Lebenstraum Grass' Freund Steidl

Ältestes Haus der Unistadt: Günter-Grass-Archiv eröffnet

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Sie trommelten für das Günter-Grass-Archiv in Göttingen: Witwe Ute Grass (von links), Jazz-Schlagzeuger Günter „Baby“ Sommer und Verleger Gerhard Steidl vor dem Haus in der Düsteren Straße, das Alt- und Neubau zugleich ist.

Göttingen. Der Namensgeber wäre gern dabei gewesen, hätte die Eröffnung des Günter-Grass-Archivs vollzogen und über sein neues Buch „Vonne Endlichkait“ gesprochen. Doch Grass starb am 13. April. Das Archiv in dem Haus von 1310 schlossen am Freitag Grass-Witwe Ute und Verleger Gerhard Steidl auf.

Steidl arbeitete seit Mitte der 80er-Jahre mit Günter Grass zusammen, sammelte in Containern die Werke, vor allem die Zeichnungen und Lithografien. Jetzt finden sie Platz in dem wohl temperierten Keller jenes Gebäudes, das nicht nur die Grass-Fans locken soll.

Unscheinbar wirkt das Gebäude, das das älteste der Stadt ist: Sandfarbene Lehmfassade, mit Glasplatten, auf denen Zeichnungen aus „Hundejahre“ aufgedruckt sind – sie dienen auch der Grafitti-Abwehr.

Innen wartet Überraschendes: Das entkernte, barrierefreie und deckenlose Haus bietet Stahlträger und Holzbalken, erlaubt den Blick bis unters Dach. Die 50 Quadratmeter laden ein zur Zeitreise durch die Baugeschichte, die Steidl-Baumeister Heiko Schaper wunderbar kenntlich gemacht hat. Die Fachwerk-Fächer sind aus unterschiedlichen Epochen, wurden konserviert und nummeriert. Bald werden dort Info-Tafeln hängen. Wenig Platz wird für die Grass-Werke sein. Dafür mehr im modernen Anbau, der solitär steht und doch direkt an die Fachwerkaußenwand gestellt wurde: Ein Neubau im Altbau und ein Altbau im Neubau: „Das Haus stellt sich selbst aus“, sagt Steidl.

Termintipp

Günter-Grass-Archiv, Düstere Straße, geöffnet dieses Wochenende von 12 bis 17 Uhr. Sonntag, 11 Uhr, Grass-Matinee, Deutsches Theater.

„Vonne Endlichkait“ steht auf einem Banner, Korrekturfahnen des Buches hängen an der Stirnwand. Bis drei Tage vor seinem Tod hat Grass daran gearbeitet. 65 Bleistiftzeichnungen – meist aus 2013 – schmücken die Seitenwände. Sie künden vom Thema Endlichkeit: fliegende Federn, verbogene, abgenutzte Nägel, Tierschädel – alle filigran mit ruhiger Hand gezeichnet.

Keine Frage, Grass gefiele „sein“ Archiv, das ein Lebenstraum seines Freundes Gerhard Steidl ist. Der hat viel Geld – wie viel, darüber spricht er nicht – in das Projekt gesteckt. In ein Projekt, das auch Initialzündung sein soll für das Kunst-Quartier mit internationalem Flair, das maßgeblich von Steidl mitgestaltet wird.

Der Verleger öffnet das Grass-Archiv am Freitag ohne Brimborium, zuvor erinnert er an Günter Grass und daran, dass er dabei sein wollte. Aus dem Haus kommt Schlagzeuger Günter „Baby“ Sommer, er schlägt die Blechtrommel.

Schon bald werden im Archiv Literaturwissenschaftler den Nachlass nutzen. Die Uni Göttingen um Prof. Heinrich Detering ist mit im Boot. Und das Haus soll offen stehen: für Veranstaltungen von Literarischem Zentrum und Literaturherbst. Ab September sind Ausstellungen mit Werken von Jim Dine, Renate von Mangoldt und Richard Serra zu sehen. Auch das gefiele Grass.

Würdigung für Günter Grass in Göttingen

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