Galerie wächst aus nasser Grube

Im künftigen Göttinger Kunstquartier entsteht das Galeriehaus

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Drei über der Baugrube: Auf dem Gelände des künftigen Kunstquartiers in der Düsteren Straße begutachten den Baufortschritt der Kunstgalerie von links Baudezernent Thomas Dienberg, Verleger Gerhard Steidl und Architekt Sebastian Thaut.

Göttingen. Das Projekt ist umstritten und hinkt dem Zeitplan ein halbes Jahr hinterher: Auf dem Gelände des künftigen Kunstquartiers in Göttingen sind die Bauarbeiten für das neue Galeriehaus aber nun voll im Gange.

Eine mit dicken Betonröhren abgegrenzte und gestützte Baugrube, an einer Ecke knietief mit Wasser gefüllt, ein Bagger, der Erde hinaus gräbt: Das was die Szenerie für einen Ortstermin in der Düsteren Straße, zu dem Thomas Dienberg geladen hatte.

Der Baudezernent der Stadt wollte und konnte Positives über ein Projekt berichten, dass in der Uni-Stadt umstritten ist und dem Zeitplan ein halbes Jahr hinterherhinkt: das Kunstquartier mit dem Galeriegebäude. Das soll bis zum Frühjahr 2020 aus dieser grundwassergetränkten Baugrube wachsen.

Bagger und Bauarbeiter der Baufirma FD Hochbau (Northeim) jedenfalls waren am Montag im Einsatz und lieferten das gewünschte Bild.

Zunächst wird die Baugrube bis aufs Grundwasserniveau ausgebaggert – der kleine See kündet bereits davon. Dann werden in der nächsten Woche 20 Betonmischer über die Turm- und Hospitalstraße anrücken und Spezialbeton anliefern, um mit dem „Unterwasserbeton“ die Sohle für die Kunsthalle zu bereiten. Scherzhaft sagt der städtische Projektleiter Jörg Haberl eventuell müsse man auch Taucher einsetzen.

Unterwasserbeton

Danach werden die bis zu zehn Meter in das Erdreich eingegossenen Betonpfähle – sie sichern das gesamte Areal und somit auch die angrenzenden Gebäude wie das Grass-Archiv stützen – gereinigt, damit sich Beton für die Außenwände der Galerie mit den Stützpfählen verbinden kann. Interessant: Zu Tage kam, dass das gesamte Wohngebiet vor 500 Jahren um einen Meter angehoben wurde, vermutlich zum Schutz vor Hochwasser.

Die Grabungen der Stadtarchäologie um Betty Arndt brachten diese Erkenntnisse und weitere Fundstücke hervor, aber keine Zeitverzögerung mit sich, wie Dienberg sagt.

„Das ist kein einfaches Unterfangen“, sagt Manfred Schulze, vom Northeimer Unternehmen FD Hochbau, das den Rohbau in die Lücke zwischen zwei historischen Gebäude stellt, die zu den ältesten der Stadt zählen, das Grass Archiv und das von der Stadt in Erbpacht genommene Haus Nummer 8.

Kompliziert ist auch der Aufbau der darüberliegenden Geschosse, wie Architekt Sebastian Thaut erklärt. Denn, um im Innenbereich weitgehend säulen- und wandfreie Ausstellungsräume zu bekommen, wird mit Spannbeton gearbeitet.

Zum Zeitplan: Das Kellergeschoss soll Ende Januar, das Erdgeschoss Ende März 2019 stehen. Der Rohbau wird dann inklusive zweier Vollgeschosse plus Dachgeschoss Ende Juni 2019 fertig sein. „Dann rücken die Arbeiter für die Innenausbau-Gewerke an, ist unsere Arbeit getan“, sagt Schulze von FD. Die Galerie wird dann 2021 die ersten Ausstellungen beherbergen.

Auch ein Steidl-Projekt

Bei dem Gedanken daran wird selbst der nüchterne Gerhard Steidl ein wenig sentimental: „Es ist fast 50 Jahre her, dass in Göttingen einige kunstinteressierte junge Leute die Idee einer Kunsthalle ins öffentliche Gespräch brachten.“ Steidl sagt es nicht, aber er war damals dabei. Verlassen hat die Idee den Kopf des passionierten Buchmachers aber nie, höchstens kurzzeitig überlagert aufgrund erlittener Enttäuschungen („Wir waren mal mehr oder weniger weit mit dem Projekt“).

Im August 2018 mit Blick auf die Baugrube jedenfalls ist Steidl milde gestimmt und dankt der Stadt für die hervorragende Arbeit. Denn die Galerie ist auch sein Wunsch, sein Ding. Er soll und wird sie mit Kunstwerken und Ausstellungen bespielen, seine weltweiten Top-Kontakte spielen lassen.

Bund gibt 4,5 Millionen

Ganz uneigennützig ist das nicht, aber die Initiative einzelner gepaart mit Unterstützung der öffentlichen Hand (Bundeszuschuss, Stadthaushalt) und der Wirtschaft in Person des kunstbegesiterten Ottobock-Chefs Georg Näder, hat oft etwas bewirkt. Unattraktiver dürfte Göttingen durch die Kunsthalle nicht werden. Aber die Zweifel an den Finanzen und Angst vor Auswirkungen für die Finanzierung anderer Kulturprojekte halten sich standhaft. Ob der Baufortschritt sie zerstreuen kann? Übrigens: Ursprünglich war einmal die Rede von einer Eröffnung in 2018.

Kunstquartier und Kunsthalle Göttingen

Die Kunsthalle, die Galerie, ist in der Düsteren Straße der Kern des in Göttingen geplanten Kunstquartiers im südlichen Teil der Innenstadt. Die Stadt hat mit Unterstützung der Bundestagsabgeordneten um Thomas Oppermann 4,5 Millionen Euro Fördergeld für das Projekt Galerie an Land gezogen, es kommt aus dem Topf „Nationale Projekte des Städtebaus“. Planer ist das Leipziger „Atelier ST“ um Architekt Sebastian Thaut. Den Archtitektenwettbewerb hatte das Kasseler Büro „Atelier 30 Archittekten“ gewonnen, Geld und Zeit hätten aber nicht ausgereicht, um es zu verwirklichen. Deshalb übernahm Atelier ST. Als Förderer ist auch Ottobock-Chef Georg Näder mit im Boot. 

Besonders um die Finanzierung – auch der Folgekosten – des gesamten Kunstquartiers inklusive Galeriehaus sind politisch umstritten. SPD und Grüne stehen hinter dem Projekt. Für das gesamte Kunstquartier sind nach anfänglich fünf nun sechs Millionen Euro Kosten veranschlagt. Für die Steigerung sind vor allem die Mehrkosten der Galerie verantwortlich. Das Angebot für den Rohbau lag 37 Prozent über der geplanten Summe.

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