Corona-Lockerungen

„Hat sich eingebürgert“: Viele Göttinger Geschäfte bleiben vorerst bei Termineinkauf

Leere Tische vor Cafés und Eisdielen in einer Fußgängerzone
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Es sind noch Plätze frei: Der große Ansturm auf die Außengastronomie blieb in der Fußgängerzone in der Göttinger Innenstadt aus.

Seit 10. Mai gelten in Niedersachsen Corona-Lockerungen, doch großer Andrang blieb aus. Woran lag das? Wir haben uns in Göttingen umgeschaut und mit Gewerbetreibenden gesprochen.

Göttingen - Zahlreiche Gäste nutzten am Montag die Chance, um sich in Göttingen im Freien bewirten zu lassen. Der ganz große Ansturm blieb jedoch aus.

An den Tischen in der Außengastronomie in der Innenstadt waren noch freie Tische zu finden. Trotzdem wurde ein kühles Blondes oder ein Latte Macchiato nicht verachtet.

Geschäfte und Gastronomie in Göttingen: Schnelltest nötig

Damit man überhaupt bedient wurde, war ein Schnelltest notwendig. Deshalb war beispielsweise im Testzentrum des Deutschen Theaters einiges los. Viele warteten vor Ort, um ihr negatives Testergebnis als Ausdruck mitnehmen und vorlegen zu können.

Allein in Göttingen reicht die Kapazität für 7000 Tests täglich. Die übrigen Schnelltestzentren im Kreisgebiet können noch einmal 3000 Tests täglich machen. Hinzu kommen die Testangebote von Arztpraxen und Apotheken.

Göttingens Sozialdezernentin Petra Broistedt geht davon aus, dass die Kapazitäten derzeit ausreichen. Allerdings soll weiter aufgestockt werden. Sie betonte, dass jedem wöchentlich ein Gratis-Test zustehe. Allerdings werde nicht überprüft, wenn man weitere Tests machen lässt.

Geschäfte und Gastronomie in Göttingen: Test vor Ort

Die Zentren erhalten je Test eine Erstattung von 18 Euro – zwölf Euro für den Personalaufwand und sechs Euro für den Materialeinsatz. Wer vor dem Besuch in der Gastronomie es nicht zum Testen geschafft hat, kann bei vielen Unternehmen einen Test zum Selbstkostenpreis (etwa fünf Euro) machen.

So etwas bietet beispielsweise auch der Bullerjahn im Alten Rathaus an, der von Olaf Feuerstein betrieben wird. Der Kreisvorsitzende des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbandes kritisiert, dass von der Veröffentlichung der Verordnung bis zu den Lockerungen nur zwei Tage Zeit blieben.

Alexander Webster und Chloe Chanalambous forschen am Max-Planck-Institut. Sie wollten essen gehen und haben dafür einen Test vor Ort gemacht.

Geschäfte und Gastronomie in Göttingen: „Aufwendig, neue Vorschriften umzusetzen“

Weiterer Kritikpunkt: Für ihn sind die Tests eine unnötige Hürde. Gastronomen hoffen nun auf gutes Wetter, damit sich die Außengastronomie lohnt. Erste Buchungen gibt es auch wieder in der Hotellerie.

„Es ist für Händler und Kunden sehr aufwendig, die neuen Vorschriften exakt umzusetzen“, sagt Alexander Grosse, Vorsitzender des Kreisverbandes Göttingen im Handelsverband Hannover. Allerdings findet er die Lockerungen grundsätzlich positiv.

Geschäfte und Gastronomie in Göttingen: „Zu viele Fragen“

Seit dem 10. Mai gelten die neuen Lockerungen. Wer negativ getestet oder geimpft ist, kann nun einen Kaffee auf der Außenterrasse seines Lieblingscafés trinken oder auch ohne Terminvereinbarung im Einzelhandel einkaufen.

Für den großen Ansturm hat das gestern allerdings noch nicht gesorgt. Noch immer Terminvereinbarungsschilder an vielen Geschäften und viele freie Tische in den Außengastronomien.

„Es gibt zu viele Fragen, die noch nicht abschließend geklärt sind“, sagt Markus Reich, der mit seiner Frau Juliane das Haushaltswarengeschäft Carl Tode betreibt. Deshalb hätten sie sich entschlossen, „den Türverkauf beizubehalten“. Das sei nicht nur von den Abläufen her schneller, sondern sowohl für seine Angestellten als auch Kunden sicherer, denn die Kontaktzeit werde niedrig gehalten.

