Opposition attackiert Wissenschaftsminister Thümler wegen Einsparungen

Hiobsbotschaften aus Hochschulen nehmen zu

Die Skulptur von Georg-Christoph Lichtenberg am Alten Rathaus in Göttingen
+
Die Skulptur von Georg-Christoph Lichtenberg am Alten Rathaus in Göttingen: Nach diesen Gelehrten, der im 18. Jahrhundert forschte, ist das Kolleg an der Uni Götingen benannt.

An der Uni Hannover stehen 22 Professuren und das Institut für Meteorologie auf der Kippe; in Göttingen ist das Aus für das international renommierte Lichtenberg-Kolleg nicht mehr abzuwenden; in Braunschweig droht das ersatzlose Auslaufen von befristeten Juniorprofessuren.

Hannover/Göttingen – „Seit Ende 2020 werden immer mehr Hiobsbotschaften aus den Hochschulen bekannt“, beklagte die Grünen-Abgeordnete Eva Viehoff im Landtag einen finanziellen Kahlschlag bei Forschung und Lehre. „Das rüttelt an den Grundfesten des Wissenschaftsstandorts Niedersachsen.“ Das Land drohe in die Zweitklassigkeit zu stürzen.

Die wissenschaftspolitische Sprecherin der Grünen-Fraktion bezog auf die seit 2020 geltende Sparauflage im Haushalt, wonach alle Ministerien mit Ausnahme des Kultusressorts einen pauschalen Beitrag leisten sollen. 2020 betrug diese „globale Minderausgabe“ ein Prozent. Im laufenden Jahr sind es 1,25 Prozent. Das beschert den 17 größeren Hochschulen in Niedersachsen ein Minus von insgesamt knapp 25 Millionen Euro. Die Uni Göttingen muss mit 3,3 Millionen Euro weniger auskommen; bei der Universitätsmedizin Göttingen fehlen zwei Millionen Euro. An der Uni Hannover beträgt das Minus 3,3 Millionen Euro, an der Medizinischen Hochschule (MHH) 2,6 Millionen Euro.

Die Etats sinken dadurch aber nicht unter das Niveau der Vorjahre; sondern es fallen die – auch für Lohnzuwächse eingeplanten – Steigerungen geringer aus. So wies Wissenschaftsminister Björn Thümler (CDU) die Vorwürfe zurück. Zwischen 2015 und 2017 seien die laufenden Zuführungen an die Hochschulen um 4,09 Prozent oder rund 72,7 Millionen Euro gestiegen. Zwischen 2018 und 2020 betrage das Plus 7,47 Prozent somit 140,6 Millionen Euro. Jetzt stehe man allerdings nicht zuletzt wegen der Corona-Pandemie vor einer finanziellen Hürde.

„Hier müssen wir oft genug das Machbare und das Wünschenswerte miteinander versöhnen. Dazu gehören gelegentlich ebenso unangenehme wie schwierige Abwägungen“, sagte Thümler. Ein Teil der jetzigen Sparverpflichtung beruhe aber auch auf „Altlasten“ seiner grünen Amtsvorgängerin Gabriele Heinen-Kljajic wie etwa auf der Abschaffung der Studiengebühren.

„Sie schüren Unruhe an den Hochschulen“, hielt Thümler den Grünen vor. Die Landesregierung dagegen entwickle die Wissenschaft weiter, schaffe die Grundlage dafür, dass alle niedersächsischen Hochschulen Stiftungshochschulen werden könnten. „Damit stärken wir nicht nur ihre Hochschul-, sondern auch ihre Finanzautonomie.“ Auch den Sanierungsstau, den der Deutsche Gewerkschaftsbund auf 4,3 Milliarden Euro beziffert hatte, gehe man aktiv an.

„Wenn man die Regierung so hört, ist eigentlich alles ganz schick“, lästerte der FDP-Abgeordnete Lars Alt. „Aber dann hört man die Hochschulen. Da herrscht nur noch Frustration. Die fühlen sich ausgebremst.“ Alt verwies auf die geballte Kritik von der Landeshochschulkonferenz und der Wissenschaftlichen Kommission. „Unsere Hochschulen könnten noch viel mehr leisten, wenn man sie nur lassen würde“, sagte Alt mit Blick auf Beiträge im Kampf gegen Corona oder Klimawandel.

Auch SPD-Wissenschaftsexpertin Silke Lesemann betonte den „konkreten gesellschaftlichen Nutzen wissenschaftlicher Forschungen und Innovationen für das Gemeinwohl“ in der Pandemie oder beim Thema Mobilität. Sie forderte mit Blick auf den CDU-Koalitionspartner, Spielräume der Schuldenbremse dringend zu nutzen. (Peter Mlodoch)

Unruhe in Göttingen: Kürzungen sorgen für Ärger und Sorgen

Riesiger Investitionsstau bei Infrastruktur und Gebäuden, Einsparungen beim Personal so in der Sozialwissenschaftlichen Fakultät, Schließung des Lichtenberg Kollegs – das sind einige der Folgen aus Etatkürzungen, die an der Uni Göttingen zu spüren sind. Die Lage dort ist angespannt, an der Spitze wie innerhalb, und es gab bereits Demos, wie gegen die Befristungen von Verträgen.

Reinhard Jahn, Ex-Präsident Uni Göttingen

Der im Dezember ausgeschiedene Präsident, Reinhard Jahn, hatte im Interview mit unserer Zeitung, gesagt, er mache sich zunehmend Sorgen, dass die Uni durch die Etatkürzungen des Landes die Konkurrenzfähigkeit einbüßen könnte. Es gelte schnell zu Handeln, damit kein unkontrollierbares Defizit entstehe. Eine akademische Institution aber könne nicht so schnell umsteuern, ohne erhebliche Schäden zu hinterlassen: „Dann regiert die Abrissbirne statt strategischer Planung.“ So gibt es Fragezeichen um den Fortbestand ganzer Studiengänge oder einzelner Lehrangebote. „Ich kann nicht ausschließen, dass Professuren gestrichen werden, dass das Lehrangebot konsolidiert werden muss“, sagte Jahn, auf den in Kürze Metin Tolan folgen wird. (Thomas Kopietz)

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.