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„Ich war erfüllt von Lebensfreude“: Holocaust-Überlebender Leon Weintraub spricht über sein Leben

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Von: Heidi Niemann

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Der Holocaust-Überlebender Leon Weintraub spricht in Göttingen über sein Leben. Er gehört zu den ältesten Alumni der Georg-August-Universität.

Göttingen – Im November 1946 schreibt sich ein junger Mann an der Medizinischen Fakultät der Universität Göttingen ein, der eigentlich gar nicht die Zugangsvoraussetzungen erfüllt. Leon Weintraub hat kein Abitur vorzuweisen, sondern nur sechs Grundschuljahre. Studieren durfte er damals dennoch.

Auf den Tag genau 70 Jahre nach seiner Immatrikulation kehrte Weintraub nun zurück nach Göttingen, diesmal als Ehrengast: Auf Einladung der Medizinischen Fakultät erzählte der Arzt und Holocaust-Überlebende in der Aula am Wilhelmsplatz aus seinem bewegten Leben.

Holocaust-Überlebender Leon Weintraub spricht in Göttingen über sein Leben

Holocaust-Überlebender Leon Weintraub hält bei einem Pressegespräch an der Georg-August-Universität Göttingen seine Immatrikulationsbescheinigung und seinen Studentenausweis in der Hand.
Der Holocaust-Überlebende Leon Weintraub hält bei einem Pressegespräch an der Georg-August-Universität Göttingen seine Immatrikulationsbescheinigung und seinen Studentenausweis in der Hand. © Swen Pförtner

Leon Weintraub war jahrelang inhaftiert gewesen, erst im jüdischen Ghetto in Lodz, dann in drei Konzentrationslagern, darunter auch Auschwitz. Da er in Polen aufgewachsen ist, spricht er 1946 auch kaum Deutsch. Dass der damals 20-Jährige dennoch in Göttingen Medizin studieren darf, liegt an einer Anordnung der britischen Militärregierung. Sie verpflichtet die Universitäten dazu, einige Studienplätze für sogenannte „Displaced Persons“ freizuhalten.

Vier Jahre hat Leon Weintraub damals in Göttingen Medizin studiert – mit Erfolg: Er schaffte nicht nur die ärztliche Vorprüfung, sondern machte auch noch das Abitur nach. Nach dem Physikum kehrte er 1950 nach Polen zurück, setzte seine Ausbildung fort und arbeitete anschließend als Facharzt der Geburtshilfe und Frauenheilkunde an verschiedenen Kliniken.

1968 kam es in Polen zu antisemitischen Kampagnen und Hetzjagden, 20.000 Menschen verloren ihre Arbeitsstelle. Auch Leon Weintraub verlor seine Stelle als Oberarzt. 1969 emigrierte er aufgrund des zunehmenden Antisemitismus nach Schweden, wo er bis zum Eintritt in den Ruhestand als Gynäkologe arbeitete.

Seit 1992 widmet er sich der Erinnerungsarbeit und erzählt als Zeitzeuge aus seinem Leben. Er will vor allem junge Menschen erreichen und ihnen einen Eindruck davon vermitteln, wie der Alltag unter der Nazi-Herrschaft war. Der 96-Jährige hatte selbst den Wunsch geäußert, an seiner Alma Mater einen Vortrag über das Weiterleben mit und nach Auschwitz zu halten.

Zeitzeuge Leon Weintraub will junge Menschen erreichen

Er zeigte sich sichtlich bewegt, dass dieser Wunsch nun in Erfüllung ging: „Dass ich die Ehre habe, als Alumnus dieser Universität hier in dieser Aula zu sein, das bedeutet mir sehr viel“, sagte er.

Er gehört zu den ältesten Alumni der Uni Göttingen: Holocaust-Überlebender Leon Weintraub (links), hier im Gespräch mit Dietmar Sedlaczek.
Er gehört zu den ältesten Alumni der Uni Göttingen: Holocaust-Überlebender Leon Weintraub (links), hier im Gespräch mit Dietmar Sedlaczek. © Heidi Niemann

Im Gespräch mit Dietmar Sedlaczek, dem Leiter der KZ-Gedenkstätte Moringen, berichtete er, welche Bedeutung die Zeit in Göttingen für ihn hatte: Nach all den Jahren des Grauens „war ich nur erfüllt von Lebensfreude“. Er habe sich voll auf das Medizinstudium konzentriert und deshalb nur wenig Kontakt zu anderen Kommilitonen gehabt. Gleichzeitig habe er sich auch politisch in einem Zirkel linksgerichteter Studenten engagiert.

