Pandemie-Bekämpfung

Impfpriorität 3 wird in Niedersachsen bis Ende Mai komplett freigeschaltet

Nach eigenem Testen kommt auch das Impfen: Sartorius ist systemrelevant, weil das Göttinger Unternehmen auch in die Impfstoffentwicklung und -produktion eingebunden ist. In Kürze sollen Mitarbeiter geimpft werden.
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Nach eigenem Testen kommt auch das Impfen: Sartorius ist systemrelevant, weil das Göttinger Unternehmen auch in die Impfstoffentwicklung und -produktion eingebunden ist. In Kürze sollen Mitarbeiter geimpft werden.

Pflegende Angehörige und Menschen mit Rheuma, Asthma oder Herzkrankheiten können sich in Niedersachsen am kommenden Montag zum Impfen anmelden.

Göttingen – Nach Lehrern und Feuerwehrleuten öffnet in drei Schritten die gesamte Priorisierungsgruppe drei. Eine Woche später folgen Beschäftigte in Lebensmittelläden sowie Abgeordnete, Minister, Richter und Journalisten.

Ab dem 31. Mai sind dann Wahlhelfer, Hochschultätige und Beschäftigte aus Unternehmen der kritischen Infrastruktur wie Pharmawirtschaft, Transportgewerbe, Telekommunikation und auch Bestattungswesen dran.

„Es geht um die individuelle Gefährdungslage“, erklärte Gesundheitsministerin Daniela Behrens (SPD) am Donnerstag in Hannover. Erst habe man sich vor allem am Alter und an medizinischen Gründen orientiert. Jetzt kämen Berufe mit vielen Kontakten an die Reihe. Im Impfportal des Landes würden die jeweiligen Priorisierungsmerkmale nach und nach freigeschaltet. Die Impfinteressenten müssen sich ihre Berechtigung vom Arzt oder Arbeitgeber bescheinigen lassen.

In der Gruppe drei befinden sich laut Ministerium etwa 3,2 Millionen Niedersachsen. „Wir bitten um Geduld, bis alle durchgeimpft sind“, sagt Behrens. Wenn die Impfkampagne aber weiter so gut laufe, könne man sich im Laufe des Juni von den Prioritätslisten verabschieden.

Bekämpfung der Corona-Pandemie in Niedersachsen: Soziale Brennpunkte

Schon vorher will das Land Personen in besonders schwierigen Wohn- und Lebensverhältnissen immunisieren, um dort die Gefahr von größeren Corona-Ausbrüchen zu senken. Am kommenden Montag sollen mobile Impfteams in Absprache mit den örtlichen Gesundheitsämtern solche prekären Quartiere aufsuchen, so wohl auch in Göttingen an den Problemwohnkomplexen Iduna-Zentrum und Groner Landstraße, wo es 2020 Masseninfektionsausbrüche gab sowie am Hagenweg 20. Dort werden am Montag zunächst Schnelltests angeboten.

„Wir wollen nicht darauf warten, dass sich die Menschen dort von selbst melden“, so Behrens. Das Land will nun auch endlich den Zugang zum Impfportal in mehreren Sprachen öffnen.

Bekämpfung der Corona-Pandemie in Niedersachsen: Betriebsärzte

Ebenfalls nach diesem Wochenende startet der Modellversuch mit Betriebsärzten. Daran nehmen fünf große Unternehmen teil: Die Sartorius AG in Göttingen, Volkswagen in Wolfsburg, die Salzgitter AG sowie der Drogeriekonzern Rossmann und der Lebensmittelhändler Rewe in Hannover. Bei der Auswahl der Firmen habe das Land neben großen Impfkapazitäten auch gefährdete Berufsgruppen, die nicht ins Home-Office können, und die Lage in Hochinzidenzkommunen berücksichtigt, erklärte Behrens.

