Soziale Arbeit ist systemrelevant

HAWK-Professorin fordert mehr Bewusstsein für soziale Folgen der Corona-Krise

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Leonie Wagner lehrt an der HAWK Soziale Arbeit.

Göttingen/Holzminden – Während der Corona-Krise sollte Soziale Arbeit als systemrelevant anerkannt werden. Dafür plädiert Prof. Dr. Leonie Wagner, die an der Hochschule für angewandte Wissenschaft und Kunst (HAWK) in Holzminden Pädagogik und Soziale Arbeit lehrt.

Wagner hebe die Zusammenhänge von wirtschaftlicher und sozialer Entwicklung hervor und fordere, diese Einheit im politischen und öffentlichen Bewusstsein stark zu machen, meldet die HAWK.

In den politischen und medialen Diskussionen rund um die Corona-Pandemie sei es zunächst um die Folgen für die Wirtschaft und das Gesundheitswesen sowie erfreulicherweise auch für Kultureinrichtungen und Familien gegangen. Soziale Problemlagen seien jedoch ebenso unbeachtet geblieben wie soziale Einrichtungen. Auch Experten und Expertinnen Sozialer Arbeit suche man in den zahlreichen Debatten vergebens, kritisiert die Wissenschaftlerin. „Dass erstaunt umso mehr, als doch mit der Einschränkung der Freiheiten und dem sukzessiven Lockdown klar sein musste, dass sich hier soziale Problemlagen in einer extensiven Weise entfalten würden.“

Zwar fänden sich in Medien und Politik Lob für ehrenamtliche Unterstützung und Solidarität, nicht jedoch für die professionelle Soziale Arbeit und damit für Leistungen, die Menschen nicht nur bekommen, sondern auf die in vielen Fällen ein Recht bestehe.

Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter, Einrichtungsleitungen, Wohlfahrtsverbände und öffentliche Träger stehen laut Wagner dabei aktuell vor einer Reihe von Fragen, die sie kurzfristig und unvorbereitet treffen: Was geschieht mit Menschen in Tagesbetreuung, wenn sie Zuhause bleiben müssen? Wie kann sozialpädagogische Familienhilfe mit überforderten Familien arbeiten, wenn die Wohnungen nicht mehr betreten werden dürfen?

Was passiert in beengten und ohnehin von Gewalt oder Missbrauch geprägten Verhältnissen, wenn keine Möglichkeit der Intervention oder der Entlastung mehr besteht? Wie sollen die überlasteten Frauenhäuser reagieren? Wie funktioniert Jugendhilfe, wenn eine Infektion in einer stationären Einrichtung aufgetreten ist? Kann der gegebenenfalls als sinnvoll erachtete Bezug zur Herkunftsfamilie aufrechterhalten werden? Findet Schwangerschaftskonfliktberatung statt? Was geschieht in beengten Flüchtlingsunterkünften, wenn dort eine Infektion auftritt?

Zwar habe das Bundesministerium für Arbeit und Soziales nach Interventionen der Wohlfahrtsverbände angekündigt, soziale Dienstleister und Einrichtungen der Fürsorge in Deutschland finanziell zu unterstützen, damit sie nicht in ihrem Bestand gefährdet sind.

Diese Sicherstellung beträfe aber keine sogenannten „freiwilligen“ oder die zahlreichen Modellprojekte, kritisiert die HAWK-Professorin. Und sie sei mit der Auflage verbunden, dass die Tätigkeit zur Bekämpfung der Pandemiefolgen beitrage. Eine Klausel, die beispielsweise für Wirtschaftsunternehmen nicht bestehe.

Wagner: „Soziale Arbeit wird entsprechend nicht ohne Weiteres als systemrelevant erkannt, sondern muss dies erst unter Beweis stellen.“ zsh

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