Hell zog Göttingen Boston vor

Ehrung für Nano-Forscher und Kavli-Preisträger Stefan Hell

Großer Moment für einen Naturwissenschaftler: Prof. Dr. Stefan Hell, Direktor am Max-Planck-Institut für biophysikalische Chemie , erhielt den Kavli-Preis aus den Händen des norwegischen Königs in Oslo.

Göttingen. Stefan Hell ist im wahrsten Sinne des Wortes ein ausgezeichneter Forscher. Die Arbeit des Professors und Forschers am Max-Planck-Institut für biophysikalische Chemie wurde oft prämiert. Eine Auszeichnung aber macht selbst Hell stolz.

Der norwegischen König verlieh ihm den Kavli-Preis für Nano-Wissenschaften. Der ist nicht nur mit 750.000 Euro hoch dotiert, sondern auch - vor allem in den USA - sehr angesehen. „Die Zeremonie war schon etwas ganz Besonderes“, sagt Forscher und meint weniger den Händedruck vom norwegischen König Harald, sondern die Würdigung mit dem Kavli-Preis. „Dort werden nur Spitzenleistungen belohnt“, sagt Hell. Das mag nicht unbescheiden klingen, ist aber ganz anders gemeint.

Für den Göttinger ist der Preis vor allem die Bestätigung für ein beharrliches Arbeiten und Festhalten an der eigenen Überzeugung - auch entgegen anderer Experten-Meinungen, denen er stets ausgesetzt war, seit er schon in den Neunziger Jahren ein scheinbar zementiertes physikalisches Glaubensbekenntnis anzweifelte: die Beugungsgrenze bei Lichtmikroskopen. Hell hat stets an seine Idee geglaubt, die Grenze umgehen und damit die Lichtmikroskopie revolutionieren zu können. Heute ist klar, der 51-Jährige hat die leisen und lauten Zweifler überzeugt und vielen Naturwissenschaftlern eine neue Welt im Nano-Bereich erschlossen. Sie sehen heute klarer im Nanometer-Bereich.

„Unsere Arbeit steht auch dafür, dass aus einer Idee ein scheinbar nicht mögliche Verbesserung in der Anwendung erreicht wird.“ Fast alle Mikroskop-Hersteller haben heute Geräte im Angebot, die auf der am MPI für biophysikalische Chemie in Göttingen gewonnenen Entdeckung beruhen. „Es gibt sogar eine Firmenausgründung von ehemaligen Mitarbeitern in Göttingen.“

Der MPI-Forscher Hell hat übrigens bisher allen Abwerbeofferten widerstanden. „Es gab Angebote“, sagt er. Auch eine der renommiertesten Unis weltweit, Harvard in Boston, klopfte an. Interessanterweise nachdem Hell in Deutschland Ende der 80er-Jahre viele - und allesamt erfolglose Bewerbungen - geschrieben hatte. „Ich habe über Harvard lange nachgedacht , mich aber für das MPI in Göttingen entschieden.“

Der zwangsläufigen Frage nach dem Warum, kommt Stefan Hell zuvor: „Hier wird Forschern das kontinuierliche Arbeiten an einem Projekt garantiert, das ist der Vorteil der öffentlich finanzierten Max-Planck-Institute.“ Sie stünden nicht so unter finanziellen Zwängen wie die oft drittmittelfinanzierte Universitäten. So konnte am MPI in Göttingen reifen, was auch die Uni-Oberen in Harvard gerne als Erfolg gemeldet hätten: Die Überwindung der Auflösungsgrenze im Lichtmikroskop und die Entwicklung der STED Mikroskopie.

Zur Person 

Stefan W. Hell (geboren 1962 in Banat, Rumänien) promovierte 1990 an der Uni Heidelberg in Physik und arbeitete von 1991 bis 1993 am Europäischen Molekularbiologischen Laboratorium (EMBL) in Heidelberg. Danach folgte ein dreieinhalbjähriger Aufenthalt an den Unis Turku (Finnland) und Oxford (Großbritannien). Als Leiter einer Max-Planck-Nachwuchsgruppe wechselte er 1997 an das Göttinger Max-Planck-Institut für biophysikalische Chemie. Seit 2002 ist er dort Direktor und Leiter der Abteilung NanoBiophotonik. Zudem leitet er seit 2003 die Abteilung Optische Nanoskopie am Deutschen Krebsforschungszentrum Heidelberg. Stefan Hell hat für seine Forschung viele Preise erhalten, darunter den 10. Deutschen Zukunftspreis des Bundespräsidenten (2006) und nun den Kavli-Preis 2014. Hell lebt in Göttingen, ist verheiratet und hat drei Kinder. In der Freizeit treibt er gerne Sport. (tko)

Aus seiner Erfindung macht der bescheiden-bodenständige aber dennoch selbstbewusste Hell übrigens kein Aufsehen: „Das ist ganz simpel“, sagt er immer wieder. „Ich wusste, was nicht funktioniert, und habe dort angesetzt.“

Revolution der Lichtmikroskope 

Die Erkenntnisse von Prof. Stefan Hell haben die Lichtmikroskopie revolutioniert. Herkömmliche Lichtmikroskope können Objekte, die weniger als 200 Nanometer (millionstel Millimeter) voneinander entfernt sind, im Bild nicht trennen. Für Biologen wie Mediziner war das eine enorme Einschränkung: Um Strukturen in lebenden Zellen zu untersuchen, reichte diese Auflösung nicht aus. Die von Hell erfundene und entwickelte STED-Mikroskopie und damit verwandte Verfahren erlauben es heute, Zellen mit einer bis zu zehnmal besseren Detailschärfe zu untersuchen. Der Ansatz des Physikers beruht auf einem simplen Kniff: Eng benachbarte Details werden durch einen Lichtstrahls dunkel gehalten, sodass sie nacheinander aufleuchten, das macht die Unterscheidung im Lichtmikroskop möglich. „Ein großer Vorteil ist, dass unserer Methode ein relativ allgemeines Grundprinzip zugrunde liegt. Die Hochauflösung ist daher längst nicht ausgereizt“, sagt Stefan Hell.

Alle großen Mikroskop-Hersteller verwenden in letzter Konsequenz das in Göttingen entwickelte Hell-Dunkel Prinzip, um ihr Fluoreszenzmikroskope „aufzuschärfen“.

Hohe Reputation im Expertenkreis 

Weltweit beschäftigten sich nicht einmal eine Handvoll Forscher mit der Beugungsgrenze. „Physiker hatten oft andere Interessen, die Kernphysik zum Beispiel.“ Die Beugungsgrenze bei Lichtmikroskopen nahmen sie als gegeben hin, sie war schlicht uninteressant. Nicht für Stefan Hell, der heute ein Forscher mit großer Reputation ist.

Übrigens: Preise werden unterschiedlich bewertet. In den USA wird ein Kavli-Preisträger stets vom Präsidenten Barack Obama empfangen. In Deutschland, wie in Göttingen, vom Oberhaupt der Stadt. Stefan Hell nimmt das mit einem Lächeln zur Kenntnis, denn er freut sich wirklich über die Würdigung in „seiner“ Stadt Göttingen. Sollte einmal eine noch renommiertere Auszeichnung für den MPI-Forscher Hell ins Haus stehen, was durchaus in Expertenkreisen gemunkelt wird, dann würden sich auch wohl weitere Empfänge andernorts anschließen.

Von Thomas Kopietz

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