„Bei Sartorius hat die besondere Relevanz für die Impfstoffproduktion eine wichtige Rolle gespielt.“ Der Medizintechnik- und Life-Science-Konzern, das die Ministerin vor zwei Wochen besucht hatte, ist auch ein wichtiger Zulieferer für den deutschen Hersteller Biontech und für Entwickler und Prozenten von Corona-Impfstoffen und Medikamenten. Bei Sartorius soll bereits in der kommenden Woche geimpft werden – zunächst stehen 1200 Dosen zur Verfügung.

Für alle fünf genannten Großunternehmen stehen aber insgesamt nur 11 700 Dosen zur Verfügung. Sie dürfen im Rahmen des Tests auch nur an priorisierte Personen gespritzt werden. Das richtige Impfen in Betrieben soll am 7. Juni losgehen.

Bekämpfung der Corona-Pandemie in Niedersachsen: Protest Tourismus-Plan

Vor dem Landtag forderte ein Aktionsbündnis aus Hoteliers, Gastwirten, Campingplatz-Betreibern und Vermietern von Ferienwohnungen erhebliche Nachbesserungen bei den Öffnungen für den Tourismus. Die von Urlaubern täglich geforderten Negativ-Tests seien für die Branche nicht durchführbar, warnte der Geschäftsführer der Lüneburger Heide GmbH, Ulrich von dem Bruch. Auch die Verpflegungsfrage sei völlig offen. „Sollen sich unsere Gäste auf dem Zimmer mit dem Bunsenbrenner ihre Dose Ravioli warm machen?“

Als völlig realitätsfern kritisierte die Vorsitzende des Vereins LandTouristik Niedersachsen, Martina Warnken, die Landeskinder-Regelung, wonach zunächst nur Gäste mit Erstwohnsitz Niedersachsen Urlaub machen dürften. Es mache keinen Sinn, getesteten Urlaubern von außerhalb mit niedriger Inzidenz die Anreise zu verweigern, sagte die Milchbäuerin, die nebenher acht Ferienwohnungen vermietet. Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) zeigte zwar Verständnis für die Sorgen, rechtfertigte den Plan mit der immer noch grassierenden Pandemie. Niedersachsen stehe beim Infektionsgeschehen einfach besser als andere Bundesländer da. Gerade im Interesse der Branche gehe es darum, mit sinkenden Ansteckungszahlen die Hauptreisezeit, die Sommerferien, zu erreichen. „Wir dürfen auf letzten Metern der Wegstrecke keinen Fehler mehr machen.“ (Peter Mlodoch und Thomas Kopietz)

Kommentar: Starke Schachzüge gegen den Gegner Coronavirus

Endlich. Mit mehr Impfdosen und der Erweiterung auf Hausärzte sowie bald auch Betriebsärzte kommt Tempo in das niedersächsische Impfgeschehen. Umso notwendiger ist, dass auch die Priorisierungsgrenzen gesprengt werden. Noch wird zwar erst die Prio-Gruppe 3 geöffnet, aber bald – und da muss man kein Prophet sein – wird sich auch endlich die ganze Priorisierungskartei in Wohlgefallen auflösen. Andere Staaten machen es uns diesbezüglich vor: Wer geimpft werden will, kann sich anmelden oder – noch pragmatischer – einfach zum Impfzentrum gehen oder zur Drive-In-Injektion fahren. Löblich, dass die Landesregierung nun auch Großunternehmen einbindet, dort das Impfen ermöglicht, wenn auch vorerst nur einer Minderheit. Mit Sartorius spielt Göttingen im Konzept der Großunternehmen als Testkandidaten eine Rolle. Auch das ist ein gelungener Schachzug, weil der Konzern strikt und früh auf Testung und Kontaktreduzierung setzte. Kein Wunder, es ist extrem wichtig für die Impfstoffproduzenten.

Göttingen stand im Frühjahr/Sommer 2020 im Fokus, dort gab es Massenausbrüche in Problemwohnkomplexen. In solchen will das Land nun schnell impfen – auch das ist ein starker Zug im Duell mit dem Virus. tko@hna.de

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