Statistik: Mehr Infarkte in WM-Jahren

Herzinfarkte: Professor der UMG warnt vor Panikmache

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Dringende Rettung: Beim Herzinfarkt geht es häufig um Minuten.

Göttingen. In Jahren mit Fußballweltmeisterschaften steigen in Deutschland nachweislich Fälle von Herzinfarkten an. Besonders an Tagen mit Spielen der deutschen Nationalmannschaft.

Das sagt Professor Rolf Wachter, leitender Oberarzt der Klinik für Kardiologie an der Universitätmedizin Göttingen (UMG) und zitiert eine Studie der Ludwig-Maximilians-Universität München. Wachter will damit betonen, dass die statistischen Zahlen über Herz-Kreislauferkrankungen von Jahr zu Jahr schwanken können. Statistiken seien mit Vorsicht zu lesen.

Hintergrund ist eine Auswertung der Krankenkasse Barmer GEK mit dem Titel: „Kreislauferkrankungen nehmen zu“. Die Barmer hat 2013 eine höhere Zahl an Fehltagen durch Herz-Kreislauf-Erkrankungen. So zählte die Barmer, bei der etwa jeder zehnte Niedersachse versichert ist, 4,8 Prozent mehr Fehltage der Arbeitnehmer im Vergleich zum Vorjahr. Das ergibt 240.000 Fehltage in Niedersachsen und Bremen.

„Besser ist es, sich Ergebnisse aus fünf Jahren anzusehen“, sagt Professor Wachter. Dabei werde zum Beispiel deutlich, dass es durch das Rauchverbot in Gaststätten „einen kolossalen Abfall der Herzinfarkte gegeben hat“, was Raucher und Nichtraucher gleichermaßen betroffen habe. Eine Zunahme sei auf diesem Feld aber dennoch merkbar. Die lasse sich so erklären, dass die Diagnose von Herzkreislauferkrankungen wesentlich genauer geworden ist, sodass auch die Sterblichkeit sich reduziert hat, erläutert Wachter. Das hat zur Folge, dass jemand, der „einen Infarkt überlebt, auch einen zweiten erleiden kann“, sagt der Göttinger UMG-Professor. Eine älter werdende Bevölkerung sei dabei auch ein wesentlicher Faktor.

Nicht nur die Barmer GEK meldet mehr Krankheitstage durch Erkrankungen des Herz-Kreislauf-Systems. Auch die Techniker Krankenkasse (TK), die in Niedersachsen einen Marktanteil von etwa 13 Prozent hat, nennt für 2013 eine Zunahme der Krankheitstage durch Herz-Kreislauf-Erkrankungen von etwa 3,7 Prozent. Noch häufiger aber seien Erkrankungen des Muskel-Skelett-Systems, die sich häufig in Beschwerden des Rückens bemerkbar machen, heißt es aus der Pressestelle der TK.

Auch Rainer Lange von der DAK bestätigt das. Die Deutsche Angestellten-Krankenkasse hat einen Marktanteil von etwa zehn Prozent im Land und berichtet: In Niedersachsen spielten Erkrankungen des Herz-Kreislaufsystems keine herausragende Rolle. Die Krankheit gehöre in Göttingen nicht einmal zu den zehn wichtigsten, was eine Aussage über eine mögliche Steigerung der Krankheitstage relativiere. Am stärksten zu Buche schlagen auch in der Statistik der DAK die Erkrankungen des Skeletts, also auch der Rückenleiden.

Marktführer unter den Krankenkassen ist mit etwa 35 Prozent Marktanteil die AOK. Dort registriert man keine dramatischen Veränderungen bei Krankheitstagen, verursacht durch HK-Erkrankungen. Die Zahlen seien nicht dramatisch, auch die Veränderungen nicht, sagt Pressesprecher Carsten Sievers.

All das stützt die kritischen Aussagen des Göttinger Uni-Klinik-Kardiologen Prof. Dr. Rolf Wachter, der grundsätzlich zu einem vorsichtigen Deuten von Statistiken rät, die einen Anstieg von Erkrankungen belegen.

Eines aber ist klar: Die meisten Menschen in Deutschland sterben immer noch an den Folgen von Herz-Kreislauf-Erkrankungen: Deren Anteil an den gesamten Todesursachen lag 2013 wie 2012 bei etwa 40 Prozent. Etwa 92 Prozent der daran Verstorbenen waren mindestens 65 Jahre alt. 2011 war die Todesursache Herzinfarkt bei 55.286 Menschen festgestellt worden. 55,6 Prozent der Herzinfarkt-Toten waren Männer. Hauptursache für die Herz-Kreislauf-Erkankungen sind Rauchen, Übergewicht, und Bluthochdruck.

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