezüglich der Barrierefreiheit von Bushaltestellen an die Stadt gerichtet, sagt Dominik Kimyon, Sprecher der Stadt Göttingen.

Zugfahren nur mit Anmeldung

Nahverkehr heißt aber auch Zugfahren. Der Vorplatz des Bahnhofs ist für sehbehinderte Personen eine Herausforderung, sagt Jonas Morgenroth. Denn dort gibt es kein Leitsystem in das Gebäude hinein. Der Radschnellweg, die geparkten Fahrräder und die – jetzt im Winter abgestellten – Wasserspiele bildeten zusätzliche Hindernisse für Blinde.

Will Morgenroth mit dem Zug fahren, muss er sich bei der Deutschen Bahn 24 Stunden vorher anmelden und 20 Minuten vor Abfahrt am Bahnhof erscheinen. Regionalzüge seien da flexibler. Das liege daran, dass im Nahverkehr das Zugpersonal selbst die Rampen für Rollstuhlfahrer bediene. Die DB aber müsse Bahnhofspersonal mit einer lokalen Rampe über Ein- und Aussteigewünsche informieren. Über die fehlende Flexibilität ärgert sich Morgenroth.

Die neue Beschwerdestelle in Hannover befasst sich aber nur mit Fällen des ÖPNV in Niedersachsen. Die Bahn hat eine eigene Schlichtungsstelle. Aber Jonas Morgenroth hofft, dass die neue Einrichtung einen positiven Einfluss über den Nahverkehr hinaus haben wird. Die größten Hindernisse für Rolli-Fahrer sieht er in der Innenstadt. „Ich kenne nicht ein Gebäude, das streng barrierefrei ist“.

Zur Person

Jonas Morgenroth (31) ist Maschinenbau-Ingenieur und Geschäftsführer der Steinbock Technik, einem Inklusionsdienstleister für barrierefreies Bauen. Der 31-Jährige ist Vorsitzender des Göttinger Beirats für Menschen mit Behinderung. Außerdem ist er Vorstandsmitglied der Selbsthilfe Körperbehinderter Göttingen und in der Arbeitsgruppe Mobilität des Inklusionsforums Göttingen aktiv.

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