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Neues Implantat aus Göttingen: Hoffnung für Millionen Schwerhörige

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Von: Thomas Kopietz

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UMG-Hörforscher
Blaues Licht für besseres Hören: Das opto-genetische Cochlea-Implantat aus Göttingen soll 2026 in die klinische Erprobung an Patienten gehen. © UMG/nh

Ein Implantat aus Göttingen ist für weltweit eine Millionen schwer hörgeschädigter Menschen eine große Hoffnung. Jetzt gibt es Unterstützung für die klinische Erprobung.

Göttingen – Elektrische Cochlea-Implantate ermöglichen weltweit etwa einer Million schwer hörgeschädigten Menschen ein Sprachverstehen. Aber die Geräte haben Schwächen. So ist ein Musikhörgenuss kaum möglich und bei mehreren Geräuschquellen ist die Leistung stark gestört. Forscher in Göttingen entwickeln ein revolutionäres Innenohr-Implantat – das statt auf elektrischer Übertragung mithilfe von Licht funktioniert.

Zusätzlich werden die Hörnerven gentechnisch behandelt. Das Ergebnis: Auch schwer Hörgeschädigte können wieder hören. Im Tierversuch mit tauben Mäusen gab es mit der neuen Prothese im Ohr sensationelle (Hör-)Erlebnisse. Zurzeit laufen Versuche mit gezüchteten Weißbüschelaffen am Deutschen Primatenzentrum (DPZ) Göttingen.

Für 2026 ist eine klinische Versuchsreihe mit Patienten an der Universitätsmedizin Göttingen (UMG) geplant, wie Professor Tobias Moser sagt. Davor muss aber weiter geforscht und entwickelt werden. Beteiligt sind auch Forscher des Göttinger Exzellenzclusters „Multiscale Bioimaging“, dessen Sprecher Tobias Moser ist.

Revolution in der Gehörschnecke: Forscher der Uni-Medizin Göttingen (UMG) entwickeln ein optisches Cochlea-Implantat, das per Lichtstrahl die Hörnerven aktiviert und so herkömmliche CI auf elektrischer Basis an Leistung deutlich übertrifft. Grafik: UMG/nh
Revolution in der Gehörschnecke: Forscher der Uni-Medizin Göttingen (UMG) entwickeln ein optisches Cochlea-Implantat, das per Lichtstrahl die Hörnerven aktiviert und so herkömmliche CI auf elektrischer Basis an Leistung deutlich übertrifft. © Grafik: UMG/nh

Jetzt wird eine Studie am Menschen und letztlich auch ein möglicher Einsatz des opto-genetischen Cochlea-Implantats wahrscheinlicher – durch eine kräftige Fördersumme: Das Land Niedersachsen und die VolkswagenStiftung stellen eine Million Euro aus dem Programm „Niedersächsischen Vorab“ – das laut Wissenschaftsminister Björn Thümler (CDU) demnächst „Sprung“ heißt. Mosers Freude über die Geldspritze ist groß: „Ich möchte dem Land Niedersachsen ausdrücklich für die Unterstützung danken.“ Ministerpräsident Stephan Weil habe bei seinem UMG-Besuch der „großes Interesse an diesem translationalen Projekt bekundet“, sagt Moser und fügt an: „Die nun gewährte Landesförderung ist ein sehr wichtiger Schritt bei der Vorbereitung der klinischen Prüfung.“

Natürlich hegt Moser auch einen Traum: Über ursächliche und regenerative Therapien tauben Menschen das Hören wieder zu ermöglichen, nicht funktionierende Hörnervenzellen und Haarsinneszellen also wieder zu erwecken – mittels Pharmakologie, Gen- und Zell-Therapien. Daran hakt es aber noch. Also konzentrieren sich Moser und Team auch auf besagte opto-genetische Cochlea-Implantate.

„Bevor solche Ansätze die Wiederherstellung des Hörens möglich machen werden, sind die meisten mittel- bis hochgradig Schwerhörigen oder tauben Menschen vermutlich auch in den kommenden ein bis drei Jahrzehnten auf Hörgeräte und CIs als breit anwendbare Versorgungslösungen angewiesen, da sie unabhängig von der genauen Krankheitsursache hilfreich sind“, erläutert Moser.

Da Licht räumlich wesentlich besser begrenzt und fokussiert werden kann als elektrische Reize, verspricht die optische Stimulation des Hörnervs, die Grenzen der elektrischen CIs zu überwinden. Durch die besagte Kombination eines optischen CI mit einer Gentherapie wird eine fundamentale Verbesserung der Frequenzauflösung erreicht. Dabei wird die Gentherapie genutzt, um einen Licht-aktivierbaren Ionenkanal („Lichtschalter“) in Spiralganglionneuronen der Gehörschnecke einzuschleusen und diese lichtempfindlich zu machen.

Prof. Dr. Tobias Moser
Prof. Dr. Tobias Moser © UMG/nh

Noch aber ist seit 20 Jahren das elektrische CI die erfolgreichste Neuroprothese bei Menschen – mit genannten großen Schwächen. Je nach Frequenzbereich aktiviert der eintreffende Schall einzelne Elektroden des Implantats. Diese stimulieren wiederum den Hörnerv, was vom Gehirn dann als Geräuscheindruck interpretiert wird. Die breite Stromausbreitung von jeder der 12 bis 24 Elektroden führt jedoch zu einer nicht-selektiven Anregung der Nervenzellen und so zu einer schlechten Wahrnehmung von Tonhöhen.

Klassik und Rock, dazu ein störungsfreies Erkennen von Sprache selbst im Festzelt mit vielen Nebengeräuschen, das wird das opto-genetische CI ermöglichen. Mehr noch: Das geplante 64-kanalige optische Cochlea-Implantat soll es Nutzern ermöglichen, Sprache auch in geräuschreicher Umgebung zu verstehen, Sprachmelodien zu erkennen und auch Melodien zu genießen. (Thomas Kopietz)

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