Prager Frühling endete vor 50 Jahren

Horchanlagen im Harz waren Angelpunkt des Kalten Krieges

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Wichtiger Horchposten im Kalten Krieg: Von diesem Horchturm auf dem Berg Stöberhai im Harz hörten Soldaten der Bundeswehr den Funkverkehr in der DDR ab. So erfuhren sie frühzeitig von dem Einmarsch der Warschauer-Pakt-Truppen in der Tschechoslowakei. Der Horchturm wurde nach der Wende gesprengt.

Harz. Vor 50 Jahren schockiert eine Nachricht die Weltöffentlichkeit: Truppen des Warschauer Pakts marschieren am 21. August 1968 in die Tschechoslowakei ein. 

Westliche Militärs und Nachrichtendienste wussten bereits zuvor, dass das Ende des Prager Frühlings bevorstand – dank ihrer Abhöranlagen im Westharz.

Denn der Harz war während des Kalten Krieges im Sinne des Wortes ein Top-Standort für die Geheimdienste beider Seiten. „Bis Anfang der 1990-er Jahre waren alle wichtigen Berggipfel mit Horchtürmen bestückt“, sagt der Sprecher des Nationalparks Harz, Friedhart Knolle.

Aufgrund seiner besonderen politischen und topografischen Lage wurde das Mittelgebirge nach dem Zweiten Weltkrieg zum Spionage-Zentrum: Die innerdeutsche Grenze – zugleich Nahtstelle zwischen dem Warschauer Pakt und der NATO – verlief quer durch den Harz. Beide Seiten installierten Abhöranlagen auf den Gipfeln, um den Telefon- und Funkverkehr der gegnerischen Seite abzuhören.

Alles mitbekommen

Der erste Horchposten auf westlicher Seite war der 75 Meter hohe Betonturm auf dem Berg Stöberhai nahe der Ortschaft Wieda, den die Bundeswehr betrieb. Ab 1967 hörten die Soldaten, die in der zehnten Etage unterhalb der Antennenanlage saßen, von hier aus im Drei-Schicht-Betrieb den militärischen Funkverkehr in der DDR ab. „Wenn es Truppenbewegungen gab, haben wir alles mitgekriegt“, erzählten Soldaten, die dort stationiert waren.

So auch 1968, als sie durch das Abhören des Funkverkehrs früh mitbekamen, dass die Sowjetunion und mehrere verbündete Staaten die größte europäische Militäroperation seit dem Zweiten Weltkrieg vorbereiteten, um die Reformbewegung in der Tschechoslowakei gewaltsam niederzuschlagen.

Anlagen auf allen Seiten

Auch die französischen Streitkräfte hatten auf dem Stöberhai Abhöranlagen installiert, daneben betrieben sie auch noch einen Horchturm auf dem Berg Schalke bei Clausthal. Die USA hatten ebenfalls mehrere Horchposten im Westharz, einer befand sich auf dem Bocksberg bei Goslar.

Der größte Abhörkomplex war aber auf der anderen Seite des Eisernen Vorhangs, auf dem Brocken. Seit August 1961 galt das Gelände rund um den höchsten Berg Norddeutschlands als Sperrgebiet. Sowohl der sowjetische Militärgeheimdienst GRU als auch das Ministerium für Staatssicherheit der DDR (Stasi) betrieben auf dem 1141 Meter hohen Gipfelplateau große Abhöranlagen für Überwachungs- und Spionagezwecke.

Auch die SED hatte hier einen Richtfunkturm installiert. Dieser gehörte zu einem Nachrichtennetz, das nach dem Volksaufstand vom 17. Juni 1953 aufgebaut worden war, um es im Krisenfall zur Kommunikation zwischen dem SED-Zentralkomitee und den Bezirksleitungen zu nutzen.

Stasi-Gebäude steht noch

Während die meisten Horchtürme im Westharz nach dem Fall der Mauer gesprengt wurden, verhinderten Besetzer den Abriss des einstigen Stasi-Gebäudes auf dem Brocken. Heute ist in dem einstigen Betonklotz, der wegen seiner Kuppel „Stasi-Moschee“ genannt wurde, ein Besucherzentrum des Nationalparks Harz untergebracht. Vor Kurzem wurde dort in der 3. Etage ein neuer Ausstellungsteil eröffnet, der sich mit der deutschen Teilung und der geheimdienstlichen Vergangenheit beschäftigt.

Informationen aus dem Harz als Rechtfertigung für einen Militärschlag

Der US-Auslandsgeheimdienst NSA betrieb ab 1975 eine Abhörstation auf dem höchsten Gipfel des Westharzes, dem 971 Meter hohen Wurmberg. Von diesem Turm aus sollen die NSA und die US Army Security Agency unter anderem auch die Kommunikation zwischen libyschen Regierungsstellen in Tripolis und der libyschen Botschaft in Ostberlin abgehört haben. Dabei erlangten sie brisante Informationen, mit denen die USA später einen Militärschlag rechtfertigten. 

Anlass war ein Bombenanschlag auf die Diskothek „La Belle“ in Westberlin, bei dem im April 1986 zwei US-Soldaten und eine Zivilistin ums Leben kamen. Die USA beschuldigten die libysche Regierung unter Muammar al-Gaddafi als Drahtzieher des Attentats, das vom libyschen Volksbüro in Ostberlin organisiert worden sei. Zehn Tage später bombardierten Kampfflugzeuge der US-Armee die libysche Hauptstadt Tripolis und die Stadt Bengasi.

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