Sechs Polizisten verletzt - Mehrere Ermittlungsverfahren eingeleitet

Ausschreitungen bei Demo gegen Mahnwache von rechtem Freundeskreis

Göttingen. Hunderte demonstrierten am Sonntag an der Göttinger Stadthalle gegen eine Mahnwache des als rechtsextrem geltenden Freundeskreises Thüringen/Niedersachsen.

Dabei kam es nach Angaben der Polizei auch zu gewalttätigen Ausschreitungen zwischen Angehörigen der linken Szene und den Einsatzkräften. Nach Informationen der Polizei wurden sechs Beamte leicht verletzt. Zahlen über verletzte Demonstrationsteilnehmer hat die Polizei bislang nicht. Mehrere Demonstranten wurden offenbar festgenommen.

Die Beamten hatten die Versammlungsbereiche von Freundeskreis und Gegendemonstranten mit einem Absperrgitter in Höhe der Stadthalle voneinander getrennt. Mehrere hundert Polizisten waren im Einsatz.

Kurz vor 19 Uhr trafen etwa 30 Mitglieder des Freundeskreises mit mehreren Autos an der Stadthalle ein. Sie wurden unter lautstarkem Protest von den Gegendemonstranten empfangen. An der Gegenkundgebung beteiligten sich nach Schätzung der Polizei etwa 500 Personen, darunter viele Angehörige des linksextremen Spektrums.

Bevor die Teilnehmer des "Freundeskreises" ihren Versammlungsort erreicht hatten, kam es laut Polizei im Bereich der Polizeiabsperrung zu einem ersten Zwischenfall, als mehrere Gegendemonstranten versuchten, diese zu übersteigen. Später gelang es mehreren Demonstranten, über ein privates Grundstück in den abgesperrten Bereich einzudringen und die Fahrzeuge der "Freundeskreis"-Teilnehmer kurzfristig zu blockieren. Die Personen wurden von Einsatzkräften abgedrängt bzw. weggetragen.

Auf dem Friedländer Weg gab es zuvor eine Straßensperre mit mehreren Traktoren aus dem Raum Duderstadt, um die Ankunft des Freundeskreises zu verhindern. Noch vor dem Eintreffen der Gruppierung an der Stadthalle sprachen einige Prominente über einen improvisierten Lautsprecherwagen zu den Demonstranten.

Unter den Teilnehmern der Protestaktion waren unter anderem die Bundestagsabgeordneten Fritz Güntzler (CDU) und Jürgen Trittin (Grüne) sowie die Landtagsabgeordneten Dr. Gabriele Andretta und Stefan Wenzel.

Die "Freundeskreis"-Kundgebung begann schließlich gegen 19 Uhr. Jens Wilke, Chef des Freundeskreises und Landratskandidat, sprach unter dem Schutz der Polizei zu seinen etwa 40 Anhängern. Die Gruppe hielt sich an der Nordseite der Stadthalle auf.

Übergriffe auf die Polizei

Aktualisiert um 8.05 Uhr

Während der Gegenkundgebung kam es laut Polizei zu körperlichen Angriffen auf die Einsatzkräfte - etwa, als die Beamten versuchten, die Ausgabe von Wurfgegenständen aus zwei Fahrzeugen zu unterbinden. Kurz danach wurde von den Beamten ein Tatverdächtiger einer gefährlichen Körperverletzung wiedererkannt. Der Unbekannte solleinen Polizisten an einer Absperrung mit einer Flasche geschlagen und dabei verletzt haben. Beim anschließenden Zugriff wurden die Einsatzkräfte offenbar von mehreren Angehörigen der linken Szene mit Schlägen und Tritten attackiert. Dem Ergriffenen gelang so schließlich die Flucht. Zudem seien die Einsatzkräfte aus der Menge heraus mit Obst, Gemüse und gefüllten Flaschen beworfen worden. Dabei wurden mehrere Polizisten leicht verletzt. Wegen der Übergriffe setzten die Beamten Reizgas und Schlagstöcke ein.

Die Polizei spricht davon, dass "ein beträchtlicher Teil der Gegendemonstranten von besonders hoher Aggressivität geprägt war." Demnach wurden Polizeibeamte angegangen, bedrängt und beleidigt. Mehrfach sei versucht worden, einzelne Beamte in die Menge zu ziehen. Zudem sei in der Nacht zum Sonntag im Bereich des Albaniplatzes ein mit Steinen gefülltes Wurfgeschoss-Depot entdeckt worden.

Verfahren eingeleitet

Die Polizei hat Ermittlungsverfahren wegen Körperverletzung, gefährlicher Körperverletzung, Landfriedensbruchs, Widerstands gegen Vollstreckungsbeamte und Verstoß gegen das Versammlungsgesetz (Vermummungsverbot) eingeleitet. Wie viele Delikte es insgesamt waren, ist noch unbekannt. Zudem sollen noch Videoaufnahmen ausgewertet werden. Zwei Einsatzfahrzeuge wurden beschädigt. Die Schadenshöhe ist noch unbekannt.

Nachdem der Freundeskreis den Bereich um die Stadthalle verlassen hatte, gingen auch die Gegendemonstranten auseinander. Gegen 20.45 Uhr war die Aktion vorbei.

Mehrere Gruppen kritisieren Polizeieinsatz 

Unterdessen gibt es auch von Seiten der Demonstranten scharfe Kritik am Vorgehen der Polizei.

Das Bündnis gegen Rechts verurteilte die Gewalt durch die Gegendemonstranten, übte aber auch Kritik am Vorgehen der Polizei. Einsatzkräfte seien aggressiv durch den friedlichen Teil der Gegendemonstration gezogen.

Die Göttinger Grünen stufen Teile des Polizeieinsatzes am Albaniplatz als überzogen ein. „Die durch die Versammlung wandernden Polizisten haben für viel Unruhe und Verunsicherung unter den Gegendemonstranten gesorgt. Auch das Vorgehen am Gitter erschien unangemessen hart. Eine deeskalierende Strategie war für uns nicht zu erkennen, so dass wir die Einsatzleitung der Polizei auffordern, den Einsatz kritisch aufzuarbeiten“, sagte Yonas Schiferau vom Stadtvorstand.

Die „Antifaschistische Linke International“ berichtet, dass die Sitzblockade im Friedländer Weg ohne Vorwarnung gewaltsam geräumt wurde. Auf das lockere Übersteigen der Absperrungen am Albaniplatz habe die Polizei „mit Schlägen und mit vorläufigen Festnahmen“ reagiert. Die Polizei sei später dazu übergegangen, mit mehreren Trupps in die Kundgebung einzudringen. „Wir konnten heute erneut eine Polizei sehen, die die Neonazis hofiert, während sie die Menschen, die gegen die Rechten demonstrieren als Gegner behandelt“, so die Kritik der „Antifaschistische Linke International“.

Von einem „unverhältnismäßgen Polizeieinsatz“ spricht die Grüne Jugend aus Göttingen: „Die mittels Schmerzgriffen äußerst ruppig durchgeführte Räumung der Sitzblockade war eindeutig rechtswidrig. Diese erfolgte ohne vorherige Ankündigung. Die Blockade war aber eindeutig als politische Versammlung einzustufen, eine vorherige Auflösung deshalb zwingend notwendig.“

Hunderte demonstrierten gegen Mahnwache von rechtem Freundeskreis

Rubriklistenbild: © Schlegel

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