Entdecker-Touren

Historische Pfade: Auf den Spuren der ersten „Harzer“

Fast alpine Eindrücke vermittelt eine Rundwanderung um Scharzfeld im westlichen Harz, die auch Ausblicke auf imposante Felsformationen in Wiesen in der Karstlandschaft ermöglicht.
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Fast alpine Eindrücke vermittelt eine Rundwanderung um Scharzfeld im westlichen Harz, die auch Ausblicke auf imposante Felsformationen in Wiesen in der Karstlandschaft ermöglicht.

Klingt gar nicht mal so groß für ein Gebirge: 90 mal 30 Kilometer messen die Alpen Norddeutschlands, auch kurz und knapp Harz genannt. Richtig, jetzt kommt das Aber: Wer im Harz, der einst mittelhochdeutsch Hart hieß, zu Fuß unterwegs ist, merkt: verdammt groß und unheimlich vielfältig in Landschaft, Geologie, Natur und Geschichte ist dieser Harz – und gar nicht immer dunkel und neblig, wie ihm landläufig zugedichtet wird.

Scharzfeld – Apropos Geschichte: Auf deren Spuren lässt sich vorzüglich Stöbern und – natürlich Wandern, besonders im Frühling, wenn die Natur samt Farben explodiert.

Ob die Geschichte der Besiedlung des Mittelgebirges nur an dessen Süd-West-Rand begann, ist möglich. Zumindest Spuren dafür finden sich dort. Warum zog es unsere Vorfahren in der Altsteinzeit dorthin. Nun sie fanden fruchtbare Böden, Tiere und natürlichen Unterschlupf. Ein solcher sind die Steinkirche in Scharzfeld bei und die nahe Einsteinhöhle.

Vom Parkplatz unter der Bundesstraße 27/243 sind es nur wenige Schritte zum schmalen, steilen Zick-Zack-Weg über eine Karstwiese bis auf ein von Felsklötzen gerahmtes Plateau. Über einstige Gräber – der Vorplatz war vom 9. bis ins 15. Jahrhundert ein Friedhof für 100 Menschen – geht es in die „Kirche“, die weder Kreuz noch Turm mit Glocke besitzt – aber ein Loch im Dach der beeindruckenden, gut 20 Meter langen Höhlenhalle durch das der strahlend blaue Himmel zu sehen ist.

Das „Kirchenschiff“ wurde von Menschenhand vor etwa 1000 Jahren aus einer natürlichen Klufthöhle aus dem Dolomitfels gehauen: die Steinkirche entstand, die wohl auch ein Holztor hatte.

Heute ist sie offen, eindrucksvoll. Die Fantasie zeichnet Bilder der Vergangenheit, gaukelt betende, in Fellmäntel gehüllte Menschen am Lagerfeuer vor. Beendet werden sie, als es unter den Schuhen knirscht: Scherben einer Flasche – Bier mit Limone.

Höhlenkirche: Die mittelalterliche Steinkirche oberhalb von Scharzfeld wurde in den Fels gehauen, ist ein Naturund Kulturdenkmal.

Die Steinkirche ist auch heute gelegentlich ein Versammlungsort, weniger einer von betenden, sondern eher von feiernden junger Menschen, die Sneaker an den Füßen tragen. Anders als jene Jäger, die dort vor 15000 Jahren rasteten und von dem natürlichen Felshochsitz hinunter nach Rentieren spähten. Lagerfeuer machten sie auch – wie die Sneaker-Träger heute.

Der Weg führt um die baumlose Fels- und Wiesenkuppe des Steinbergs. Unten rauschen die Autos auf der Schnellstraße vorbei, nach oben schälen sich zackige Felsen aus der Wiese, bilden krasse Konturen zum stahlblauben Himmel. Beeindruckend.

Einige hundert Meter weiter – wahlweise über einen Wanderweg im Wald oder die schmale Straße – gibt es ein Waldschwimmbad, samt Campingplatz. Von der Bundesstraße ist längst nichts mehr zu hören. Das Bad hat bessere Zeiten gesehen, der Campingplatz auch. Geschlossen. Corona. Es könnte hier so ebendig sein.

Einhorn am Eingang: Die Einhornhöhle bei Scharzfeld ist – normalerweise – eine Touristenattraktion. Die etwa 1000 Meter lange mit mehreren großen Hallen versehene Höhle wird immer noch erforscht und ist auf 300 Meter begehbar.

