Erfolgreiche Spielzeiteröffnung

„Heilig Abend“ im Jungen Theater in Göttingen: Spannender Schlagabtausch im Verhör

Befragung während die Zeit unerbittlich abläuft: Jens Tramsen als Polizist und Dorothea Röger als Beschuldigte.
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Befragung während die Zeit unerbittlich abläuft: Jens Tramsen als Polizist und Dorothea Röger als Beschuldigte.

Eine Philosophieprofessorin wird am Heiligen Abend auf dem Weg zu ihren Eltern aus dem Taxi geholt, aufs Polizeirevier gebracht. Ihr wird vorgeworfen, mit ihrem Ex-Mann einen Terroranschlag geplant zu haben. Um 0 Uhr soll die Bombe hochgehen.

Göttingen – Das ist die Ausgangssituation im Stück „Heilig Abend“ von Daniel Kehlmann. Mit der Inszenierung des Intendanten Nico Dietrich hat das Junge Theater (JT) in Göttingen die Eröffnungspremiere in die neue Spielzeit gefeiert. Viel beklatscht hat das Publikum das Theaterstück mit überzeugender schauspielerischer Leistung von Jens Tramsen und JT-Neuzugang Dorothea Röger.

Auf der Bühne ein langer Tisch mit einem Stuhl an jeder Seite. Dahinter ein fast ebenso langes Fenster, über dem Tisch zwei ringförmige Lampen. Der Verhörraum (Bühne: Nico Dietrich, Artur von Nostitz-Wallwitz, auch Statist).

Ein Mann im blauen Anzug tritt auf, nervös. Seine Anspannung ist bis in seine Fingerspitzen sichtbar.

Dann stolpert eine Frau im hellen Mantel durch die Tür (Kostüme: Nadia Dapp). In der Hand hält sie eine Tasche, mit rotem Kräuselband dekoriert, offensichtlich mit Weihnachtsgeschenken.

Jens Tramsen spielt einen Mann, der erst versucht, in der Situation gute Stimmung zu schaffen. Er bietet der Frau eine Zigarette an, obwohl er weiß, dass sie nicht raucht. Er ist darüber informiert, dass sie zu ihren Eltern wollte. Der Polizist hat Informationen, die zeigen: Die Frau wurde beschattet. Jetzt steht der Ermittler unter Zeitdruck. Eine Uhr zeigt, wie die Zeit läuft. Mit jedem Frage-Manöver vergehen Minuten, die entscheidend sein könnten, um Leben zu retten.

Er weiß viel über die Frau, ihre Arbeit, ihre Ehe, über die Affären ihres Ex-Mannes. Er weiß auch, dass sie am Vortag Zeit mit ebendiesem Mann verbrachte. Er spielt seine vermeintliche Allwissenheit aus und treibt die Frau mit wachsendem Zeitdruck immer brutaler in die Enge.

Tramsen zeigt die Gefühle des Ermittlers. Auch seine Ehe ist gescheitert, seine Ex qualifiziert ihn als Unmensch ab. So versucht er, sich von der attraktiven „Delinquentin“ etwas Zuspruch für sich als Mann abzuholen.

Dorothea Röger verkörpert eine Frau, die zunächst wirkt, als wäre sie überfordert. Allein von ihren zitternden Lippen lassen sich viele Gefühle ablesen. Doch Rögers Spiel ist so komplex, dass die Frage aufkommt, ob die Frau ihre Verzweiflung nur spielt, um Oberhand zu gewinnen, neue Handlungsfreiheiten, wenn auch nur für ihren Ex-Mann. Denn sie erfährt: Auch er wurde gefasst. Röger lässt ihre Figur unter den verbalen Schlägen des Polizisten erzittern.

Nach einer guten Stunde ist das Verhör mit gut geführten Spannungsbogen vorbei (Dramaturgie: Isabelle Küster), die Zuschauer bleiben allein mit der Frage, ob tatsächlich ein Anschlag geplant war.

Wieder 5., 15. und 23. Oktober, Kartentelefon: 0551/495015, junges-theater.de

Von Ute Lawrenz

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