Geschäfte und Gastronomie in Göttingen: Effiziente Beratung

Außerdem könnten seine Angestellten so effizienter beraten und die Kunden seien froh darüber, dass der Einkauf auf diese Weise schnell vonstattengehe. „Die meisten Kunden verstehen es und finden es gut“, sagt das Inhaber-Ehepaar.

Viele ältere Kunden fühlten sich außerdem an frühere Zeiten erinnert, als noch der Verkäufer im Tante-Emma-Laden die Waren zum Verkauf zusammensuchte. Reichs seien froh über den Rückhalt bei Team und Kundschaft. „Wir fühlen uns bestärkt darin, dass wir das Richtige tun“, sagen sie.

Geschäfte und Gastronomie in Göttingen: Schwierige Regeln

Ähnlich handhaben es auch Oliver Keil und Tina Dudek mit ihren beiden Schuhgeschäften, dem Tamaris Store und Deluca Schuhe. Die Tests machten das Geschäft eher schwieriger als leichter, sagt Keil: „Da kommt keiner zum Shoppen.“ Auch er bleibe daher beim Terminvereinbarungsmodell und arbeite zusätzlich mit der Luca-App.

„Click&meet läuft ok“, sagt er. „Das Terminshopping hat sich langsam eingebürgert und die Leute sind daran gewöhnt.“ Was die Situation schwierig mache, sei die Uneinheitlichkeit unter den Geschäften – beispielsweise in Sachen Öffnungszeiten – und dass vor allem Studenten und ältere Kunden fehlten.

Daran änderten wahrscheinlich auch die Lockerungen vorerst kaum etwas. „Letztlich bleibt alles beim Alten“, sagt Keil.

Geschäfte und Gastronomie in Göttingen: Neueröffnung zur Lockerung

In der Gastronomie sieht es etwas anders aus. Im Liesels – das ganz neu eröffnet hat – beispielsweise ist ein Kaffee oder eine hausgemachte Limonade auf der Außenterrasse bereits möglich. „Es ist noch ein bisschen aufwendig“, sagt Maria Ulbrich vom Liesels, „aber die Gäste sind relativ locker.“

Auch dort wird auf die Luca-App gesetzt. Wenn jemand ohne gültigen Test komme, sei das auch kein Problem, denn den können Gäste vor Ort noch nachholen. „Es geht langsam los, aber lieber langsam, als zu geballt“, sagt Ulbrich. „Die Leute müssen jetzt erstmal schauen, wie es läuft.“

Geschäfte und Gastronomie in Göttingen: Unkompliziert

Erich Rager, Restaurantleiter von Bullerjahn im Alten Rathaus, sei auf alles eingestellt gewesen. „Wir haben mit allem gerechnet, aber es war ok.“ Zu 90 Prozent seien die Regelungen schon bei den Leuten angekommen und größere Probleme habe es nicht gegeben. „Was schwierig war, war, dass es so kurzfristig kam“, so der Restaurantleiter. „Sonst läuft es aber unkompliziert.“

Geschäfte und Gastronomie in Göttingen: Handel profitiert

Alexander Grosse, Vorsitzender des des Kreisverbandes Göttingen im Handelsverband Hannover, begrüßt die Lockerungen. Er geht davon aus, dass auch durch die Öffnung der Außengastronomie wieder mehr Besucher in die Innenstädte gelockt werden.

Hat in Luftreiniger investiert: Alexander Grosse, Chef des Schreibwaren-Spezialisten Wiederholdt.

Davon werde auch der Handel profitieren, ist Grosse überzeugt. Er hat die Erfahrung gemacht, dass sich viele Kunden noch nicht in die Geschäfte trauen. Viele Besitzer von kleineren Läden setzen zudem weiterhin auf das „Click&meet“-Modell, bei dem die Kunden einen Termin vorab vereinbaren.

Geschäfte und Gastronomie in Göttingen: Investitionen

Grosse, der Geschäftsführer des Göttinger Schreibwaren-Spezialisten Wiederholdt, hat zudem wie viele seiner Kollegen in mobile Luftfilter investiert, um die Kunden und natürlich auch die Mitarbeiter zu schützen.

Und: Die meisten Einzelhändler leiden weiter unter den Folgen der Pandemie. Das Geschäft erreicht bei vielen Unternehmen nur ein Drittel des Normalniveaus.

„Damit kann man nicht langfristig planen und überleben“, Aus Sicht von Grosse können deshalb die aktuellen Lockerungen nur ein erster Schritt sein. Er fordert weitere Öffnungen, aber nicht im Monatstakt, sondern schneller. (Sarah Schnieder/Bernd Schlegel)

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