Holocaust-Zeitzeuge Sally Perel in Göttingen

Hitlerjunge Salomon: „Jude und Nazi in einem“

Er sprach mit 70 Jugendlichen: Holocaust-Zeitzeuge Sally Perel war zu Gast an der BBS 1 Arnoldi-Schule Göttingen Foto: von Polier

Göttingen. Holocaust-Zeitzeuge Sally Perel ist mit seiner Biographie „Ich war Hitlerjunge Salomon“ weltweit bekannt geworden. Am Mittwoch war der 89-Jährige zu Gast in der Göttinger BBS 1 Arnoldi-Schule.

Seinen Vortrag vor etwa 70 Schülern beginnt Perel mit einem Zitat von Filmemacher Steven Spielberg, der „Schindlers Liste“ verfilmt hat: „Zeitzeugen sind die besten Geschichtenerzähler“. Auf Perel trifft das zu. Mit seiner besonnenen Stimme nimmt er Zuhörer für sich ein und versetzt sie zurück in seine Jugend vor 70 Jahren.

Perel wurde 1925 in Peine geboren. Als die Repressionen für Juden in Deutschland stärker wurden, flüchtete die Familie nach Polen, seine Eltern kamen ins Ghetto nach Lódz. Sie entschieden, dass Sally und sein Bruder Isaak Richtung Osten flüchten sollten und sein Vater gab ihm auf den Weg, nie zu vergessen, wer er ist und Jude zu bleiben, dann würde Gott ihm helfen. Seine Mutter sagte drei Worte: „Du sollst leben.“ Zwar wollte er den Worten des Vaters folgen, doch er entschied sich für den Wunsch der Mutter und vergrub in einem Feld seine Ausweispapiere. Soldaten der Wehrmacht, die ihn festnahmen, täuschte das gute Deutsch des Jungen und seine Aussage, er sei Volksdeutscher und heiße Josef. „Die Lüge war die einzige Waffe, die ich hatte.“

Im Publikum ist Ruhe, während Perel spricht. Die Zuhörer besuchen die Oberstufe und sind so alt wie Perel war, als er vier Jahre auf einem Internat der Hitlerjugend Braunschweig lebte. Er wurde einer von ihnen. Sein Wunsch zu leben sei so stark gewesen, dass er Hitler die Treue schwor. „Für mich waren es vier Ewigkeiten“, sagt er heute. Erschreckt habe ihn, dass unter den Uniformen Menschen gewesen seien. Menschen, die Zuhause Hündchen und Kätzchen hatten. „Getaufte Christen.“ Doch wo war die Nächstenliebe? Die, so sagt er, müsse bewiesen werden, sonst sei sie nur ein Wort.

Das Aufwachsen im Internat beschreibt Perel mit einer gespaltenen Seele. Er sei Jude und Nazi in einem gewesen. „Es war schwer, mich nicht zu hassen, weil ich Jude bin“, sagt er. Die Hakenkreuze hätten sich bald verinnerlicht, doch mit einer Sache war er nie einverstanden. Dass die Juden vernichtet werden sollten. Damals habe er gehört, dass Satan auf der Erde von Juden verkörpert würde, doch Perel fand aber keine Hörnchen auf seiner Stirn. Jeden Tag hatte er Angst, enttarnt zu werden.

Irgendwann sah ein schwuler Soldat, der ihn in der Badewanne vergewaltigen wollte, dass Perel beschnitten war. Er habe erst gar nicht gewusst, was der Soldat wollte. Früher habe er gedacht, der Klapperstorch bringe die Kinder. „Ihr habt gut Grinsen, ihr habt heute das Internet“, sagt er in Richtung der nun lauthals lachenden Jugendlichen. Der Soldat, der ihn damals entdeckt hatte, sagte zu ihm: „Es gibt noch ein anderes Deutschland.“ Er versprach, ihn nicht zu verraten.

Am Ende seines Vortrags sagt Perel zu den Jugendlichen: „Ich komme nicht, um in euch Schuldgefühle zu wecken, sondern, um euch die Wahrheit zu sagen. Ihr seid jetzt auch Zeitzeugen.“

Von Jürgen von Polier

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