1. Startseite
  2. Lokales
  3. Göttingen
  4. Göttingen

Ukrainische Familie kommt in Südniedersachsen an: „Hier singen Vögel, zuhause singen Bomben“

Erstellt:

Von: Melanie Zimmermann

Kommentare

Gruppenfoto am Gänseliesel in der Göttinger Innenstadt.
Momentaufnahme, bevor es noch einmal weiter geht nach Gelsenkirchen (v.l.): Chris Lemmer mitFamilie Chaykovskyy: Dennis, Julia, Timur, Vova und Natalia. © Melanie Zimmermann

In diesen Tagen erreichen viele geflüchtete Ukrainer Südniedersachsen. So wie Familie Chaykovskyy, sie kommen kurzzeitig in Parensen (Landkreis Northeim) unter.

Göttingen/Parensen – Nicht wenige der Geflüchteten aus der Ukraine kommen bei Privatpersonen unter, auch in Göttingen und Umgebung. Dennis und Natalia Chaykovskyy mit ihren Kindern Julia, Vova und Timur sind nur eine Familie von vielen in diesen Tagen.

Das Ehepaar sitzt in Parensen am Esstisch im Wohnzimmer von Chris Lemmer. Ihre drei Kinder liegen auf dem Sofa, schauen Fernsehen. Es läuft Pokémon auf Russisch. Die Eltern hingegen wollen von den vergangenen Tagen erzählen, vom Krieg in ihrer Heimat, von ihrer Flucht. Schließlich bricht Dennis Chaykovskyy das Schweigen der Erwachsenen.

Ukrainische Familie flieht nach Südniedersachsen: Von Bomben geweckt

„Wir kommen aus einer kleinen Stadt nahe Odessa“, beginnt er. Am Morgen des 24. Februar seien sie alle von Explosionen geweckt worden. Es waren Bomben, die in der Nähe von russischen Truppen abgeworfen wurden. „Wir haben daraufhin den Fernseher angemacht und ich habe zu Natalia gesagt ‚Pack ein paar Sachen zusammen, wir müssen vorbereitet sein‘.“

Das Ehepaar geht mit seinen Kindern zu Freunden. Gemeinsam verfolgen alle die Nachrichten, versuchen sich einen Überblick zu verschaffen, was da gerade in ihrem Land geschieht. „Das war gar nicht so einfach, denn wir wussten nicht: welche Informationen stimmen, welche nicht“, berichtet Dennis. Als sie Bilder sehen, wie eine Rakete ein Wohnhaus trifft, entscheiden sie sich zur Flucht.

Ukrainische Familie flieht nach Südniedersachsen: Zahlreiche besorgte Nachrichten

Weil die beiden zehn Jahre auf einem Kreuzfahrtschiff gearbeitet haben, haben sie viele Freunde und Bekannte in Moldawien, Rumänien und Deutschland. „Von der ersten Sekunde an bekamen wir unzählige Nachrichten, ob es uns gut geht, ob wir Hilfe brauchen,wo wir sind“, erzählt Natalia gerührt. Sie habe kaum Worte, um ihre Dankbarkeit auszudrücken.

Gruppenfoto am Gänseliesel in der Göttinger Innenstadt.
Gruppenfoto am Gänseliesel: Familie Chaykovskyy nutzte die wenigen Tage, um sich Göttingen anzusehen und zur Ruhe zu kommen. © C. Lemmer/privat

Zuerst will die Familie ins Landesinnere fliehen, zu Dennis Eltern. Doch sie entscheiden sich dagegen, wollen stattdessen nach Moldawien. Von ihrem Heimatort aus sind es zehn Kilometer bis zur Grenze – sie brauchen 13 Stunden.

Mit sieben Leuten, einem Hund, einer Katze, einem Hamster und einem Papagei im Auto machen sie sich auf den Weg. Dennis und Natalias größte Angst ist, nicht durchgelassen zu werden. „Wir hatten für unsere Kinder keine Reisepässe, weil sie noch nie welche brauchten. Kurzfristig welche anfertigen zu lassen, haben wir versucht – es ging nicht mehr“ so Natalia.

Auch sie fürchtete sich vor der Grenzkontrolle: Natalia ist Russin, hat eine ukrainische Aufenthaltsgenehmigung. „Ich wusste nicht, ob sie mich passieren lassen würden.“

Ukrainische Familie flieht nach Südniedersachsen: Ausreise kam zum richtigen Zeitpunkt

Am 25. Februar um 4 Uhr früh ist es soweit: Sie dürfen Ausreisen, Probleme gibt es keine. „Zwei Stunden später kam der Befehl, dass die Männer ab sofort im Land bleiben müssen, um zu kämpfen.“ Natalya schaut ihren Mann an. „Wir haben unglaublich großes Glück gehabt, dass wir noch alle zusammen sind.“

Ihr 21-jähriger Sohn sei in der Ukraine geblieben. Er studiere IT. „Er war weder in der Armee, noch hat er jemals etwas mit Waffen zu tun gehabt. Und jetzt soll er eine nehmen und kämpfen. Das ist nicht richtig“, sagt sie unter Tränen.

In Moldawien treffen sie auf den Göttinger Chris Lemmer und seine Begleiter. Gemeinsam geht es nach Rumänien, von dort über Österreich nach Deutschland und schließlich nach Parensen im Landkreis Northeim, wo sie bei dem Göttinger vorerst unterkommen und ein wenig Ruhe finden können.

Ukrainische Familie flieht nach Südniedersachsen: „Wir machen keine Pläne mehr“

Eine letzte Etappe steht noch an, die Familie reist nach Gelsenkirchen, dort haben sie Verwandtschaft. Dann endet ihr Plan. „Wir machen keine Pläne mehr. Wir wissen nicht, wie es weiter geht und was noch alles passiert“, sagt Natalya.

Für ihre Kinder sei das alles sehr aufregend, ein wenig auch wie eine Art Urlaub. Dass sie aber sehr wohl verstehen, was in ihrer Heimat passiert, wird deutlich, als die Familie draußen auf dem Hof steht. „Mama, hörst du das? Hier singen die Vögel. Bei uns zuhause singen Bomben“, sagt die siebenjährige Julia.

Ukrainische Familie Chaykovskyy: Jeden morgen schreiben Freunde, ob sie noch leben

Dennis Eltern sind noch immer in der Ukraine. Mit ihren Freunden stünden sie in Kontakt. Es gebe eine gemeinsame Whatsapp-Gruppe. „Jeden Morgen melden sich dort alle einmal, damit wir anderen wissen, dass sie noch leben“, erzählt Natalia unter Tränen.

Mit ihrer Familie in Russland habe sie keinen Kontakt. „Es kam keine einzige Nachricht, wie es uns geht oder wo wir sind“, sagt sie mit zittriger Stimme. Mit ihrem Vater habe sie gesprochen, das Gespräch endete jedoch im Streit.

„Er hat am Telefon so furchtbare Dinge behauptet. Es wären die Ukrainer selbst, die die Bomben und Raketen auf ihr eigenes Volk schießen“, sagt Natalia fassungslos. Sie werde unter diesen Umständen nicht mehr mit ihm sprechen können. (Melanie Zimmermann)

Auch interessant

Kommentare