Ich war jahrelang auf Tuchfühlung mit dem Tod.

Leon Weintraub

Auf die Frage von Sedlaczek, wie er es geschafft habe, nach Auschwitz wieder ins Leben zurückfinden, sagte Weintraub: „Ich habe glücklicherweise die Fähigkeit, immer wieder neu anzufangen.“ Für ihn sei nach der Zeit im KZ klar gewesen, dass er mit Menschen arbeiten wolle. „Ich war jahrelang auf Tuchfühlung mit dem Tod.“ Weil er sich dem Leben zuwenden wollte, habe er Medizin studiert und sei Gynäkologe und Geburtshelfer geworden. Seine Berufstätigkeit als Arzt sei für ihn eine „Medizin“ gewesen.

Leon Weintraub gehört zu den ältesten Alumni der Georg-August-Universität Göttingen

Leon Weintraub verwies darauf, dass er Göttingen auf mehrfacher Weise verbunden ist: Im Göttinger Verlag Vandenhoeck & Ruprecht erschien 1970 ein von Weintraubs erster Ehefrau Katja übersetztes Kinderbuch des polnischen Arztes und Kinderbuchautors Janusz Korczak, das 1972 posthum mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet wurde.

In diesem Jahr ist im Göttinger Wallstein Verlag seine Autobiographie „Die Versöhnung mit dem Bösen. Geschichte eines Weiterlebens“ erschienen. In Gesprächen mit der Journalistin Magda Jaros zeichnet Leon Weintraub sein Leben nach.

Holocaust-Überlebender Leon Weintraub stellte seine Biographie „Die Versöhnung mit dem Bösen“ vor.
Holocaust-Überlebender Leon Weintraub stellte seine Biographie „Die Versöhnung mit dem Bösen“ vor. © Swen Pförtner

Dabei erwähnt er auch eine Episode aus seiner Studienzeit in Göttingen: Damals stieß er in einem Musikalienhandel auf eine Schallplatte mit dem Violinkonzert in D-Dur op. 61 von Ludwig van Beethoven. Als er sie auf seinem durch Tauschhandel erworbenen Grammophon auflegte, konnte er sich nicht satthören. Es wurde die Musik seines Lebens.

Bei der Veranstaltung in der Aula der Universität Göttingen erhielt Weintraub ein besonderes Geschenk: Dainis Medjaniks (Violine) und Asen Tanchev (Klavier) spielten zwei Sätze aus dem Violinkonzert D-Dur op. 61 von Ludwig van Beethoven. (Heidi Niemann)

Dunkles Kapitel der Uni Göttingen

Der heute 96-jährige Leon Weintraub ist nicht nur einer der ältesten Alumni der Uni Göttingen, sondern auch Ehren-Alumnus: Der Vorstand des Medizin Chapters des Göttinger Alumni-Vereins habe einstimmig dafür votiert, Weintraub als Ehrenmitglied aufzunehmen, berichtete der Vorstandssprecher der Universitätsmedizin Göttingen (UMG), Professor Wolfgang Brück.

UMG-Vorstandssprecher Brück freute sich, dass viele Medizinstudierende und Schüler in die Aula gekommen waren. Es sei ein „Geschenk“, dass Weintraub seine Erfahrungen an die junge Generation weitergeben wolle. Zu Beginn der Veranstaltung erinnerte Uni-Vizepräsidentin Valérie Schüller daran, dass die NS-Zeit kein Ruhmesblatt für die Universität Göttingen gewesen sei.

Studierende seien aus politischen oder antisemitischen Gründen exmatrikuliert, jüdische Wissenschaftler verfolgt und entlassen worden. Göttinger Mediziner hätten sich an Zwangssterilisationen beteiligt, die Universität habe Zwangsarbeiter beschäftigt. (pid)

Verwandte Themen: Bei der jüdischen Gemeinde in Göttingen ist ein Brief mit rechtsradikalen und antisemitischen Inhalten eingegangen. Etwa 200 Teilnehmer gedachten Mitte November auf dem Platz der Synagoge in Göttingen den Opfern der Reichspogromnacht.

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