Über einen Bach, vorbei am Waldspielplatz steigt ein schmaler Pfad gut 1,5 Kilometer leicht, aber stetig an. Es geht schließlich durch lichten Buchenwald, der weite Einblicke ermöglicht. Kurz vor der „Göttinger Hütte“ biegt der Weg ab, führt vorbei an einem Parkplatz und schließlich eine Stiege hinunter. Ein Fabeltier zeigt dort, worum es geht. Das Einhorn bewacht den schmalen Eingang zu „seiner“ Einhornhöhle. Sie ist genauso geschlossen, wie das in normalen Zeiten bewirtete und zur Rast herausfordernde „Haus Einhorn“. Der schlichte Einstiegstunnel lässt keinesfalls erwarten, welch imposante Ausmaße samt mehrerer Hallen auf den begehbaren 300 Meter (bei rund 1000 Meter Gesamtlänge) hat. Faszinierend ist bei einem bestimmten Lichteinfall die „Blaue Grotte“. Paläontologen fanden in Grabungen Werkzeuge von Neandertalern und Knochen von mehr als 70 Tierarten. Ein Knochenfund von 1541 wurden dem Fabelwesen Einhorn zugeordnet – dem Namensgeber.

Der Rückweg durch dichteren Wald, hinab ins nächste Tal bietet noch einen kurzen Anstieg zur Ruine Scharzfels mit ihrer später in den Fels gehauenen Freitreppe. Die Ruine ist aus welchen Gründen auch immer eingezäunt. Also Abstieg, leicht abfallend hinunter in einem Bogen Richtung Scharzfeld. Der letzte Weg durch den lang-gezogenen Ort ist langweilig. Die gut dreistündige, etwa 11-Kilometer lange Tour mit immerhin 280 Höhenmetern auf den Spuren der ersten Menschen im Südharz war es nicht.

Manko: Teils verdrehte oder gar herausgezogene Schilder, wie auch teils (aus unerfindlichen Gründen) gesperrte Passagen fordern zur eigenen Wegfindung auf. (Thomas Kopietz)

Hintergrund: Touren im Südharz

Schnell erreichbar aus dem Raum Göttingen/Northeim sind für Wanderer die Startpunkte zu drei geschichtsträchtigen Touren im Südwesten des Harzes:

Neben der im nebenstehenden Bericht geschilderten Wanderung zu den Stätten der ersten Menschen im Südharz bei Scharzfeld bietet sich in der Nähe eine Wanderung zu den Relikten des Bergbaus und einstigem Fernhandelsweg an. Start im Talort Zorge ist auf dem Parkplatz im Zentrum mit der Pyramide für die Bergleute. Es geht über Treppen hinauf bis zum Aussichtspunkt Pferdchen, dann über Bergwerghalden, zu alten Erzschächten über die Wanderhütte Helenenruh zum Zorger Jagdkopf – und später ein wenig steiler zurück, vorbei am kleinen Kurpark, zum Parkplatz. Dauer für die 7,5 Kilometer lange mittelschwere Tour: drei Stunden.

Weiter südlich führt eine leichte, zweistündige Vier-Kilometer-Runde bei Obersalza vom Parkplatz an der KZ-Gedenkstätte Mittelbau-Dora auf die Spuren furchtbarer deutscher Nazi-Vergangenheit mit Appellplatz, Krematorium, Bahnwaggon und Produktionsstollen, wo Zwangsarbeiter schufteten und starben. Das Museum, wenn geöffnet, ist eindrucksvoll. Weitere Infos gibt es hier. (tko)

Das Buch: Historische Pfade

Richard Goedeke ist ein Insider, hat viel über den Harz geschrieben, war ein begeisterter Kletterer, mit zunehmendem Alter wandert er nicht weniger gerne. Das Buch „Harz – Historische Pfade – 30 Wanderungen zu Orten mit Geschichte“ ist für den Kenner eine logische Fortsetzung seiner Bücher über den Harz. Denn der ist reich an Historie in vielen Facetten. Das spiegelt sich wider in der Zusammenstellung der 30 Touren, die von Spaziergängen bis anspruchswollen Wandertouren mal in Städten,mal in abgeschiedener Natur reichen. Ziele sind auch: Im Norden Harzhorn und Reichsstadt Goslar, im Osten Quedlinburg, die Konradsburg und Orte des Kupfer- und Silberbergbaus, im Süden verborgene Burgen wie Hohnstein und Heinrichsburg sowie im Westen die Harzer Wasserwirtschaft und die Clausthaler Teiche. So ist für viele Interessen etwas dabei. Das mit prima Tipps gespickte Buch hat einen hohen Nutzwert. (tko)

Richard Goedeke, „Harz – Historische Pfade“. Bruckmann-Verlag, 160 S., 19,99 Euro.

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